Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-08-19
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 Nr. 3a Nun sollte der jüngste Goldschild erzählen, was sich in der Heimat alles während der letzten 5 Jahre zugetragen habe. Des Erfreulichen war da leider nur wenig. Die Gemeinde drohte zu zerfallen. Der Tag konnte nicht mehr allzuferne sein, wo der Rabbiner die zehn Erwachsenen, deren Anwesenheit zur Abhaltung eines Gottesdienstes nöthig ist, nicht mehr würde vereinen können. Auch der Tod hatte während der letzten Jahre arge Lücken gerissen. Auf Frau Mirjam, deren Tod man damals Karl-Raphael lakonisch angezeigt, war vor drei Jahren ihre Schwägerin Channe — Jsak's Mutter — gefolgt. Ein Fußtritt in den Unterleib, den sie bei einer der wüsten Scenen, wie sie in der Branntweinschänke häufig, erhalten, hatte die noch rüstige Frau auf das Krankenlager geworfen. Einige Monate darauf trug man sie auf den „guten Ort". Nathan und Jsak führten nun das Geschäft allein durch zwei Jahre fort. Aber „Sein" Segen schien nicht mehr auf dem früher so blühenden Unternehmen zu liegen. Der Gram über empfindliche Verluste nagte an der Lebenskraft des rührigen Nathan. Eine heftige Erkältung kam dazu. Im November musste man für ihn die Todtengebete sprechen. Auch für Jfak war nun kein längeres Bleiben mehr in Chiesch. Er wickelte, so gut es gieng, seine Verbindlichkeiten ab, verkaufte das Geschäft und zog nach Wien. Bon der ftüher so zahlreichen Familie Goldschild verblieb im böhmischen Städtchen also nur mehr der strenggläubige einsame Rabbiner Rüben und die alte Sarah, die sich nach wie vor alljährlich durch den Geruch der frischen Aepfel verjüngte. VII. Es war zum mindesten ein übereilter Schritt gewesen, Jsak Goldschild die Gastfreundschaft anzutragen. Von der Suche nach einem neuen Quartier war überhaupt nicht die Rede. Klein-Jsak war nun einmal da! Die fünf Jahre der Trennung hatten den Unterschied zwischen den beiden Vettern nur noch schroffer gestaltet. Der Name war das Einzige, was Josephs und Nathans Söhnen gemein war. Die üblen Folgen traten gar bald zutage. Durch den Einfluss des Journalisten hatte der achtzehnjährige Jüngling bereits nach wenigen Tagen eine Stelle als Verkäufer in einem Weißwarengeschäfte erhalten. Man musste ihm die Gerechtigkeit widerfahren lasten, dass er sich mit überraschender Gewandtheit in seine neue „Branche" einarbeitete. Aber dies genügte dem Ehrgeiz eines Jsak keineswegs. Es galt die viertausend Gulden, die er von Nathan geerbt, fruchtbringend anzulegen. Eine Unzahl großer nnd kleiner Geschäfte wurden mit diesem Capital eingefädelt. Kehrte Dr. David abends nachhause zurück, so schüttete der unternehmende Vetter sein Herz vor ihm aus. Wo waren die Zeiten geblieben, wo gute, sinnige Gespräche die Abendstunden in den Hofzimmern der Goldschilds verkürzt hatten? Allerdings war der Journalist den Zweifeln und Seelenqualen seines ftommen Vetters Karl-Raphael ziemlich ftemd gegenüber gestanden. Aber es waren doch immerhin abstracte nnd edle Fragen gewesen, die den Geist nach der nüchternen Arbeit des Tages erquickt hatten. Jsaks Jdeengang aber glich einem Irrgarten, dessen Wege immer wieder auf denselben Ausgangspunkt zurückführen. In dem findigen Gehirn dieses jungen Menschen drehte sich alles rmd jedes um einen Begriff — das Geld. Stundenlang konnte er über den Erwerb des Geldes sprechen und diesem Thema immer und immer wieder neue Seiten abgewinnen. Schließlich verzehrte