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Die Welt · 1898-09-02 · 35 (2.9.1898) · p. 20

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
III. Congreßtag
Date
1898-09-02
Page
20 (sequence 2)
Language
German
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Seite 20 jMtym Nr. 35 auf die noch nicht erfasste Absicht des Betreffenden zurückzuführen ist. Der Congress aber hat einstimmig, darf ich sagen, seine Begeisterung für diese großartige That ausgesprochen. Ich möchte meine Collegen von der Presse bitten, kameradschaftlich bitten, unseren Berathungen mit einiger Auftnerksamkeit zu folgen; ich bin dann überzeugt, dass Missverständnisse nicht hinausgehen werden. Wir können nicht immer die Jrrthümer berichtigen, aber es liegt mir sehr viel daran, dass man genau weiß, was hier gesprochen worden ist, und dass man sich schließlich auf die stenographischen Protokolle stützen könne. Wir gehen jetzt zur Besprechung der Colonialbank über, da es der Wunsch des Congresses war, dass wir diesen Punkt mit möglichster Beschleunigung behandeln. Das Wort hat Herr Wolffsohn. Referat -es Herxn D. Wolffsohn. Verehrt ^Versammlung! Bei jedem neuen Unternehmen muss zuerst geprüft werden, ob das Unternehmen eine Nothwendigkeit ist, und zweitens, ob die Möglichkeit vorhanden ist, das Unternehmen ins Leben zu rufen. Erst dann, wenn diese beiden Fragen gelöst sind, erst dann darf zur praktischen That geschritten werden. Auch der Congress wird diese beiden Fragen prüfen müssen, wenn Sie dem Ihnen vorliegenden Bankprospect Ihre Zustimmung geben wollen. Die erste Frage, ob die Bank für uns nothwendig ist, ist sehr leicht zu beantworten. Es ist selbstverständlich, dass, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, wir zu unserer großen Organisation eine geschäftlich rein kaufmännische Verwaltung haben müssen, und die beste Form für diese Verwaltung dürfte zweifellos die einer Bank sein. Soll das, was wir hier theoretisch beschließen, praktisch durchgeführt werden, dann müssen wir auch darnach trachten, uns das nöthige Instrument herzustellen, und das einzige geeignete Instrument dürfte wohl die Jüdische Colonialbank sein. Das Actionscomitö, das erst voriges Jahr nach dem ersten Congress seine Thätigkeit begonnen, war sich wohl bewusst, dass auch Sie davon überzeugt sein werden. Schwieriger aber erschien es, den Beweis für die Möglichkeit zu liefern. Das Count«? konnte und durfte dem Congress keine Vorlage machen, für deren Ausführbarkeit es keinen Beweis hatte. Ein altes Sprichwort sagt: „Probieren geht über Studieren". — Das Actionscomit«? ist nach diesem Recept vorgegangen und hat eine Probesubscription beschlossen, die uns zeigen sollte, ob die Kraft, die wir dem Zionismus zugemuthet, überschätzt wurde oder nicht. Die Borconferenz in Wien, von der Ihnen schon berichtet worden ist, hat daher den Beschluss gefasst, ohne jede weitere Vorbereitung in eine Subscription einzutretcn, und zwar mit dem Modus, dass jeder Subscribent sogleich 10 Percent des gezeichneten Betrages anzahlen muss. Diese merkwürdige Subscriptiou wurde gegen jede bisherige Praxis ohne Ganquiers und Financiers, ja sogar ohne Programm und Statuten eingelcitet. Sie hatte ja nur den Zweck, als Kraftprobe zu dienen, und als solche hat sie sich auch glänzend bewährt. In der kurzen Zeit der wenigen Wochen sind von unseren Anhängern fast 4- Millionen Francs gezeichnet worden. Merkwürdig nannte ich diese Subscription, merkwürdig und einzig in ihrer Art, denn es dürfte wohl noch nie vorgekommen sein, dass für eine Bank, die weder Prospect noch Statuten bekanntgegeben, ohne weiteres 4 Millionen Francs gezeichnet sind. Merkwürdig ist die Subscription auch dadurch, dass sie eine Bolkssubscription ist, deren Einheit in allen Welttheilen aufgebracht wurde. Aus allen Welttheilen, überall, wo Juden wohnen und leben, sind Zeichnungen eingelaufen. Weit über 1000 Zuschriften hat das BankcomitO in der kurzen Zeit erhalten, die alle durchwegs von einer Begeisterung getragen sind, wie sie wohl ein