Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 33 (19.8.1898)
- Article
- Jüdischer Volkskalender [Rezension]
- Date
- 1898-08-19
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 jpkjjiwa: Nr. 33 sehr gut redigiert und zeigt das Bestreben, nicht nur den Gesinnungsgenossen, sondern allen Juden überhaupt ein unentbehrliches Buch zu werden. Artikel und Erzählungen wechseln angenehm miteinander ab. Alle sind sie durchweht von echt jüdischem Geiste. Noch kräftiger vielleicht als in den Prosastücken tritt dies in den einzelnen Gedichten hervor. In den beiden Aussätzen „Was wir wollen" (Die Redaction) und „Unser Programm" (Fabius Schach) wird klar und consequent die Idee des Zionismus betont, resp. auseinandergesetzt. Dr. I. R ü l f's und H. Leumis' Ausführungen vervollständigen das übersichtliche Bild. Wenn wir als Autoren einzelner Stücke noch Rordau, Zangwill, Schapira, Kompert, Acher, Bodenheim e r, Z l o c i st i, B r a u d e s, S t e t t e n h e i m und Ehrentheil nennen, so lässt sich schon aus den 3!amen auf den vorzüglichen Inhalt schließen. Nicht vergessen seien die Besprechung der Entwicklung der Palästinacolonisation in den letzten Jahren von Ben-Jako b, der Vorkommnisse des Jahres von F. Schach, ebenso wie die kurzen Lebensbilder einiger hervorragender Zionisten. Wenn wir noch hinzufügen, dass auch der eigentliche kalendarische Theil nichts zu wünschen übrig lässt, so glauben wir das Wissenswerteste über den „Kölner" Kalender gesagt zu haben. Wir können ihn allen unseren Gesinnungsgenossen auf das wärmste empfehlen. Soeben ist im Verlage des zionistischen Landescomites für Galizien, der vierte Jahrgang des „Jüdischen Volkoralcnvcr für erschienen. Derselbe ist Heuer reich illustriert und sehr nett ausgestattet. Er enthält die Porträts der Begründer und Führer unserer Partei: S m o l e n s k y, P i n s k e r, H c r z l, Sitnbaum und Schapira. Als Beilage hat er das Porträt von Emile Zola und ein Bild von I. M. O k i n. Aus dem reichhaltigen literarischen Inhalte des Kalenders wollen wir hier einige Beiträge nennen: „Ein Mittel gegen die Judennoth" von S. I. Abranrowitz: „In einem entlegenen Winkel", Erlebnisse eines russischen Kantonisten, von Süßkind Rabinowitz; „Was will der Zionismus?" von Dr. David F a r b st e i n; Nus den Briefen des Cspitän Drryfns?) Meine theuere Lucie! Endlich kann ich Dir ein Wort schreiben. Soeben bat man mir mein Erscheinen vor Gericht für den 19. d. M. (Dec. 1894) angekündigt. Man versagt mir das Recht, Dich zu sehen. Ich will Dir nicht alles das beschreiben, was ich erduldet habe; dafür gibt es nicht genug ergreifende Worte auf der Welt. Erinnerst Du Dich, wann ich Dir sagte, wie glücklich wir seien? Alles lächelte uns im Leben an. Da plötzlich ein schrecklicher Blitzstrahl, durch den jetzt noch mein Verstand verwirrt ist. Ich, angeklagt des ungeheuerlichsten Verbrechens, das ein Soldat begehen kann. Noch heute komme rch mir als der Spielball eines entsetzlichen Traumes vor. Doch ich hoffe auf Gott und die Gerechtigkeit, dass die Wahrheit bald ans Licht kommen werde. Mein Gewissen ist still und ruhig; es wirft mir nichts vor. Immer habe ich nieine Pflicht gethan, nie' bin ich einen Schritt abgewichen. In meinem düsteren Gefängnis fühlte ich mich nicdrrgcdrückt, ja zu Boden geschmettert, immer allein mit meinen Gedanken. Ich habe Augenblicke wilder Aufregung durchgemacht, ja ich bin wie ein Irrsinniger herumgeirrt, aber mein Gewiffeu war wach, cs sagte mir; Kopf hoch und aller Welt gerade ins Gesicht geschaut! Stärk durch Dein Gewiffen gehe gerade aus und richte Dich auf'. Das ist eine furchtbare Prüfung, aber Du musst sie bestehen. Ich schreibe Dir nicht mehr, weil ich will, dass dieser Brief noch heute abends abgehe. Schreibe mir ausführlich, schreibe mir alles, was die Unsrigen thun. Ich umarme Dich tausendmal mit meiner ganzen Liebe und Anbetung, meine geliebte Lucie. Unfern Kindern tausend Küsse. Ich wage nicht von ihnen mehr zu sprechen. Die Thronen treten mir in die Augen, wenn ich an sie denke.... 