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Die Welt · 1898-08-12 · 32 (12.8.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
32 (12.8.1898)
Article
Bismarck
Date
1898-08-12
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32 Sieht man genauer hin, so hat er in dem ihm aufgedrangten Wechsel der Methoden vielleicht nichts Härteres und Grausameres gewirkt, als was er den Juden anthat, die er doch persönlich bei weitem nicht so von sich wies wie die Polen, und doch ist es achtungsvolle Verneigung vor der Größe seiner historischen Persönlichkeit, welche man bei den Juden in diesen Tagen gewahrt. Er hat den Antisemitismus mobil gemacht in der irrigen Meinung, mit demselben die Socialdemokraten erfolgreich bekämpfen zu können. Der Fehlschlag war ungeheuer, denn schließlich kehrte sich der Antisemitismus gegen ihn selbst; aber der Antisemitismus, den er später von sich abschüttelte, war nun einmal da. Welch' hochentwickelter, geschichtlicher Sinn gehört dazu, dass die Juden dem gewaltigen und gewaltthätigen Todten dafür nicht fluchen, sondern dass sie seine Größe willig anerkennen, obwohl sie am wenigsten von allen Grund haben, ihm dankbar zu sein! Es ist nur ein Beispiel, aber es dient trefflich zur Illustration. Die persönlichen Freunde Lasters erzählen, dass dieser, nachdem er in der schnödesten Weise von Bismarck behandelt worden war, doch niemals aufhorte, den großen Gegner achtungsvoll anzuerkennen, der ihn doch vorher zu seinen Werken benützt und umschmeichelt hatte. Wir freuen uns aufrichtig darüber, dass in die Trauer des deutschen Volkes um Bisma rck von jüdischer Seite kein Mission gebracht wurde. Nicht Furcht und nicht Sentimentalität bestimmt uns, sondern Respect vor der Allgewalt geschichtlicher Entwicklung und vor den großen Individualitäten, welche berufen sind, sie vorwärtszubringen. Wir Juden haben einiges Recht, unsere historische Existenz zu betonen, die alle Umwälzungen der Jahrtausende überdauert hat, und als Individualität unter den Völkern stehen wir hinter keiner Nation zurück. Als solche wollen wir uns erhalten. Das hat die Aera Bismarck uns schwerer gemacht, aber sie hat uns auch gestählt. Als Bismarck zurücktrat, waren die Anfänge des Zionismus bereits vorhanden und heute leugnet niemand mehr, dass der Zionismus eine feste Säule ist. In dem Zionismus ist das Judenthum sich seiner national-historischen Individualität wieder bewusst geworden. Wir gönnen jedem Volke vom Herzen, dass es der Segnungen gedeihlicher, nationaler Entwicklung unter der Führung mächtiger Persönlichkeiten theilhaftig werde, nur verlangt es auch uns nach diesen Segnungen. Auf Bismarck haben wir nicht zu hoffen gehabt; sein Schüler auf dem Kaiserthrone ist frei von Vorurtheil und Engherzigkeit. Wir hoffen zu ihm und sind weit davon entfernt, uns diese Hoffnung durch trübe Erinnerungen zu vergällen. Als gewaltiges historisches Monument bleibt auch uns die Gestalt Bismarcks, wie wir sie sahen und erlebten, bestehen; aber ein neues, modernes Leben flutet an diesem Monument vorüber, und verkörpert ift_ es in dem hochstrebenden kaiserlichen Manne, der, selbst eine scharf und mächtig profilierte Individualität, die Lücke ausfüllt, die durch Bismarcks Heimgang entstanden ist. Unsere nationale Wiffenschaft. Bon Dr. P. Felix. In dem Streite um die jüdische Nationalität wurde bisher auffallenderweise noch nie ein Zeuge ins Treffen geführt, der schwerer wiegt als alle theoretischen Auseinandersetzungen, ich meine die hervorragendste Manifestation des jüdischen Geistes in unserem Jahrhundert, die „jüdische Wissenschaft". . In Laienkreisen stellt man sich vielfach unter jüdischer Wiffenschaft eine wiffenschaftliche Begründung des Judenthums, also eine Art jüdischer Theologie und Apologetik vor, und bedenkt man, dass die Pflegestätten dieser Wiffenschaft mit Namen wie „jüdisch-theologisches Seminar" oder ,israelitischtheologische Lehranstalt" bezeichnet werden, so muss man jenen weitverbreiteten Jrrthum mindestens begreiflich