Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 35 (2.9.1898)
- Article
- Stimmung vor dem Congreß
- Date
- 1898-09-02
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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j*$*r Nr. 38 Sette 2 sondern wir müssen uns verständigen um jeden Preis. Und das werden wir auch. Die ungeheure Probe, die an diesen zweiten Congress herantritt, wird er glänzend bestehen. Denn der Zionismus ist lebenssähig, und wo Leben ist, da findet fich schließlich eine Sprache und eine Verständigung. Alles Große, man muss es aussprechen, lässt fich auch trivialifieren, ohne darum klein zu werden. Manches Opfer wird gebracht werden, so mancher Verdruss erweckt vielleicht die unsäglich verwickelte Kleinarbeit, und die zurückgedrängte Flamme brennt verzehrend in unserem Herzen. Aber über alle Schmerzen und Enttäuschung werden wir uns hinwegheben, weil die Kraft und Hoheit der Idee unsere Seele stärkt und mit tiefinnerer Heiterkeit erfüllt. Geläutert und gestählt und waffenfroh wie eine Damascenerklinge werden wir aus der herben Schule dieses zweiten Congresses wieder herauskommen. Basel den 29. August. & Reife-Eindrücke. In raschestem Tempo eilt der Zug dahin. Wir plaudern, nein, wir sprechen tiefbewegt miteinander. Meine Reisegenoffen find ein allverehrter Rabbi, einer der wenigen, welche dem Zionismus mit ganzem Herzen und ganzer Seele ergeben sind, und ein bekannter Schriftsteller aus Rumänien. Was der zweite Congress bringen wird? Immer wieder lenkt das Gespräch darauf zurück. Und Dr. Gaster. unser hochverehrter Freund, der Rabbiner einer der ältesten jüdischen Gemeinden, meint zuversichtlich: „Das Beste!" Wir glauben ihm aufs Wort. Wir hoffen ja dasselbe. Mit bewegten Worten erzählt uns Dr. Gaster von den unscheinbaren Anfängen des wiedererwachenden Selbstbewusstseins der Juden, von den Jahren der Arbeit und des Kummers, welche die ersten Schritte gekostet haben, und von dem plötzlichen, wunderbaren Aufschwung, der den Congress und weiterwirkend wieder einen zweiten Congress hervorgebracht. Die Führer, die Freunde, die Gegner, alle müssen sie im Gespräche Revue passieren. Dann übermannt meine Coupegenossen allmählich die Müdigkeit. Sie fahren schon mehrere Tage und Nächte ununterbrochen. Die Hülle wird über die Lampe gezogen. Es wird stille. Ich aber kann nicht schlafen. Ich denke an Basel, an den Congress. An die tausendfältige Arbeit, die unerschütterliche Ausdauer, die ihn dem Judenthume zum Geschenk gemacht, und mir will das Wort des Rabbi nicht aus dem Sinn: „Der Congress! Die größte, die schönste politische That, welche das Judenthum in diesem Jahrhundert gesehen!" Immer weiter führen mich meine Gedanken. Da braust der Zug durch einen langen, langen Tunnel. 5, 10, \% 19 Minuten! Donnernd schallt das Geräusch der aufschlagenden Räder im Tunnel wieder. Ich höre den Triumphgesang menschlichen Geistes heraus, dem kein Hindernis zu hoch ist, kein Unternehmen zu schwierig, der jetzt Aufgaben spielend löst, deren bloße Erörterung noch vor wenigen Decennien jeden in den Verdacht der Narrheit gebracht hätte. Und während der donnernde Schall immer anwächst, höre ich deutlich die Melodie. Sie ist gewaltig, schrecklich schön. Und ich denke den Text zur Melodie. Er ist einfach, ganz einfach. „Sieg! Sieg! Sieg!" Ich höre immer wieder „Sieg" heraus aus dem Lärmen und Rollen des Zuges, und ich habe nicht mehr bloß den Glauben, ich habe die Gewissheit: der zweite Congress — ein Sieg, ein Sieg, ein Sieg! Am nächsten Tage finden sich zahlreiche Leute in unserem Coupe ein. