Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- Israel in Ägypten
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 28 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 28 JPkOWdr Nr. 35 gestellt werden; denn nicht alle Länder wurden immer in solcher Reihenfolge aufgeführt. „Man kann," wie der Verfasser bemerkt, „aus dem Texte nur die Thatsache erkennen, dass zu einer gewissen Zeit ein Volk Israel vorhanden war, das an Kornmangel litt. Aber nicht einmal ganz gewiss ist es, dass dies unter der Regierung Merneptah's geschah. In Anbetracht der Sucht der Pharaonen, ältere Inschriften unter die ihrigen aufzunehmen, könnte der König auch diese Erwähnung Jsrael's in einem früheren Texte gefunden und für seinen eigenen Ruhm ausgenützt Möglicherweise liegt in der erwähnten Inschrift eine Andeutung der Hungersnoth, welche die Familie Jacobs zwang, Palästina zu verlosten. Doch will Professor Wiedemann darüber weder für noch wider eine bestimmte Ansicht aussprecheu. ,.N. F. IV Feuilleton. Die Poesie des Iudenkhums. Von Max Aram. Der Begriff des Poetischen war einige Zeit in Misscredit gekommen durch die stürmischen Angriffe der naturalistischen Bewegung. In der Epigvnenpoesie, die immer blasser und schemenhafter wurde, hat sich eine so süßliche, fade, verlogene Poesie dargestellt, dass die brutalste Prosa des Werkeltagslebens wie Seeluft erquickend und erfrischend wirken musste. Sie wurde auch dadurch recht erträglich gemacht, dass ihr die höchste technische Vollkommenheit gegeben wurde, und da die Dichtung immer mehr zu einer bildenden K u n st umgewandelt werden sollte, liess sich den k ü n st l e r i s ch e n Maßstäben auch genügen ohne das eigentlich Poetische, welches ja von den bildenden Künst7n nicht ohne weiteres gefordert werden dürfte; die Schärfe der Charakterisierung, die Echtheit und Exactheit der Beobachtung schienen alles Poetische verschlungen zu haben. Aber es konnte nicht auf die Dauer entfernt werden; denn wodurch die Dichtung mit einem ursprünglichen naturgesetzten Bedürfnis der Menschheit zusammenhängt, das dürfte das Poetische sein. Wir mögen bis zu den Naturvölkern zurückgehen, so scheint sich die Dichtung nur als Ausdruck für jene erhöhten Momente des Lebens eingestellt zu haben, welche man eben die poetischen nennt. Jedoch erklären kann den Begriff diese Gleichung recht wenig, da sie das, was etwa aus ihr klar werden sollte, voraussetzt, er lässt sich so wenig einfangen, wie ein Schmetterling, der über uns flattert, und wenn zwei noch so gelehrte und scharfsinnige Leute darüber disputieren wollten, sie müssten unmuthig vor dem Unbegrenzten und Unbegrenzbaren abbrechen und es den Poeten selber überlasten, welche es aber auch nur in der Hand, ja bis in die Fingerspitzen fühlen und doch nicht aussprechen könnten. Hingegen zeichnen sich die Begriffe des Poetischen bei den verschiedenen Völkern gegen einander ziemlich deutlich ab, und darüber könnte man wohl, wie Ibsens Eilert Lövberg über die Zukunft, „immerhin Einiges sagen". Des Judenthums ursprünglichste und eigenthümlichste Poesie stellt sich im alten Testamente dar. Vorzüglich die patriarchalischen Zeiten geben von ihr einen schönen und ausreichlichen Begriff, und Goethe kommt auf sie immer wieder zurück. Wenn Werther am Brunnen sitzt, wohin die Mädchen aus der Stadt kommen und Master holen, so denkt er daran, dass dieses harmloseste und nöthigste Geschäft „ehemals die Töchter der Könige" selbst verrichteten. Die patriarchalische Idee lebt so lebhaft um ihn, wie sie alle, die Altväter, am Brunnen Bekanntschaften machen und freien". Und noch in „Dichtung und Wahrheit widmet Goethe jenen Zeiten — vielleicht sogar mit einer unorganischen und unperspectivischen Breite — eine liebevolle, reine und erhabene Darstellung, die das Poetische jener Epoche wie ungewollt in einen! feinen Dämmer erscheinen lässt. „Zum Hirtenstande gehörten die Erzväter. Ihre Lebensweise auf dem Meere der Wüsten und Weiden gaben ihren Gesinnungen Breite und