Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Article
- Aus den Briefen des Capitän Dreyfus
- Date
- 1898-08-19
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33 Seite 15 Furcht, Deinen Kummer noch zu vermehren, meinen Arm hemmte. Das alles angehört zu haben, was man mir sagte, wenn man in seiner Seele, in seinem Gewissen es weiß, niemals gefehlt, nicht die geringste Unklugheit begangen zu haben, das ist die entsetzlichste moralische Marter. . . . Worum es sich jetzt vor allem handelt, was auch mit mir geschehen möge, das ist, die Wahrheit zu erforschen, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um sie zu enthüllen, das ist, unser ganzes Vermögen, wenn nvthig, darauf zu verwenden, um meinen Namen, der in den Koth gezerrt wurde, wieder zu Ehren zu bringen. Man muss diesen unverdienten Schandfleck um jeden Preis abwaschen . . . Es sind nicht die physischen Schmerzen, welche ich fürchte: die haben mich niemals niederringen können, sie streifen nur meine Haut. Aber die moralische Marter ist es, meinen Namen in den Koth gezerrt zu sehe», den Namen eines Unschuldigen, den Namen eines Mannes von Ehre. Schreie es laut hinaus, meine Theuere, schreit es alle, dass ich ein Unschuldiger bin. das Opfer eines schrecklichen Verhängnisses . . . Verkündet laut meine Unschuld, schreit es mit aller Kraft Eurer Lungen; schreit es über alle Dächer, dass die Mauern erschüttert werden. Und suchet den Schuldigen: das ist's, was uns Noth thut. . . Ich hatte Unrecht, dass ich aus dem Leben flüchten wollte, ich habe nicht das Recht dazu. Ich werde bis zu meinem letzten Athemzug kämpfen. In diesen langen Tagen, in diesen traurigen Nächten, läutert und kräftigt sich meine Seele. Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet. Ich muss meinen Kindern einen reinen, fleckenlosen Namen hinterlassen... Dir sagen, was ich heute (5. Jänner 1895) gelitten, das will ich nicht. Tein Kummer ist genug groß, als dass ich ihn noch vermehren sollte. Als ich Dir versprach zu leben, Dir versprach, bis zur Rehabilitierung meines Namens Widerstand zu leisten, da habe ich Dir das größte Opfer gebracht, das ein Mann von Herz, ein Mann von Ehre, dem man sie eben enteisten hat, bringen konnte. O mein Gott, wenn mich nur meine physischen Kräfte nicht verlassen! . . . Mein ganzes Leben der Ehre geweiht zu haben, niemals etwas verschuldet zu haben und mich da zu sehen, wo ich bin, nachdem ich den blutigsten Schimpf ertragen, den man einem Soldaten anthnn kann! . . . Ich werde Dir später einmal, wenn wir wieder glücklich sein werden, erzählen, was ich heute gelitten habe. . . Ich fragte mich, was ich da zu thun hatte, warum ich da war. Es schien mir, ich sei der Spielball einer Hallucination, aber ach, meine zeristenen, besudelten Kleider riefen mir in brutaler Weise die Wahrheit zurück, die Blicke der Verachtung, die man mir zuwarf, sagten mir nur allzudcntlich, warum ich da war ... Ach, ich habe wohl die muthige Seele eines Soldaten. Ich frage mich, ob ich auch die heroische Seele des Märtyrers habe! . . . Ich habe soeben einen Augenblick schrecklicher Abspannung gehabt, Thräuen und Schluchzen, den Körper fleberhaft geschüttelt. Es ist die Reaction der schrecklichen Qualen dieses Tages, sie musste unvermeidlich kommen. Aber wehe! Statt in Deinen Armen schluchzen, statt mich auf Dich stützen zu können, tönte mein Schluchzen in der Oede meines Gefängnisses. Es ist vorüber. Stark die Herzen! Ich coucentriere all' meine Energie. Stark in meinem reinen, makellosen Gewissen schulde ich mich meiner Familie, schulde ich mich meinem Namen. Ich. habe nicht das Recht, das Leben zu verlassen, so lange mir noch ein Odem bleibt, ich werde kämpfen, hoffend, bald das Licht kommen zu sehen ... O mein Gott! Wie ist meine Seele traurig! Was habe ich in meinem Leben gethan, um so bestraft zu werden. Der