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, Dr. Gaster sei im Zuge, und in jeder Station, wo einige Minuten Aufenthalt waren, patrouillierten Neugierige vor den Fenstern des Waggons, in dem er fuhr. Und die Freunde, die uns aufsuchten, erzählten uns von ihrer .Heimat, von den Wünschen ihrer Wähler, von den Hoffnungen des Volkes. Rumänien, Russland, Galizien. : Ungarn, Aegypten — aus aller Herren Ländern waren sie da. Auch Frauen und Mädchen. Da geschah es oft, dass lebhaft discutiert wurde. Dann bildete sich eine kleine Gruppe. Der Mittelpunkt Dr. Gaster, mit ihm seine Reisegenossen, dann ein Kaufmann aus Russland, ein Arzt aus Wien — und ihm vis-a-vis bald ein Herr aus Galizien, bald aus Rumänien, bald aus Ungarn. Und die Freunde, die mit*uns im selben Wagen saßen, sammelten sich im breiten Gange des mächtigen Waggons. Hinüber und herüber wogte das Gespräch. Achtsam horchten die Frauen. Nur hie und da, wenn ein begeisterndes Wort, eine ergreifende Erzählung aus dem Jammer des jüdischen Alltagslebens sie erregte, sprachen sie ein paar Worte mit, gute Worte. Und leise tauschten sie wohl auch untereinander Bemerkungen. Da hörte man oft und oft die Worte: Heimat, Zion, der Congress Basel. Ja Basel! Wenn wir nur schon dort wären! Der Zug fährt langsamer. Wir sehen Lichter auftauchen. Basel! Endlich! Die Thüren werden aufgerissen. Plötzlich ein freudestrahlendes Gesicht. Eine Hand fasst unsere Rechte. Gegrüßt, gegrüßt in Basel! Und die Ankommenden sind umringt von Freunden. Dort an den Säulen, in der Halle da stehen sie in langer Reihe. Laute Zuruse erschallen, Tücher werden geschwenkt. Hundert Hände strecken sich uns entgegen. „Gegrüßt, gegrüßt in Basel!" Doch das Empfangscomitö lässt sich nicht aus der Ordnung bringen. Draußen warten die Wagen. Da sitzen die Lenker des Gespannes. Eine breite weiße Binde am Arm. Im weißen Felde ein blauer Mogen-David. Im Nu sind wir alle untergebracht, und nun gehts unter Fragen, Antworten, Zurufen und Tücherschwenken in die Stadt hinein, zum Congresshaus. Ein scharfer Ruck. Die Pferde halten. Im eifrigen Gespräche mit den Baseler Freunden haben wir nicht auf den Weg geachtet. Ueberrascht schauen wir jetzt empor. Ein stattliches Gebäude, überflutet von elektrischem Lichte. Da, was ist das? Meine Augen werden plötzlich verschleiert. Die Aufregung der letzten Tage, die Reise, die oft überraschenden Begegnungen mit alten Freunden, die ich Jahre lang nicht gesehen — alles zusammen — und dann plötzlich der Anblick! Im lauen Abendwinde flattern vom Balkon des Congresshauses zwei mächttge Fahnen. Im weißen Felde zwei breite blaue Balken — der Davidsschild darüber! Zum erstenmale in meinem Leben hatte ich eine jüdische Fahne gesehen, eine Fahne, die jeder sofort als jüdische erkannte. Es war vielleicht kindisch — aber nicht die Stimme meiner theuersten Freunde hatte mich so bewegt, wie diese beiden Fahnen. Ich wurde beinahe traurig. Und ernst und feierlich gestimmt betrat ich das Congresshaus, die Stätte unserer Berathungen. Ä*' In Basel. Der Eiuzelverkehr. Wer Förmlichkeiten, und Gespreiztheiten zugethan ist, wird auf dem Baseler Congreffe wenig Befriedigung finden. Der Verkehr der Zionisten'untereinander ist ein überaus herzlicher und ungezwungener. Man kennt sich, bevor man sich kennen lernt, der Unbekannte entpuppt sich, wenn man seinen Namen hört, als Bekannter. Man hat mit ihm schon lange Freundschaft geschlossen gehabt, bevor man ihn noch gesehen hat, und das Zusammentreffen in Basel ist nur eine formelle Besiegelung des Freundschaftsverhältnisses. Wo findet man Hunderte von Personen aus allen Ländern, allen Welttheilen, die so brüderlich mit einander verkehren? Die gemeinsame Idee verwischt alle