finden. Freilich haben die an diesen Anstalten wirkenden Lehrer in der Regel selber eine rabbinische Vorbildung genossen, und ihr Ziel ist wiederum die Heranbildung tüchtiger Rabbiner, aber' trotzdem lehren sie nichts, was im eigentlichen Sinne Theologie genannt werden könnte. Denn eine jüdische Theologie existiert überhaupt nicht, das Judenthum hat nie eine wirkliche Dogmatik ausgebildet, und darin besteht gerade seine weltgeschichtliche Bedeutung, seine Ueberlegenheit und seine Unzerstörbarkeit. Daraus erklärt sich auch der auffallende Mangel an Lehrbüchern, die den religiös-sittlichen Gehalt des Judenthums voll und erschöpfend zum Ausdruck bringen. Ja noch mehr, die Geschichte der Juden ist schon geschrieben, eine Geschichte der jüdischen Religion fehlt noch. Keiner unserer großen Meister hat es bisher versucht, den Entwicklungsgang der jüdischen Lehre von ihren Anfängen bis auf die Gegenwart darzustellen, selbst eine Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie besitzen, wir noch nicht, und dürfte dieselbe auch nicht so bald geschrieben werden. Die jüdische Wissenschaft trägt also keineswegs einen einseitig religiösen Charakter, und wäre dies der Fall, so verdiente sie gar nicht den Namen einer Wiffenschaft. Man kann von iyr nicht im gleichen Sinne wie von einer katholischen und protestantischen Wiffenschaft sprechen, sie wird nicht von Juden für Juden „gemacht", sie ist vielmehr eine imposante Kraftäußerung des jüdisch-nationalen Geistes, der zum Selbstbewusstsein erwacht für alle Zeiten festzuhalten suchte, was das jüdische Volk seit drei Jahrtausenden gewirkt und geschaffen, gelernt und gelitten, gedacht und gesungen hat. In diesem erhabenen Bilde ist die Religion gleichsam der Rahmen, der das Ganze zusammenhält und gleichzeitig hebt; in der jüdischen Religion kommt unsere Nationalität erst zum adäquaten Ausdruck, nur in seinem Glauben konnte sich das jüdische Volk wahrhaft ausleben. Nationalität und Religion bedingen und ergänzen sich gegenseitig im Judenthum, sie können ohne einander gar nicht gedacht werden, und wer sie voneinander trennen will, mag er nun deutsch-nationaler Assimilationsrabbiner oder religionsloser Nationaljude sein, versteht überhaupt das Judenthum nicht, oder sucht sich über den in seiner Anschauung liegenden Gegensatz hinwegzutäuschen. Man kann die jüdische Wiffenschaft am ehesten mit der klassischen Alterthumswiffenschaft in Parallele stellen wie überhaupt die Juden ein klassisches Volk im eminenten Sinne des Wortes zu nennen sind, wenn anders mit diesem Ausdrucke die Schöpfungen seines Geistes als vorbildlich für alle Zeiten und grundlegend für die Cnltur der ganzen Menschheit bezeichnet werden sollen. Was man den griechischen und'römischen Genius nennt, ist die höchste und edelste Erscheinungsform des griechischen und römischen Bolksgeistes und kann, davon losgelöst, unmöglich erfasst und verstanden werden. So kann auch die jüdische Religion vom jüdischen Volke, besten Genius sie darstellt, nimmer getrennt werden. Gleich jenen leiden großen Völkern hatten auch die Juden ihre classische Sprache, die ihnen noch nach dem Untergang ihres Staates als kostbarstes Nationalgut blieb und ein einigendes Band um die zerstreuten Glieder des Volkes schlang. Darum lässt sich auch das Judenthum so schwer mit seiner großen Tochterreligion vergleichen. Das.Christenthum entbehrte jeder nationalen Grundlage, seine Bekenner waren nicht durch eine gemeinsame Abstammung und Sprache, Geschichte und Literatur zusammengehalten, die Kircüe schwebte in der ersten Zeit gleichsam in der Lust und musste daher schon frühzeitig einen Kirchenstaat zu bilden und so die Gläubigen um einen festen Mittelpunkt zu scharen suchen; was ihr an innerem Halt fehlte, musste durch äußere Macht ersetzt werden. Im Gegensätze dazu strebte das Judenthum in der Diaspora nur, sich nach innen zu consolidieren, und hat dadurch allen Verfolgungen und allen Stürmen der

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