Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 32 (12.8.1898)
- Date
- 1898-08-12
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Es ist nicht mehr als billig, dass der Eindruck, den die Kunde vom Tode Bismarck's hervorgebracht hat, einige Wochen in den Gedanken und Empfindungen der Zeitgenossen fortwirkt. Ein ganzes Menschenalter hat von dem Lebenden gezehrt, nun muss man sich daran gewöhnen, dass die Welt um die große geschichtliche Persönlichkeit ärmer geworden ist, wenn man auch nicht gleich den resignierten Ruf auszustoßen braucht: „Les Dieux s’en vont!“ Wahr ist, dass die übermächtigen Individualitäten — Jes Dieux — immer seltener werden, und Otto Bismarck, der gelegentlich mit seiner Riesenkeule auf den Individualismus losschlug, war ganz zweifellos selbst die individuellste Persönlichkeit der letzten fünf Jahrzehnte. Aber was von den Einzelnen gilt, ist nicht immer auch für die Gesammtheit zutreffend. In einem seiner schönen Briefe an seine Schwester hat Bismarck vor länger als einem halben Jahrhundert geschrieben: „Die Schauspieler sagen: Rach Neune ist alles aus." Für ihn war es Neune an jenem 20. März 1890, an welchem er seine Entlassung erhielt. Und merkwürdig genug war es, dass der Platz neben dem Throne, den er so lange und so unüberwindlich eingenommen hatte, nun leer wurde, damit auf dem Thron selbst eine starke Individualität, diejenige des jungen Kaisers, in ihr Recht trete. Es war, historisch genommen, doch nur ein Ote-toi que je m’y niette, welches sich vollzog. Die Deutschen haben keinen Anlass, darüber Thränen zu vergießen. Ihren Bismarck haben sie gehabt, und was er nur irgend für die Größe und den Ruhm Deutschlands vollbringen konnte, hat er vollbracht. Dass er einen Schüler hinterließ, der, unter neuen Weltbedingungen gereist, sofort und noch bei seinen Lebzeiten sein Erbe an sich nahm, ist ein großes Glück, und dass dieser Schüler der Kaiser selbst ist, kommt setzt erst dem deutschen Volke zu vollem Bewusstsein. Es liegt freilich in der Natur der Dinge, dass der Schüler, indem er zu den Zielen, welche der Meister gewiesen, andere Wege einschlägt, wie ein Abgefallener erscheint. Spinoza sieht sich bisweilen wie ein Gegner des Cartesius an, obgleich er dessen Fortsetzer ist. Aber darauf kommt wenig an. Was der Zeitgenosse sieht, ist selten die ganze Wahrheit. Das sicher Erkennbare ist für jetzt doch nur, dass durch drei Jahrzehnte der deutsche Nationalcharakter sich ganz und vollkommen in der Persönlichkeit Bismarcks verkörperte, wie eben die Entwicklungsstufe dieser drei Jahrzehnte es mit sich brachte, und darin allein offenbart sich das Monumentale aller historischen Persönlichkeit. Als die Bismarck-Zeit vorüber war, streckte sich die Gestalt des jungen Kaisers in die Höhe, ebenso selbstherrlich, ebenso unwiderstehlich, dem gleichen Ziele zugekehrt, nur anders nach Geburt und Erziehung, in Rede und Geberde — andere Zeiten, andere Lieder. Niemandem steht es an, das Alte gegen das Neue auszuspielen oder von dem Neuen selbstgefällige Rückschlüsse auf das Alte zu ziehen. Man verkennt den Geist der Geschichte, wenn man die große historische Persönlichkeit, die doch immer nur ein Werkzeug ist, für das, was sie im Guten, wie im Schlimmen gewirkt, verantwortlich macht. Der Franzose oder Pole, der Socialdemokrat oder Ultramontane, welcher vermeint, über Bismarck ein unerbittliches Todtengericht halten zu dürfen, ist doch sehr weitab von den elementarsten Erfordernissen geschichtlicher Gerechtigkeit. Wenn die Zeit gekommen, die einen Bismarck braucht, so ist es auch die Zeit, wo Schläge fallen, Mauern zusammenstürzen, Thürme umsinken müssen. Die menschliche Persönlichkeit, die in solchen Epochen das Werk vollbringt, ist genau so, wie sie nach dem Gebote der Geschichte sein muss, und weil sie dazu ausersehen ist, geschichtliche Persönlichkeit zu sein, muss sie zuletzt auch dem Hass und der Gunst entrückt sein. Sie ist, was sie ist, um ein berühmtes Wort Gambettas zu citieren. Es ist in diesem Gedankengange doch sehr anziehend, zu beobachten, wie verschieden die Aeußerungen über den Hingang Bismarcks sind. Sie schwingen zwischen exstatischer Bewunderung und blutigstem Hasse. Und man kann nicht einmal sagen, dass der Hass der Polen und der Socialdemokraten unverdient ist: er hat nur eben mit der geschichtlichen Gerechtigkeit nichts zu schaffen. Dass Bismark aus dem Deutschen Reiche keinen socialistischen Zukunstsstaat wollte machen lassen, sondern mit den gewaltthätigsten Mitteln die Socialdemokratie niederhielt, war ihm kaum zu verdenken, und dass er Deutschland vor den Gefahren des polnischen Separatismus zu bewahren trachtete, war seine Pflicht und Schuldigkeit.