13. December: Endlich komme ich ans Ende meiner Leiden, ans Ziel meines Martyriums. Morgen werde ich vor meinen Richtern erscheinen, mit erhobenem Haupte und ruhiger *) Lettres d'un innoeent. P.-V. Stock. Editeur. Paris 1898. „Weinlese in Palästina", Skizzen aus dem Leben der dortigen Eolonisten, von O. Eisen st adt; „Am Grabe seiner Frau", psychologisches Bild von Ben-Avigdor; „In unserer Literatur", kritische Rundschau vom Redacteur Gustav Bade r. - Preis des Kalenders mit portofreier Zusendung 3', kr. — 70 Pf. 1 Francs 40 Kop. Zu beziehen per Adresse: Verlag des „Jüdischen Volkskalenders" in Lemberg (Galizien). & Büchereinlauf. Dr. I. B. Groß mann: „Zwei Reden". Selbstverlag, Charkow. Die erste Rede, gehalten in der Gesellschaft der „Chowewoi Zion“ zu Charkow, ist betitelt: „Zur Frage über den jüdischen Nationalismus", die zweite, die die tüchtige talmudische Erudition des Autors verräth, hat zum Gegenstände die Stellung der Fremden im Judenthume nach der Bibel und dem Talmud. Im Verlag „E s r a" sind folgende Jargonschriften erschienen : „Profcffor M. Schapira", Biographie von I. Wiernik o w s k i. „Wie lange werden wir im Golus sein?" von Pli. „Messias' Zeiten" von Scholom A l e i ch e m. Verlag „T u s ch i a h" : > "1ED n*— Hebräisches Lehrbuch nebst Anleitung (Berlitz' Methode) von I. Grasorvski.il. Jerusalem 1808. 5.'2!2>*1 mSD Bilder aus der Naturgeschichte, von demselben, Jerusalem 1898. & Seele. Wenn die Prüfung, die ich üb erstanden habe, eine schreckliche war, so hat sie doch meine Seele geläutert. Ich werde als ein Befferer zu Dir zurückkehren, als ich. war. Ich will mich Dir, meinen Kindern, unseren theueren Familien weihen, so lange ich noch leben werde. Wie ich Dir bereits mittheilte, habe ich entsetzliche Krisen durchgemacht. Ich hatte wahrhaftig Augenblicke rasenden Wahnsinnes bei dem Gedanken, eines so ungeheuerlichen Verbrechens angeklagt zu sein. Ich bin bereit, vor Soldaten zu erscheinen, als ein Soldat, der sich nichts vvrzuwerfen hat. Sie werden es auf meinem Gesichte sehen, werden es in meiner Seele lesen, sie werden die Ueberzeugung von meiner Unschuld gewinnen, wie alle diejenigen von ihr überzeugt sind, die mich kennen. Meinem Lande ergeben, dem ich alle meine Kräfte, meine ganze Intelligenz geweiht, habe ich nichts zn fürchten. Schlafe deshalb ruhig, meine Theure, und mache Dir keine Sorge. Denke nur an die Freude, die wir empfinden werden, wenn wir uns bald in den Armen liegen, und recht schnell diese traurigen, düsteren Tage vergeffen werden. (23. December u. ff.) Ich leide sehr, aber ich beklage Dich noch mehr als mich. Ich weiß, wie Du mich liebst. Dein Herz muss Dir bluten... Unschuldig zu sein, ein Leben ohne Makel zu haben, und sich verurtheilt zu sehen wegen des scheußlichsten Verbrechens, das ein Soldat begehen kann, gibt es denn noch Schrecklicheres '? Deinetwegen allein habe ich bis jetzt widerstanden. Deinetwegen allein, meine Angebetete, dieses lange Martyrium ertragen. Werden es meine Kräfte erlauben, dass ich bis ans Ende gehe'? Ich weiß es nicht. Du allein kannst mir den Mutb cinflößen, aus Deiner Liebe allein kann ich ihn schöpfen . . . Ich wage es nicht, mit Dir von den Kindern zu sprechen. Der Gedanke an sie zerreißt mir das Herz. Sprich Du mir von ihnen. Mögen sie Dein Trost sein Meine Bitternis ist so groß, mein Herz so wund, dass ich mich schon von diesem traurigen Leben befreit hätte, wenn mich nicht die Erinnerung an Dich abhielte, wenn nicht die — — FkuiUkton.