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Die Welt · 1898-08-26 · 34 (26.8.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
34 (26.8.1898)
Article
Jüdische Knabenregimenter
Date
1898-08-26
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr 34 Sekte 3 DJtOwar eben vor den strengen fachmännischen Augen des Obersten Morris, des Garnisonchefs von Deal, ausgeführt haben. Es geht sehr lebhaft zu in den einzelnen Gruppen. Die natürliche Beweglichkeit unseres Stammes tritt ungehindert in Sprache und Geberdenspiel zutage: die Kinder geben sich, wie sie sind, denn sie sind unter sich. Das Bild ist ganz danach beschafferd um einem Juden ein Traumgesicht von dem, was sein könnte, vor die Seele zu zaubern. — Wie man das Lager wieder verlässt und an den vielen trübseligen Fischerhütten vorbei in die kleine Stadt zurückkehrt, zerrt einen das kleinliche Alltagsleben der Straßen mit seiner aufdringlichen Entfaltung von Krämerwitz und Krämergeschrei in die Welt der nüchternen Thatfachen zurück. Wie sind die vierhundert jüdischen Knaben mit ihrer in jedem Gesichtszuge ausgeprägten Eigenart, die von den engen Judengaffen Polens und Russlands erzählt, in die Uniform des englischen Heeres gerathen? Was soll den Kindern der armen Hausierer aus dem Eastend, die vielleicht selbst dazu bestimmt sind, einmal,wie ihre Väter, hausieren zu gehen, Bayonnet und Gewehr? Wenn der Chef einer englischen Garnison von Flottentruppen (Marines) allen Ernstes die Exercierübungen der kleinen Kerle inspiciert und die Honoratioren der Stadt bei dieser Gelegenheit einem jüdischen activen Stabsofficier, der die Kinder vorgeführt hat, das schmeichelhafteste Lob zollen — welcher Sinn liegt in dem kindlichen Spiel? Die Männer, welche diese urenglische Schöpfung ins Leben riefen, waren weder von einem specifisch jüdischen Gedanken noch von weitausschauender Rücksicht auf die Zukunft unseres Volkes beseelt. Die „jüdischen Knabenregimenter" wurden gebildet, nachdem christliche Schulmänner und Philanthropen mit der Heranziehung von Knaben der ärmsten Volksclassen zur Bildung der „Boys Brigade“ den humanen Bestrebungen unserer Zeit entgegengekommen waren und diese Schöpfung sich als ein großer Erfolg erwiesen hatte. Sowie die Universitäten Cambridge und Oxford seit Jahr und Tag in dem Bestreben miteinander wetteifern, in ihren modernen Klosteransiedlungen den Pöbel im Osten und Süden von London an Sitte und Sittlichkeit zu gewöhnen, sowie die englische Kirche seit den Tagen Charles Kingsley's ihre Geistlichkeit dazu erzieht, unter das Volk zu gehen und ihm in allen Arten von Clubs und Vereinen eine Ahnung davon beizubringen, wieviel unschuldiger und billiger Lebensgenuß neben schwerster Arbeit um das tägliche Brot möglich ist, so sollte die Volksschule die Kinder der Aermsten lehren, wieviele Freuden Licht und Luft jedem Menschenkinde zu bieten vermag. Der leitende Gedanke bei der Schöpfung der „Boys' Brigade" wurde oft ausgesprochen: wenn es schon nicht möglich ist, den lasterhaften Eltern ihre Kinder ganz zu entziehen, so soll man sie wenigstens eine zeitlang ihrer verderblichen Umgebung entreißen und sie durch einen längeren Aufenthalt im Freien mit den Reizen eines reinlichen Lebens vertraut machen; die Uniform soll ihnen Selbstachtung und Zusammengehorigkeitssinn geben, das Leben in einer wohlorganisierten Gemeinschaft die elementarsten Begriffe von gesellschaftlichen Pflichten und Rechten beibringen. Alljährlich, wenn die Schulen geschlossen werden, und die Hitze der Hundstage beginnt, ziehen tausende von Knaben, ihre eigenen Musikkapellen an der Spitze, mit ihren Fahnen und Bannern ins Freie, und 14 Tage lang genießen sie auf hochgelegenen Haiden oder hart an der See alle Freuden eines Lebens, das im Grunde genommen Spiel ist und doch mit der Arbeit einige Aehnlichkeit besitzt. Die Uniform und das sonstige kriegerische Beiwerk darf