Freiheit, das Gewölbe des Himmels, unter dem sie wohnten, mit allen seinen nächtlichen Sternen ihren Gefühlen Erhabenheit und sie bedurften mehr als der thätige, gewandte Jäger, mehr als der sichere, sorgfältige, hausbewohnende Ackersmann des unerschütterlichen Glaubens, dass ein Gott ihnen zur Seite ziehe, dass er sie besuche, an ihnen Antheil nehme, sie führe und rette." Diese „schöne Welt" ist umso poetischer, als ihre Begebenheiten „Familienauftritte" sind, „die sich noch nicht in eine Geschichte des israelitischen Volkes verloren haben". Menschlich, schön und heiter stellt sich der sanfte, wahrhaft „urväterliche" Charakter Abrahams dar, und als eine „edle Familie" seine ebenbürtige Nachkommenschaft. Aber dem modernen Juden ist diese uralte Poesie in Wahrheit doch recht fremd geworden; die Säule ihres phantasievollen Wiederauflebens steigt dem modernen jüdischen Dichter nicht aus dem dunklen Blute empor, iondern sie muss erst aus einer Impression dieser starken alttestamentarischen Dichtungen hervorgchen. Dasselbige mag dies Verhältnis sein, als das, in welchem der moderne Deutsche zu seinem Nibelungenliede steht. Nicht nur Friedrich der Große lehnte es in einerauffällig schroffen Forni ab, sondern auch Goethes wunderliche Reccnsion der Simrock'schen Nibelungenübersetzung verräth eine mehr pflichtmäßige als herzliche begeisterte Bewunderung für die riesenhafte Dichtung. Wenn den Deutschen vom Nibelungenliede die „gröbste Roheit und Härte" zurückstoßen mag, so den modernen Juden von seiner ältesten Poesie die Züge von Wildheit und Grausamkeit, die, so menschlich und schön auch die Religion der Erzväter ist, doch hindurchgehen, die blutigen Opfer von Feinden und Freunden, die grausame Art der Thieropfer und dergleichen. Und ist der Deutsche seiner ursprünglichen Poesie durch das Christenthum entfremdet worden, so der moderne Jude der seinigen durch das Ghetto. In des Ghettos dumpfer Mauerluft musste aller kriege - rische und herrische Sinn des Volkes, der vielleicht niemals sehr groß gewesen, völlig absterben; und dies musste die bedeutsamste Wirkung auf seine „Poesie" thun; denn neben den erotischen sind die kriegerischen Gefühle die eigentlichsten Triebkräfte des poetischen Empfindens, wie desgleichen die kriegerischen auf die erotischen selber wirken. Die Poesie der germanischen Rasse wird am deutlichsten dargestellt durch die leuchtende Gestalt des Percy Heißsporn, die von Shakespeare, deni „Speerschüttler", erfunden ist, und in der sich die männliche Liebe durch jene kriegerische Tapferkeit gerade in ihrer höchsten Reinheit erweist. Hingegen muss es leider gesagt werden, dass das Liebesgesühl der jüdischen Poesie etwas Schwüles. Schwächliches, ja (man kann dabei sogar an Heine denken etwas gemein Sinnliches hat. Oder es hat in der familiären Enge des Ghetto etwas hausbacken Philiströses. Wenn man die schönste und zaubcrvollste Ghettopoesie, Heines „Rabbi von Bacharach", sorgfältig betrachtet, so könnte man erkennen, dass alle eigentlich „romantische" Poesie von dem Leben außerhalb der Ghettomauern hervorgebracht wird, dass innerhalb derselben aber eine eigene seltsame Poesie waltet, die vorzüglich aus einem fteien, feinen Humor beruht. Dieser Humor stellt sich nicht wie der der germanischen Völker in vollsaftigen, derben, realistischen Gestalten dar, sondern ähnlich wie in altspanischen oder altenglischen Lustspielen besteht er in einem feinen, heiteren, unbefangenen Spiele mit dem Dasein, welchem so eine echr poetische Verfeinerung zutheil wird. Dieser feine, witzige Humor mag des Ghettos echteste Poesie sein. Wenn wir ihn nach Heines „Rabbi von Bacharach" bei keinem jüdischen Poeten mehr wiederfinden, so dürfte dies einer anderen literarischen Erscheinung vergleichbar sein, dass nämlich die Gestalt Jesu Christi die großen deutschen Dichter nicht zur Darstellung ver locken konnte. Wie sie aus rationalistischer oder gar pantheisti scher oder atheistischer Befangenheit die poetischen Reize dieser