Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- Lemberg
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 25 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 35. jPfcSWt: Seite 25 agents provocateurs, welche ihr Handwerk nur zu dem Zwecke trieben, damit die Juden recht hohe Ansprüche aus Schadenersatz stellen könnten. Bon den Journalen, welche mehr links stehen, wird gleichfalls eine Aufreizung der Bevölkerung durch jüdische Agenten behauptet; diese stünden im Solde der herrschenden Clique, der Schlacht«, und hätten es darauf angelegt, den galizischen Machthabern, denen völlig verfassungsmäßige Zustände gerade jetzt unangenehm wären, die Bahn zu ebnen. Wir haben keine Zeit und auch keine Lust, auf derartige Wahngebilde einzugehen. Wir führen aber diese Zeitungsstimmen an, um wieder einmal zu zeigen, wie ganz einfach durch die Staatsraison gebotene Maßregeln von den Feinden der Juden solange gedeutet werden, bis irgend eine recht hässliche Beschuldigung herausgeklügelt wird und man den Juden wieder eins am Zeuge flicken kann. Dass die Juden nicht warten konnten, bis ihr gesammtes Hab' und Gut iu Flammen aufgegangen oder unter den raublustigen Händen eines aufgereizten Pöbels verschwunden war, dass sie deshalb die thatkräftige Hilfe der Regierung in Anspruch nahmen, das kann ihnen nur Hass und Missgunst verdenken. Bedauerlich, aber zugleich charakteristisch für den Grad der Ausschreitungen bleibt cs immerhin, wenn man mit den gewöhnlichen Mitteln nicht das Auskommen findet. Frankreich. Algier. Die Situation in Algerien wird von Tag zu Tag eine schwierigere. Die antisemitischen Excesse, die schon lange die Grenzen einer rein judeufeindlichen Bewegung überschritten haben, beginnen die Regierung ernstlich zu beunruhigen, zumal es ein radicales Ministerium ist. Die Lage in Algier ist überhaupt symptomatisch für die ganze Misere in Frankreich. Die algerischen Juden werden angefeindet, weil sie republikanisch sind und für die Regierungscandidaten stimmen. Die tonangebende Partei in Algier aber besteht aus den Regierungsbeamten, die. so merkwürdig es auch klingen mag, monarchistisch fmb. Darum der große Judenhass. Denn weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich coucurrieren mit ihnen die Juden. Diese leben vollkommen für sich isoliert, und unter den 45.000 Juden sind 30.000 blutarme Teufel. Unter den früheren, mehr rechts stehenden Regierungen wurde des öfteren der Versuch gemacht, die Ruhe herzustellen. Aber immer vergebens. Jetzt wird von neuem begonnen. Am 31. August wird sich der Generalgouverneur von Algier, Laferribrc, einschiffcn, um sich auf seinen neuen Bestimmungsort zu begeben. Ihm gehen aber die Decrete über die Reformen voran, deren Durchführung er sich zur Aufgabe gesetzt hat. Diese Decrete sind bereits veröffentlicht. Sie verfolgen das Ziel, vor allem genauer die Vollmachten des Generalgouverneurs zu umschreiben, namentlich in seinen Beziehungen zu den Commandanten der Land- und Seemacht in Algier. Die größte Tragweite hat das vierte Teeret, .welches die israelitischen C o n s i st o r i e n Algeriens umgestaltet. Die Organisation derselben war der Frankreichs nachgcbildet, wo die Departemental-Consistorien, Paris allein ausgenommen, je einer Gruppe von 2000 Israeliten und darunter entsprechen. Im Departement Algier leben hingegen 17.100 einheimische Israeliten, im Departement Constantine 16.000, im Departement Oran 22.000. Dadurch, meint die Regierung, haben sich die Consistorien zu Mächten herausgebildet, deren Missbräuche das Ihrige zu der antisemitischen Bewegung beigetragen hätten. Die Regierung glaubt nun, darin eine Gefahr zu erblicken, dass diese Consistorien einen zu großen Einfluss auszuübcn v ermöchten. Diese drei Provinzial-Consistorien sollen daher durch Bezirksconsistorien, deren Jurisdiction sich nicht über mehr als etwa 2000 jüdische Einwohner erstreckt, ersetzt werden. Uebcrdies verfügt das Decret eine Controle über die Vertherlung der aus verschiedenen Abgaben, insbesondere aus der Taxe für das rituelle Schächten einfließenden Summen an arme Juden. Es ist ganz klar, von welcher Absicht sich die Regierung bei diesem Decret leiten ließ. Es klingt wie Hohn, wenn man vernimmt, die Consistorien hätten einen zu großen Machtkreis gewonnen; als ob die Juden es wären, die die Bazare geplündert und