Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Article
- Paris
- Date
- 1898-08-26
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 34 Frankreich. Paris Die Dreyfus-Affaire kann zu keinem Ende kommen. Die Regierung, welche nach den Erklärungen. C a v a i g n a c's und nach der beifälligen Aufnahme derselben durch die Kammer auf eine endgiltige Beruhigung der Gemüther gehofft hatte, sieht sich darin gründlich getäuscht. Ja, im Schoße des Ministeriums selbst ist es bereits zu Misshelligkeiten gekommen. Die Untersuchung gegen Esterhazy und die P a y, ebenso wie die gegen du Paty de Clam wurde von dem Justizminister Sarrien im Aufträge des Ä'riegsministers niedergeschlagen. Dieses gar zu ungenierte Borgehen hat im letzten Ministerrathe zu einer heftigen Auseinandersetzung geführt. Erst durch die Intervention des Präsidenten soll die Sache wieder beigelegt worden sein. — Bon besonderer Klarheit und Schärfe ist ein Artikel Bernard Lazares in der „Aurore". Dieser unermüdliche Kämpfer für die Revision des Dreyfusprocesses erörterte nochmals die Fälschungen Esterhazys und die Betrügereien d u Paty de Clams. Er weist nach, dass Picquart das Opfer eines Cvmplotes sei. Er schließt seine Ausführungen folgendermaßen: „Die in dem Dreyfus-Handel compromittierten Obersten H e nry und du Paty de Clam, haben gegen Picquart einen schändlichen Anschlag mit Hilfe falscher Anklagen, falscher Zeugnisse, falscher Nachrichten, gefälschter Briefe und Telegramme ins Werk gesetzt. Wenn Herr F a b r e seine Untersuchung klug, gerecht und geschickt geführt hat, so muss er heute nicht nur die Beweise dafür in Händen haben, dass Oberst Picquart fälschlich augeklagt wurde, sondern auch die Beweise eines schändlichen Complots, dessen Opfer Picquart gewesen ist und deffen Urheber gerichtlich verfolgt werden sollten." Paris. Fünfunddreißig von den vierundvierz'lg Docenten der Sarbonne haben ein Gesuch an den Unterrichtsminister gerichtet, damit er dem Decan der schönwiffenschaftlichen Facnltät in Bordeaux, Professor Paul S t a p f e r, die über ihn verhängte Strafe erlasse. Diese besteht bekanntlich in einer sechsmonatlichen Suspendierung vom Amte wegen der Rede, welche Professor Stapfer am Grabe des Rectors C o u a d gehalten hatte. Diese Rede, deren Inhalt die Rocheforts und Drumonts furchtbar erbittert und die Regierung zum Einschreiten veranlasst hatte, bewirkte, dass Professor Stapfer in den Ruf eines Dreyfusards kam. Es heißt, dass Bourgeois das Gesuch günstig erledigen werde. Belgien. Brüssel. Auch Belgien will seinen vollen Antheil an der europäischen Cultnr und an allen ihren Segnungen haben, zu denen der Antisemitismus als eine der wichtigsten gehört. Bald wird eine feierliche Procession (der Ausdruck dafür lautet: eucharistische Procession) zum Anlass genommen; bald ergeht man sich in journalistischen Betrachtungen, wie es das Journal ..Peuple“ tf)ut, welches den Antijnifismus in einer „edlen Humanitären" und wissenschaftlichen Fassung empfiehlt. Diese Richtung wird von einem der hervorragendsten belgischen Advocaten, Pickard, vertreten, der ü la Lueger alle Wandlungen von dem äußersten rechten, dem „schwarzen" Flügel der Erzreactionäre und Clericalen, deren Stütze er war, dnrchgemacht hat und über den Leichnam der liberalen Partei glücklich in die nächste Nähe der Socialisten gelangt ist. Ein brillantes Rednertalent und demagogische Gelüste würden ihn in jedem anderen Lande zum gefährlichen Feinde der Juden machen. Es besitzt znm Glücke dieses Land deren nur sehr wenig, circa 9000, Frauen und Kinder mitgerechnet. Diese Anzahl lebt so zerstreut in dem ganzen Lande, dass nur in Brüssel, Antwerpen und Lüttich eine größere Anzahl beisammen ist und da auch eigene Gemeinden bildet. Dies hinderte indess bei der unlängst stattgehabten Debatte über die Regelung des Hausierhandels den Referenten der Senatscommission nicht, die dreiste Behauptung aufzustellen, von