David sein Abendessen lieber in einem Gasthofe der Stadt, um diesem beharrlichen Fragen über das Fallen und Steigen der Course und des Agios zu entgehen. So hatte Jsak — freilich ohne sich besten bewusst zu sein, aber sicherlich auch' ohne sich darüber Vorwürfe zu machen — den gastfreundlichen Vetter ans der eigenen Hänslichkeit vertrieben. Aber es sollte noch ärger werden. Einige namhafte Gewinnstc erhöhten den Muth und den Unternehmungsgeist des jungen Speculanten. Er kündigte seine Stelle im Weißwarengeschäfte, um sich ganz auf eigene Füße zu stellen. Ein gewiffer Isidor Gelb, besten Bekanntschaft er in einer Kaffeeschänke auf dem Salzgries gemacht, hatte diesen Entschluss in ihm zur Reife gebracht. Der Gelb war ein behäbiger Mann in den besten Jahren. Mit seinem kahlen Schädel und dem buschigen Schnurrbart schmeichelte er sich, einem älteren Osficier zu gleichen. Daher trug er auch mit Vorliebe Kleider nach englischem Schnitte. Auf seiner Karte — und eine solche erhielt jedermann, der sich fünf Minuten lang seiner ehrenden Bekanntschaft erfteute — stand unter seinem großgedruckten bürgerlichen Namen in kleinen Buchstaben das einzige Wort „Agent". Damit war seiner Thätigkeit ein weiter Spielraum gesteckt. , Und das war von Nöthen. Denn Herr Isidor Gelb entwickelte in geschäftlicher Bethätiguug eine wahrhaft ausschweifende Phantasie. Er kannte in der Residenz jedermann, der etwas zu kaufen oder zu verkaufen wünschte. Mochte man ihm hundertmal die Thüre weisen — stets stellte er sich mit demselben wohlwollenden und fteundlichen Lächeln wieder ein. Im Vergeben und Vergessen der zugefügten Beleidigungen stand der Agent keinem Heiligen nach. Das Merkwürdigste aber war, dass sich in der That Isidor Gelb alle Thüren zu öffnen schienen. Er wusste sich durch Ausdauer und Kaltblütigkeit bei den einflussreichsten Bankiers sowie bei den ärmsten Häuslern Zutritt zu verschaffen. Auch nicht der kleinste Gewinn wurde von ihm verschmäht, obgleich er unerfahrenen Kunden gegenüber stets behauptete, in die größten Finanzoperationen verwickelt zu sein. Seine Specialität war die Vermittlung von Darlehen zu Wucherzinse'n. Allen Portieren der Gasthöfe war der Agent wohlbekannt. Mit vielen unterhielt er sogar geregelte Verbindungen. Gegen ein kleines Entgelt meldeten ihm diese Bediensteten die Ankunft vornehmer junger Leute. Herr Isidor Gelb machte dann seine Aufwartung und bot ein kleines Darlehen unter sehr günstigen Bedingungen an. (Fortsetzung folgt.) ' L Krikstaste« der Kedartu«. S. 3»r Nen-Sandee. Sie haben Recht in der Verurtheilung dieser Vorkommnisse. Uns leider nichts Neues. R Gl., Colloredow. Gaste werden nicht genannt. Reiseroute finden Sie im Eisenbahnhandbuch. Zionist, Ren-Sander. Unbestimmte anonyme Beschuldigungen können wir nicht aufnehmen. M. Ai., Philippopel. Trachten Sie nur bis Ende der nächsten Woche das Ergebnis nach Basel zu melden. Agitatiouscomite, Drohobyez. Herzlichsten Dank und Gruß. K. Reinhold, Frumosa. Bon einer Absicht kann keine Rede sein. Aber es ist unmöglich, alle Nachrichten sofort zu bringen. Dazu fehlt es uns an Raum. <g. Splitter, Krakau. Eine solche Gesellschaft ist uns nichl bekannt. F Lebenhart, Prag. Besten Dank, unverwendbar. Seklcr, Stanisla». Jetzt noch nicht. M. D., Czernowitz. In nächster Nummer. I. L., Berlin. Die Herren kennen wir zur Genüge. Herausgeber: P. Nalrpancr. Beranlw. Red.: Dr. Lirgrn. Werner. Buchdruckerei .Industrie" (S.Bergmann), VIII. Schlüssel«. 11