Elende, der das Verbrechen begangen hat, den Berrath zu verüben und mich ins Verderben zu stürzen, er verdient, wenn es einen Gott gibt, eine entsetzliche Strafe. Erverdient in all den Seinigen gestraft zu werden. Im Namen meiner armen Kinder verfluche ich ihn . . . Ich hoffe, dass an dem Tag. an dem man ihn endlich entdecken wird, die öffentliche Meinung seinen Namen an den Pranger der Geschichte nageln wird, dass die Strafe, die man ihm auferlegen wird, über alles Erdenkliche hiriansgehcn werde . . . Was ist es denn, was ich Tag und Nacht verlange'? Gerechtigkeit, Gerechtigkeit! Sind wir im XIX. Jahrhundert, oder muss man um mehrere Jahrhunderte zurückgehen? Ist cs denn möglich, dass die Unschuld in einem Jahrhundert der Erleuchtung und der Wahrheit verkannt fei? Man möge doch suchen! Ich verlange keine Gnade, aber ich verlange die Gerechtigkeit, die man einem jeden menschlichen Wesen schuldig ist. Mau möge die Nachforschungen fortsetzen: diejenigen, welche die mächtigen Mittel der Erforschung besitzen, mögen sie zu diesem Zwecke benützen. Es ist für sie eine heilige Pflicht der Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Dann ist es unmöglich, dass sich nicht das Licht um meine geheimnisvolle und tragische Sache verbreite . . . Verlange die Wahrheit, die Gerechtigkeit! Man kann in unserem Jahrhundert nicht zwei Familien in solchem Todeskampse verkommen lassen, ohne in eine so geheimnisvolle Angelegenheit Licht zu bringen. Man kann Licht hineinbringen, wenn mau es thun will. Deshalb, meine theure Lucie, bewahre Deine Würde, die Dich niemals verlassen soll, sei stark, sei mnthig und energisch. Hoch oder niedrig, vor der Gerechtigkeit sind wir alle gleich, und diese Ehre, gegen die ich mich nie vergangen habe, die das Erbtheil unserer Kinder ist, sie muss uns zurückgcgeben werden. Dann werde ich mit Dir und mit unseren Kindern beisammen sein . . . Siehst Du, meine liebe Lucie, das war meine Meinung vom ersten Tage an. Ich hätte ohne jeden Lärm, ohne jemandes Intervention, an jede Hand eines meiner Kinder genommen und hätte überall Gerechtigkeit verlangt, ohne Unterlass, bis die Schuldigen entlarvt worden wären. Das Mittel ist heroisch, aber es ist das beste, denn es entspringt dem Herzen und wendet sich an das Herz, an das Gefühl der Gerechtigkeit, das jedem von uns angeboren ist, wenn er nicht durch seine Leidenschaften fortgerissen wird. Es entspringt ans der Stärke, welche die Unschuld gibt, aus der Pflichterfülüing, es kennt keine Hindernisse, es ist auch eines Weibes würdig, das nichts verlangt als Gerechtigkeit für ihren Mann, für ihre Kinder. Es darf nicht gesagt werden, dass in unserem Jahrhunderte ein Elender ungestraft das Leben zweier Familien zerstört hat . . . Wirf, wenn cs nöthig ist, unsere theueren Kinder dem Präsidenten zu Füßen und verlange Gerechtigkeit für sie, für ihren Vater ... (Fortsetzung folgt.) Die Goldschrlds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wredc. (15. Fortsetzung.) Erst als Jsak gesättigt Messer und Gabel auf den Tisch legte, konnte er sich diesem Banne entziehen. Da die Aermel des Rockes für die langen dünnen Glieder des kleinen Burschen viel zu kurz waren, sah man jedesmal, wenn er einen Bissen zum Munde führte, ein Stück des weißen, nackten Armes, an den die langfingrige schmale Hand nur durch die schwarzen, gestrickten Pulswärmer künstlich befestigt schien. Wie dies bei nervösen Menschen häufig der Fall ist, konnte Dr. David's Aufmerksamkeit oft durch ein körperliches Gebrechen in krankhafter Weise erregt werden. Eine ähnliche Zwangsvorstellung erfasste' ihn jetzt. Er vermochte nicht mehr die Angen von den langen, mit schwarzen Pulswärmern versehenen Händen des Vetters ab zuwcnden, wie sie in rastloser, geschäftiger Bewegung unermüdlich alle Speisen in ihrem Bereiche dem breiten, kauenden Munde zusührten.