den 17.000 Hausierern Belgiens bestünde die überwiegende Majorität aus — Juden. Diese Behauptung des Referenten, also des bestuuterrichteten Mitgliedes dyr Commission, spricht nicht so sehr für seine Oberflächlichkeit, wie für die überall zn constatierende, traurige Thatsache, dass die gesetzgebenden Körperschaften der verschiedensten Länder in puncto Juden von derselben Antipathie und Boreingenommenheit erfüllt sind. Haben wir nicht aus gleichem Anlasse auch im österreichischen Parlamente gegen die Juden die bittersten Klagen führen gehört? England. London. Der ,..Te\vish Chronicle“ erinnert an die 40. Wiederkehr des Tages, an welchem dem Baron L i o n e l de Rothschild „erlaubt" wurde, seinen Platz im Unterhanse einzunehmen. Trotz dieses Inden im Parlament „ist der christliche Glaube unversehrt geblieben, die englische Constitution steht aufrecht, Großbritannien ist noch nicht verjudet." „Warum aber", fragt der ...7. Ohr.“ „ist mit Ausnahme des getauften d'Jsraeli noch kein englischer Jude zu einer leitenden politischen Stellung gelangt? Und warum wird kein Jude im auswärtigen Dienste verwendet?" „Wahrscheinlich, meint der „J. Chr.,*4 weil das diplomatische Corps einen stark aristokratischen Charakter trägt, oder, weil der englische Jude als Politiker noch in seiner Kindheit ist." Aber, tröstet er sich, „in der Flucht der Zeiten wird auch dieses interessante Phänomen verschwinden." Tu hast recht, lieber Chronicle! Lass' nur einmal erst die Fremdenbill durchgeführt sein. Dann werden überraschend viele Juden im auswärtigen Dienste Berwendung finden. Administrator Cohen wird sie gerne aufnehmen. Und e r wird sie nicht als „Kinder" behandeln. - F. Türkei. Jaffa Man sollte glauben, dass gerade bei uns die einigende und erziehliche Bedeutung der hebräischen Sprache vollauf gewürdigt werde, und daß sie an allen Schulen als Unterrichtssprache bereits eingeführt worden sei. Weit gefehlt. Das Schulwesen hier liegt in verschiedenen Händen, bald ist es die „Alliance*4, bald die Central-Administration des Baron Edmund Rothschild, bald die Colonisten oder die Cultusgemeinden, die über Principien und Methoden des Unterrichtes entscheiden, indem sie diese oder jene Lehrkräfte anstellen. Daher begegnen wir hier jüdischen Schulen bald mit französischer, bald mit englischer, bald mit deutscher Unterrichtssprache, in den spagnolischen Gemeinden mit spagnolischer Sprache, bei den Aschkenasim mit Jargon, und so sind die Kinder der jüdischen Auswanderer aus Russland bald Verehrer des Racine, bald des Byron, je nach der Gegend, in die sie verschlagen wurden. Diese traurige Erscheinung wird aber andererseits über kurz oder* lang dazu führen, dass die Leiter aller jüdischen Schulen in Palästina das Hebräische nicht zu einem obligaten Fachgegenstande, sondern direct zur Unterrichtssprache machen müssen. Die sehr günstigen Erfahrungen, die in dieser Hinsicht an der Fachschule von Jaffa gewonnen wurden, berechtigen zu der Erwartung, dass auch die übrigen „Alliance“- und Rothschild-Schulen die Erkenntnis von der Nothwendigkeit der hebräischen Unterrichtssprache sich zu eigen machen werden. Biele Anzeichen sprechen dafür, vor allem die Gründung des ersten Kindergartens nach Fröbel, mit dem Hebräischen als Unter richtswie auch Verkehrssprache der Zöglinge untereinander. Wenn die hebräische Sprache auch in den Schulen zum Unter richte verwendet werden sollte, so wird schon diese Generation das Hebräische als die einzige Verkehrssprache ihr Leben lang gebrauchen, und die nächsten Generationen werden bereits im Elternhause diese zu neuem Leben anferstandene Sprache fortwährend zu hören bekommen. Interessant ist die Thatsache. dass dieser hebräische Kindergarten der erste in der ganzen Welt sein wird. Die dabei gesammelten Erfahrungen werden unseren Pädagogen in ganz Palästina zustatten kommen, und es ist zu hoffen, dass die beiden anderen Kindergärten, übrigens