nicht zur Vorstellung verleiten, als handle es sich um eine Erziehung im spartanischen Sinne, als wäre der erste Gedanke und das letzte Ziel Weckung und Stärkung des patriotischen Gefühles. Diese Absicht mag nachher aufgetaucht sein; einen bestimmenden Einfluß hat sie in dem ursprünglichen Plane gewiss nicht besessen. Wenn von einer Organisation der Massen die Rede ist, stellt sich wie von selbst das Vorbild eines Heeres ein; man entlehnt dabei Namen und Einrichtungen, lässt aber Wesen und Ziel beiseite. Man braucht nur das eine Beispiel der Heilsarmee anzuführen, um zu zeigen, dass selbst England, das doch sonst dem Militarismus nichts weniger als hold gesinnt ist, den militärischen Geist in einer großen Organisation sehr wohl zu würdigen versteht. Die jüdischen Knabenregimenter haben also, wie man sieht, trotz ihres kriegerischen Aussehens eine rein humane erziehliche Bedeutung. Und trotzdem hat das Gefühl Recht und nicht der kritische Verstand: die gehobene Stimmung beim Anblick des jüdischen Zeltlagers hat ihre guten Gründe, wenn man sich auch im ersten Augenblick nicht die gehörige Rechenschaft darüber zu geben vermag. Die jüdischen Knabenregimenter sind im Leben der Gegenwart eine ganz ungewöhnliche, überaus lehrreiche Erscheinung. In erster Reihe dadurch, dass sie sich auf England beschränkt. Wir haben nichts Aehnliches in anderen Ländern, wir haben nirgends den Versuch bemerkt, etwas Aehnliches zu schaffen, und wir können ohne Widerspruch befürchten zu müssen, sagen, es ist nirgends etwas Aehnliches möglich. Wenn irgend etwas imstande ist, mit einemmale, wie durch eine scharfe, in alle Winkel eindringende Beleuchtung, die Lage der Juden in England zu charakterisieren, so ist es die Schöpfung der Jewish Lads' Brigade. Am Abende, nachdem die Knaben ihr Lager auf den Sandhügeln von Sandwich bezogen hatten, entsandten sie ihre Kapelle nach Deal, und an derselben Stelle, wo den Abend vorher die christliche Boys' Brigade ihre Musiker zum Entsetzen aller gesunden Ohren hatte hören lassen, spielten die jüdischen Knaben durch volle zwei Stunden und wurden laut und still mit Lob überschüttet. Wo in der Welt ist das sonst noch denkbar? Wahrlich, wer den Kindern und dem zahlreichen Publikum an dem Abende zuhörte, dem drängte sich der beglückende Gedanke aus: Auf englischem Boden ist die Judenftage gelöst! Ach ja, wir haben diese Lösung schon in anderen Ländern und in anderen Zeiten kennen gelernt, und ein Engländer angelsächsischer Abstammung und christlicher Religion, der die Leistung der jüdischen Knabenkapelle nicht genug im Gegensätze zu der Pfuscherei des vorangegangenen Abends loben konnte, presste unbewusst die ganze Frage sammt der Lösung epigrammatisch in einen einzigen Satz: Thev put onr own children lo shame, sie beschämen unsere eigenen Kinder. Das ist die Haltung des aufgeklärten, politisch geschulten Engländers gegenüber den Juden. In dem mächtigen Weltreiche, das so viele fremde Länder und fremde Völker umfasst, haben die tüchtigen Juden als sehr nützliche Glieder eines kräftigen Organismus ihren wohlverdienten Platz — neben den „eigenen Kindern" der herrschenden Nation. Von einer Ausgleichung oder gar einem Aufgehen träumen so und so viele Juden; keinem Christen fällt es ein, an so etwas zu denken. Das ist die Stärke und Schwäche der Juden in England: das wird durch die jüdischen Knabenregimenter wie nicht bald durch eine zweite Erscheinung im Leben der englischen Juden gezeigt. Bei uns sind sie nicht denkbar, weil der Pöbel sie zum Ziele seines rohen Spottes nehmen würde; eine Musikkapelle von jüdischen Knaben in Uniform würde gesteinigt werden. Aber sie sind noch aus einem, anderen Grunde nicht denkbar — bei uns ist die Scheidung zwischen Juden und Christen in der Schule noch lange nicht vollzogen. In der Schule nicht und auch sonst nicht.

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