Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-08-12
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 Nr. 32 trat und in seiner burschikosen Weise laut lärmend rief: „Meine Herren! Da haben wir einen neuen Beweis des genauen Nachrichtendienstes unserer Nebenbuhlerin in der Schulerstraße!" Alle Redacteure legten ihre Federn nieder und versammelten sich um den Chef. Dieser stellte sich breitspurig in ihre Mitte und begann zu lesen: „Wie wir vernehmen, fand heute Morgen in Perchtoldsdorf die kirchliche Trauung des Herrn Dr. Goldschild, Redacteurs des „Freien Blattes", mit Fräulein Lisi Holzer statt." Alle Umstehenden brachen in ein schallendes Gelächter aus. Man umringte David und wollte ihm ironisch Glück wünschen. „Hören Sie unsere Berichtigung!" überschrie der Ur- Germane seinen literarischen Stab mit dröhnender Stimme. Und nun Hub er an, die an bisiigen Ausfällen gegen das Coucurrenzunternehmen reiche Notiz zu verlesen. Erneuerte Lachsalven begrüßten jeden Witz. „Na, was sagst Du dazu?" wandte sich Kuno Müller an Goldschild. David zuckte die Achseln. „Ich kann mir den Jrrthum leicht erklären," erwiderte er phlegmatisch. „Ich war allerdings in Perchtoldsdorf — ich wohnte auch einer Trauung bei, nur war nicht ich, sondern mein Vetter der Bräutigam." Nun gieng die Empörung erst recht los. Man überschüttete den Cvllegen mit Vorwürfen, man beschuldigte ihn der Geheimniskrämerei. David ließ alles ruhig über sich ergehen. Wie hätte er es auch diesen Herren erklären sollen, wie wenig sie in den Holzerischen Kreis passten. Kuno Müller war ernst geworden. Eine innere Stimme sagte ihm, er habe dem verdienstvollen Mitarbeiter einen bösen Streich gespielt. Da er, abgesehen von seiner Oberflächlichkeit, ein guter Mensch war, that es ihm aufrichtig leid. Er benützte daher die erste Pause, um die unliebsame Belästigung Goldschilds abzubrechen. Laut in die großen, fleischigen Hände klatschend, donnerte er: „Jetzt aber an die Arbeit, meine Herren, an die Arbeit!" Eine Stunde später hatte David seinen Arttkel vollendet und verließ mit kurzem Gruße die Redactton. Die Droschke, die ihn allabendlich nach Hanse zu führen pflegte, harrte bereits vor der Thüre. Der Kutscher lehnte frierend in der Thoreinfahrt. Das alte Pferd stand in seine Decke gehüllt regungslos mit gesenktem Kopfe da und bewegte nur manchmal die spitzen Ohren, als wolle es prüfen, ob es noch regne. Die Fahrt gieng nur langsam vorwärts. Lautlos rollten die Räder. Der Doctor ließ das Fenster des Wagens herunter und ließ sich die kühle Lust um die heiße Sttrne wehen. Ein ttefer, stiller Friede zog in das Herz des einsamen Mannes. Wahrhaftig diese Welt war doch schön! Er hatte sich im harten Kampfe um das Dasein ein empfindlich dankbares Gemüth bewahrt. Ein gutes Stück Poet steckte in dem kampfesmuthigen Journalisten. Da hielt der Wagen bereits vor seinem Hause. Eine dunkle Gestalt schritt wie eine Schildwache vor dem Gebäude auf und ab. Als die Droschke hielt, war auch der nächtliche Wanderer stehen geblieben und näherte sich jetzt dem Journalisten, der dem Kutscher das Fahrgeld in die Hand abzählte. „Guten Abend, David!" sprach er, den Filzhnt leicht lüftend, mit rauher, heißer Sttmme. Der Doctor blieb bettoffen stehen. Der Klang dieses Organes kam ihm bekannt vor. Prüfend bettachtete