geschäftliches Unternehmen noch nie erlebt haben dürste. Aus allen Ländern der Welt wurde dem Bankproject begeisterte Zustimmung. Hunderte Berichte von Vereinen und Corporationen, die voller Vertrauen reden, dass Massenzeichnungen erfolgen werden, sobald erst eine regelrechte Subscription eingeleitet wird. Biele von Ihnen, meine Herren, die sich mit der Subscription bemüht haben, werden dasselbe bezeugen können und werden auch wissen, dass die Subscription, die erst im Juli in Fluss gekommen ist, noch lange nicht beendet ist. Täglich laufen noch Zeicheulisten ein. In den letzten Tagen sind hier in Basel 250.000 Frcs. Zeichnungen angemeldet worden. Der beste Beweis für das Gelingen eines Unternehmens dürste wohl die Popularität sein. Eine größere Popularität, wie unser Bankproject überall gesunden, ist kaum denkbar. Im Verhältnis zu der Bevölkerungszahl der Juden in den verschiedenen Ländern haben bis jetzt insgesammt 23.000 gezeichnet. Von dem Gesammtbetrage sind 95 Percent in einzelnen Shares gezeichnet. Diese Betheiligung der Kleinen aber leistet auch zugleich die beste Garantie für die Sicherheit der Bank, denn sie legen uns die höchste Verantwortung aus, mit der größten Vorsicht und Umsicht zu Werke zu gehen. In der ganzen Natur unserer Bewegung liegt es, dass wir mit Sturmschritt Vorgehen, und das ist gut. Hier aber, bei diesem Punkte, bei der Bank, da müssen wir uns die größte Reserve auferlegen. Es wird also unbedingt nöthig sein, dass Sie zuerst ein Comite einsetzen, welches die Schritte, die uns noch von der Gründung trennen, in Ruhe und mit Ueberlegung machen kann oder vorbereitet. Die Bankconferenz, die hier seit dem 25. getagt und erst soeben ihre Arbeiten beendet, schlägt Ihnen dieses vor, und wird Ihnen Herr Dr. Bodenheimer über die Beschlüsse der Bankconferenz Bericht erstatten. Zwecklos wäre es, schon hier über die Einrichtung der Bank zu discutieren oder gar Beschlüsse zu fassen. Die Bank soll zwar ein Hauptfactor unserer Bewegung werden. Sie soll nicht ein Geldinstitut im gewöhnlichen Sinne werden, sondern vielmehr die Gesammtinteressen des jüdischen Volkes wahrnehmen. Um das zu können, muss sie daher Geschäfte machen und zwar gute Geschäfte. Dazu aber gehören Fachleute- Was Sie hier beschließen können, ist die definitive Grundlage, alles übrige muss das Comit6, welches Sie hier wählen werden, besorgen. Was ist überhaupt gegen unsere Bank eingewendet worden? 1. Dass der Antisemitismus sich der Sache bemächtigen und von uns sagen könnte, dass wir eine internationale Geldmacht gründen. 2. Dass ähnliche consessionelle Unternehmungen zugrunde gegangen sind. Beide Einwände sind leicht zu widerlegen. Wenn es eine gefährliche, internationale Geldmacht gibt, so kann und wird es nicht die unsere sein. Denn wir wollen das Gegentheil, nämlich eine nationale bilden. Das hat schon die Form unserer Subscription bewiesen, die sich zuerst durch unsere Parteipresse an unsere Gesinnungsgenossen wandte. Und gerade die Gegnerschaften, mit denen wir beehrt werden, beweisen, dass hier etwas ganz anderes im Werk ist, als was bisher war, und was dem Judenthum nicht immer zum Ruhme gereichte. Unsere Bank wird nicht zu Raubzügen gegen die Völker gegründet, sondern einzig zum Wohle unseres Volkes, zum Gebrauch unseres Volkes, und darum schreiben wir offen den jüdischen Namen in unsere Firma, wohl bewusst der Verantwortung, die wir damit gegen alle unsere Volksgenossen . übernehmen. Bon dieser Bank wird nicht der Pesthauch gewisser Unternehmungen ausgehen, die man dem Judenthum aufs Kerbholz geschrieben hat, und an denen es in seiner Gesammtheit sicherlich unschuldig war. Und der zweite Einwand? Die Beispiele, die angeführt werden, sind nicht auf unsere Idee anwendbar, weil dort die Nothwendigkeit und die günstige Bedingung fehlten. Wir können andere Beispiele anführen, die auf uns eher passen, nämlich England, das überall, wo es in der Welt festen Fuß fassen wollte, stets mit Bankgründungen angefangen, und

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