Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Article
- J. J. Hessen [Rezension]
- Date
- 1898-08-26
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 j*$iüEr Nr 34 Energie, Reinheit und Gewandtheit. Der holperige, hölzerne, trockene, hebräische Styl des Mittelalters wurde künstlerisch aus' gebildet und für die Literatur. Kunst und Wissenschaft verwendbar. Es war eine Hut „alte Zeit", auf die nnr mit Liebe zurückblicken. Das Hauptsächlichste, was unsere Aufmerksamkeit dabei verdient, ist, dass diese Literatur keine Epigonenliteratur war, obgleich sie uns jetzt in mancher Beziehung naiv erscheint. Es war eine originale Naivetät, die auch zetzt ihre Stellung in der hebräischen Literatur mit vollem Recht behaupten kann. Es wurde dann viel Gewicht auf die innere Lage der Juden und des Judenthums gelegt. Zu gleicher Zeit entstand auch die sogenannte „russisch-jüdische Literatur". Bis zur damaligen Zeit war das Studium! einer fremden Sprache in den Augen der Juden ein religiöses Verbrechen. Wenn die russisch-jüdische Literatur überhaupt einen selbständigen Namen verdient, so ist es der damaligen Literatur zu verdanken, denn die Werke der letzten und sogar allerneuesten Zeit sind in gewisser Hinsicht nur eine Wiederholung des bisher Gesagten, ein Wiederkauen des Altaufgetischten. An der Spitze dieser literarischen russischjüdischen Bewegung standen zwei sehr bedeutende Männer von außerordentlicher Begabung und sympathischem Charakter, O. A. R a b i n o w i tz unh I. G. Orschanski. Rabinowitz, der erste jüdische Redacteur in der Landessprache, war ein talentvoller Publicist, der selbst dem Ghetto entstammte, und darum waren ihm die jüdischen Angelegenheiten so am Herzen gelegen, dass er sie mit rührender Liebe und großer Sorgfalt behandelte. Wie aus dem vorliegenden Buche erhellt, ist die Redaction dieser russisch-jüdischen Zeitung nicht wegen materieller Hindernisse, wie bis jetzt angenommen wurde, sondern durch Schwierigkeiten, welche die Behörden machten, aufgehoben worden. Tie Wirkung dieser russisch-jüdischen Literatur blieb nicht aus. Mit ihrcm Erscheinen trat eine Gährung im Lager der Juden auf, die zu schlechten Folgen führen konnte. Interessant Talmud Ketzuba 110 b. Zur Geschichte der letztem Von H. Nork-Steincr. — — — Früher haben „fie" mit enk gekneipt, jetzt kneipen se nix mehr mit eich — und das ist dann der „Zionismus." Der blondhaarige Student hatte der Strafpredigt ruhig Stand gehalten und nun zog er mit kühler Vorsicht die Lippen zusammen, damit kein Lächeln über diese drollige Definüion den erregten Vater störe. Dann kräuselte er den hellen Schnurrbart und blickte frisch in die Höhe. „Nun wie wär's Papa, wenn ich Deine Vorliebe für die deutschliberale Partei dem znschriebe, dass der Herr Notar und der Herr Oberlehrer mit Dir jeden Tag Tarock spielen?" Der alte Herr fuhr auf; das dicke, sonst gutmüthige Gesicht wurde um eine Schattierung röther. — „Was Du — Du . .. Gelbschnabel willst meine politische Ueberzeugung-" „Aber schau Papa, die hast Du doch nur, weil Du zufälligerweise hier wohnst, wärst Du in der Slovakei geblieben oder nach dem Czechischen —" „Unsinn, wir Inden sind immer deutsch gewesen wegen der Sprache, wegen der Bildung." „Immer Papa, aber die Psalmen sind doch keine deutschen Gedichte —" „Nun, ja früher einmal." „Ja, zur Zeit, da wir noch als Volk zusammenhiengen und aus unserer Nation heraus jene Gesetze entstanden, die aller Sittlichkeit zur Grundlage dienen." „Hab ich Dir je verboten sittlich zu. sein; seh der an da." Diese Jargonsätze waren bei Papa Friedenstein immer das Zeichen einer starken Erregung. Fritz ließ seinen herben Ton fallen, näherte sich dem grollenden Vater, legte den linken Arm auf seinen breiten Rücken und tätschelte ihn begütigend mit der Rechten. und charakteristisch ist auch das Programm dieser Zeitung. Es lautet wie folgt: Leben für die