er den Sprecher. Es war ein aufgeschoffener, schmächtiger, junger Mensch, mit blaffem, mageren Gesichte, aus dem zwei große, mandelförmige Augen unheimlich leuchteten. Seine Kleider waren, soweit man in der unsicheren Helle der Winternacht urtheilen konnte, dürftig, die schmale Krempe seines Hutes abgegriffen. Der Unbekannte ttat, nachdem der Kutscher davongefahren war, dicht an David heran und ftagte mit jener unheimlichen Verttautheit, die gemeinsames Leid oder gemeinsame Schuld erzeugt: „Du kennst mich wohl nicht mehr?" Der große, breite Mund verzog sich dabei zu einem Lächeln und zeigte ein blendend weißes Gebiss, deffen Eckzähne auffallend stark entwickelt waren. Der halb ttaurige, halb freche Ausdruck der Augen half Davids Gedächtniffe mit einemmale auf die Spur. „Jsak!" rief er. „Bist Du es wirklich? Was suchst Tn hier — in Wien?" „Mein Glück!" erwiderte Nathans Sohn gut gelaunt und siegesgewiss. „Heute Nachmittag bin ich angekommen und habe Deine Wohnung ausfindig gemacht. Seit drei Stunden Watte ich auf Dich!" „Hier auf der Sttaße?" ftagte der Doctor erstaunt. „Ja — weißt Du!" entgegnete Jsak scheu. „Ich dachte, die Leute, würden mich doch nicht in Deine Zimmer lassen. Und dann — konnte ich denn wissen — ob mein Besuch Dir recht wäre?" Die schlaueste Berechnung hätte Jsak kein besseres Wort der Einführung in den Mund legen können, als diese kttechende, überttiebene Demuth. Sie ettnnerte den Doctor an das ganze unsägliche Elend seiner Jugend und ttef in seiner ehrlichen Seele das Gefühl der Stammesverwandtschaft wach. „Was sprichst Du da für Unsinn!" unterbrach er den jungen Vetter fast barsch. „Auf der Stelle kommst Du mit mir und bleibst in meinem Hause, bis sich ein passendes Quartier gefunden Frau Karoline Sanftmuth, die aus ihrem besten Schlafe gettommett wurde, war über den neuen Gast nicht wenig erstaunt. Erst diesen Morgen hatte sie das Zimmer, das Karl-Raphael bisher bewohnt, aus geräumt, da es der Doetor als Bibliothek einttchten wollte. Nun musste Hals über Kopf das Bett wieder aufgeschlagen werden. Außerdem erschien ihr der halberwachsene Bursche, der plötzlich vom Himmel in ihr Hauswesen bei nächtlicher Stunde hereingeschneit kam, keineswegs Verttauen erweckend. Während die geplagte Witwe in der Kammer hantierte, saßen David und Jsak Goldschild beim kalten Nachtmahle, das den Doctor immer auf dem runden Tische des Wohnzimmers ermattete. Ersterer verspürte keinen Hunger. Jsak dagegen aß mit hastiger Gier. Der breite Mund mit den spitzen Eckzähnen war in beständiger kauender Bewegung. (Fottsetzung folgt.) 4* öricfliflftcit der Redaktion. Aufrichtiger Zionist, Lemberg. Besten Dank für die Ratbschlüge. B. Pr—r aus B. Das wurde von der Vorconferenz beschlossen. S. 5*. H., Cincinnati. Dank für sehr interessanten Brief, den wir dem Programmreferenten des Kongresses übermitteln. Emil Schl.. Zwittan. Dank. Passt aber doch nicht für eine Veröffentlichung. „Zionist, Radautz". Besten Dank für Ihre Einsendung. Für uns leider unbrauchbar. G. L., Piusk. Herzlichen Dank für Ihre liebenswürdige Zuschrift. M. Urban. Focsani. Besten Dank. Mabit, Tarnopol. Leider ein häufiger, von uns oft be sprochener Fall. & Herausgeber: P. Dafttzauor. Veranttv. Red.: Dr. Siesur. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), Vlll., Schlöffelg. 11