zerstört, ruhige Paffanten getödtet, die nächtlichen „Rundgänge" des Herrn Rc-gis veranstaltet hätten. Man will eben den Antisemiten entgegenkommen, und die strammen Radicalen buhlen um die Gunst der „Nationalisten". Das Decret bedeutet aber mehr, als man aus den Zeilen herauslesen kann. Die Consistorien sollen nur über 2000 Seelen verfügen. Damit ist die willkürliche Eintheilnng nach dem Belieben der betreffenden Beamten gegeben. Die Volkszählung in Frankreich ist nämlich ohne Rücksicht auf die Confession durchgeführt worden. So weiß man eigentlich keine bestimmte Einwohnerzahl der französischen Juden. Die Angaben schwanken zwischen 00.000—70.000. Man ist da ans einen Calcul angewiesen. Die Sterblichkeit ist 000 im Jahre, mit dem allgemeinen Percentsatz mnltipliciert, gibt das 55.000. Da aber die Sterblichkeit bei den Juden geringer ist, so dürfte sich ihre Ziffer etwas höher stellen. So kann eine Eintheilnng in kleinere Consistorien nur eine willkürliche sein, und die nächste Zukunft dürfte darüber Aufschluss geben, was die Regierung noch sonst gegen den zu großen „Machtbereich" der algerischen Juden zu thun gedenkt. * Populär-wissenschaftliche Rundschau. Elcktricität in der Landwirtschaft. Wie auf allen anderen Gebieten, nimmt auch in der Landwirtschaft die Anwendung der Elektricilät mehr und mehr zu. Es ist schon verschiedentlich über derartige Einrichtungen berichtet worden, heute aber kann über eine Anwendung der Elektricität in der Landwirtschaft berichtet werden, wie sie in so ausgedehntem Maßstabe noch niemals vorgekommen ist. Im Kreise «amtet bat sich nämlich eine den ganzen Kreis umfassende Genoss e n s ch a f t zur Einführung des elektrischen Betriebes in der Landwirtschaft gebildet. Es wird dort durch die Elektricitäts-Actiengesellschafr „H e l i o s" in Köln mit dem Aufwande von drei Millionen Mark eine landwirtschaftliche Eentrale errichtet, welche verpflichtet ist, an alle Güter und Gemeinden in einem Umkreise von etwa 20 Kilometern elektrischen Strom abzugeben. Tie Kraststation wird ungefähr in der Mitte des Kreises, nahe dem Bahnhof Polko, errichtet. Tie größte Entferfernung ist 12 Kilometer von der Eentrale. Ter Strom findet Verwendung zur Beleuchtung, sodann zum gesummten landwirtschaftlichen Betriebe, zum Pflügen, Eggen, Dreschen, Reinigen des Getreides, Futterschneiden, Brantweinbrennen, Stärkesabrication, in der Molkerei :c. Alle Genossenschaften sind zu einer Mindest-Stromentnahme und zur Verdingung einer Mindestleistung im Pflügen zu verpflichten und zahlen für das Pflügen eines Morgens in Tiefcultur bis zu 35 Centimetern i Mk. 5<> Pf., für eine Pferdekraftstunde beim Dreschen. Häckselschneiden 15 Pfennige und für eine Lampenbrennstunde zu >'< Kerzen 27«. Pfennige. Das Pflügen würde demnach nur etwa ein Tritte! des Betrages kosten, der beim Dampfpflügen aufznwenden ist, und das Dreschen etwa zwei Drittel des Betrages, den das Dreschen mit der Dampflocomobile ausmachl. Die Elcktomotorcn, mit 'Ausnahme der Pflugmotoren, sind von den Landwirten zu beschaffen: das Leitungsnetz stellt die Gesellschaft. Den Anschluss nach Hof und Feld haben die einzelnen Besitzer selbst zu bezahlen! Anfang Mai lagen schon von st Gütern Beitrittserklärungen vor. Tie Genossenschaft, die zunächst die Gesammt interessen der 'Angeschlossenen zu vertreten hat, behält sich das 'Ankaufsrccht der Centraje unter Zugrundelegung des Buchwertes nach Abzug der für jedes Jahr vorgesehenen Abschreibungen vor. Aufspeicherung von.Sonnenstrahlen. Das Problem der 'Aufspeicherung von Sonnenstrahlen durch Sammellinsen ist wieder einmal praktisch und mit einem interessanten Erfolge gelöst. Ter Astronom und Geodät Professor B. K. Ceraßkij hat nämlich mittelst eines versilberten Glashohlspicgels eine Temperatur von etwa 35u> Grad Celsius durch bloße Sammlung der auf den Spiegel auffallenden Sonnenstrahlen erzielt, während die^Samm lung der von einem elektrischen Lichtbogen ausgesendeten Strahlen bei einer dem scheinbaren Sonnendurchmcsser gleichen Länge des Lichtbogens nur eine Temperatur von rund 106 Grad Celstus ergab. ' Dieser Versuch ist nicht nur sehr bemerkenswert, er lässt auch einen Rückschluss gewinnen auf die unvergleichlich viel höhere Temperatur der Sonne, von deren Strahlung durch den Hohlspiegel doch nur ein verschwindend winziger Bruchtheil aufgefangen wird.