Geistesinteressen aller Nationen, Betheiliaung an ihrer Bildung und an ihrem Fortschritte und zu gleicher Zeit die Bewahrung, Entwicklung und Entfaltung der besonderen nationalen Eigentyümlichkeiten." (S. 68). Aus diesem Zeitungsproaramm ist genügend zu ersehen, dass die Assimilationssucht noch nicht wie in dem nächstfolgenden Jahrzehnt bis zur Absurdität ausartete. Orschanski, der leider in der Blüte seiner Jugend aus dem Leben schied, war eine der wenigen intelligenten Kräfte der russischen Judenhev. Er hat sich auch während seines kurzen Lebens Verdienste um Russland vud die Wissenschaft erworben. Er war der erste, welcher das gewöhnliche russische Recht zusammensteltte. Orschanski, in seiner frühesten Jugend ein Talmudjünger, bald darauf ein eifriger Heidelberger Student und gewandter Publicist, arbeitete voll Aufopferung für die Interessen seines Volkes. Wenn er sich auch in gewisser Beziehung auf dem Irrwege befand, so halte er doch ein staunenswertes, edles Streben. Er betrachtete es als nöthig, die raison ck'ötre der jüdischen Nation, oder vielmehr die Lebensberechtigung jedes einzelnen Juden als Menschen mit Aufwand großer Gelehrsamkeit zu beweisen, was heute nur mehr ein Lächeln hervorzurufen vermag. Jedenfalls war er ein edler Geist und seine Verdienste in der Entwicklung der russischen Judenheit können nie geleugnet werden. Orschanski und Rabinowitz sind zwei durchaus hervorragende und bedeutende Persönlichkeiten der „Sechziger-Jahre" und als solche verdienen sie eine nähere Charakterisierung als die vor uns liegende. Es ist uns unbegreiflich, vass der Autor so wenig bei der Schilderung einer-solch edlen und sanften Persönlichkeit wie der Orschanskis verweilte. Um völlig genau in Bezug auf diese Epoche zu sein, muss noch constatiert werden, dass die hebräische Literatur der damaligen Zeit weit bedeutender und einflussreicher war als die russisch-jüdische. I. Mclnik. „Sieh Papa, es ist ja komisch, dass wir „Jungen" unseren Alten das Judenthum beibringen sollen, und es scheint auch anmaßend, früher war es umgekehrt, ich weiß — aber das ist Deine Schuld." Der alte Herr murrte ein „wieso." „Ja, warum hast Dü mich studieren lassen, warum hast Du mich immer wieder aufmerksam gemacht, dass Bildung mehr bedeutet als Geld? Ich bin feinfühliger geworden, empfindlicher und schließlich selbständiger. Du hast den Uebergang mitgemacht. Du hast Dich geehrt gefühlt, an dem Tarocktisch zu sitzen, der dem Großvater verwehrt war. Ich aber Hab' gesehen, dass man mit Dir nur zufrieden war, wenn Du verloren hast, und Deinen Gewinn misstrauisch cvntrollierte, ich Hab' gesehen, dass die christlichen jungen Leute sich geniert haben, bei Vereinsfesten mit der Schwester zu tanzen, und wie sie hinterrücks über die Mutter lachten. Ich Hab aber auch gemerkt, wie sie heimlich die Fäuste ballten, wenn Dr. Teweles in den Wahlversammlungen aufgestanden ist und von der .deutschen Gemeinbürgerschast gesprochen hat. Und außerdem Hab ich vor dem Fenster gehört, was die czechischen Bürger sich zuflüsterten. „Die Deutschen soll der Teufel in die Hölle schicken, wo sie hingehören, aber den Juden wollen wir es besorgen", so haben sie gedroht. So bin ich mit herbem Zweifel an unser Deutschthum nach Wien gekommen, immer eine Anlehnung, einen Halt suchend. „Ach Papa", rief er plötzlich, „wenn ich Dir sagen könnte, was ich gelitten habe, und am meisten durch das Bedauern der „Freunde", dass ich als Jude leide. Und heute steht es fest bei mir: Dem Czechen kein Gegner, dem Deutschen ein Freund, dem Juden ein Helfer, ein Bruder." -„Vergißt Du, dass man jedem Menschen ein Bruder sein muß?" „Wenn er aber meine Bruderhand nicht mag, wenn er mich wegstößt? Ich brauche etwas, woran ich mein Herz hängen kann." „Und ich, Du schlechter Mensch, Deine Familie"- „Die Familie, ja die ist recht groß geworden: das ganze leidende Judenthum. Siehst Du..." Feuilleton.