Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-08-05
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
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!<tr. 31 Seite 9 Löbliche Redaction der „W c 11"! Wir beehren uns. Ihnen folgende Mittheilungen über den Studententag zu machen und bitten um Veröffentlichung derselben in der „Welt". Der Studententag findet unmittelbar nach dem Zionistcn- Congress in Basel daselbst statt: er dauert 2 Tage lang: der erste Tag ist dem „allgemeinen Studententage" gewidmet. Sein Zweck ist, eine Uebersicht über die Lage der zionistischen Studentenbewegung zu geben und die theoretischen Aragen des Zionismus zur Discussion zu bringen. Es soll aus ihm unter anderem auch den Gegnern des Zionismus unter der jüdischen akademischen Jugend die Gelegenheit geboten werden, ihre Gegnerschaft zu begründen und' ihre Vorschläge und Ansichten darüber, wie dem jüdischen Volke zu helfen wäre, vorzubringen Daher haben alle jüdischen Studenten — Zionisten und Nicht- Zionisten — zum allgemeinen Studententage Zutritt. Bei eventuell zn fastenden Resolutionen haben alle bcrathende und beschließende Stimme. Näheres über die in Aussicht genommenen Referate kann dem Aufruf und der Tagesordnung entnommen werden. Die Herren Studierenden, die am allgemeinen Studententag theilnehmen möchten, werden ersucht, sich der Eommisfion des Vereines „Hessiana" anzumelden, die ihnen dann Eintrittskarten zuschicken wird. Als Gäste können alle die Herren Zutritt zum Studententag haben, die entweder Delegierte am Zionisten-Congress oder im Besitze von Eintrittskarten zu demselben sind. Am zweiten Tage findet der Delegiertentag statt: an diesem haben berathende und beschließende Stimme nur die Delegierten der akademischen zionistischen Vereine. Seine Sitzungen sind aber ebenfalls öffentlich. Die Vereine werden ersucht, wegen der Kürze der Zeit dieDe legierten wähl baldigst vorzunehmen und uns die Resultate derselben milz u t h e i l e n. ^Außerdem werden wahrscheinlich an den Abenden während des Tagens des Eongresses noch eine oder, wenn nöthig, zwei Conferenzen der Delegierten der Vereine stattfinden, nm die Tagesordnung des Delegicrtentages endgiltig sestzustellcn, eine Commission zu wählen, die die Meinungsverschiedenheiten der Vereine über manche Punkte der Statuten anszugleichen haben wird :c. :c. Ueber den gemüthlichcn Thcil können wir noch nichts Näheres mitth eilen. Diese Mittheilungen nebst der Tagesordnung werden wohl genügen, um Auskunft über den Studententag zu geben. Jede weitere Auskunft ertheilt bereitwilligst die Commission des Vereines „Hessiana" per Adresse: E. Weintraub, Zürich, Eidgenössisches Ehemicgebäude. Mit Zionsgruß! Zürich, im August. Im 'Auftrag: E. Weintraub, derzeit Präses. Die Veröffentlichung der Spenderliste für die geplünderten Juden Galiziens erfolgt wegen Raummangels in nächster Nummer. Tic R e d a c l i o n. Zur Schaffung eines Wirtschafksprosrammrs.*) Geehrter Herr Redacteur! Mit der Einleitung der Sharezeichnung für die Colonialbank ist die Frage der Besiedelung Palästinas durch Juden aller Länder aus dem Rahmen der Utopien herausgetreten und bietet den Volkswirtschafrlern von Beruf Stoff genug,' um darüber nachzudenken, wie sich die neuen Ansiedler einrichten sollen, um weder in den Pfuhl der modernen Lohnsclaverci zu versinken, noch eine Unmasse solcher kleiner Existenzen ins Leben zu rufen, welche sich im schweren Kampfe um das tägliche Brot gegenseitig bekriegen und aufreibeu. Nach all' den Vorgängen, welche ich auf dem Gebiete der volkswirtschaftlichen Entfaltung meines Vaterlandes zu beobachten die Gelegenheit hatte, kann ich mich für die Schaffung kleiner Bauernwirtschaften absolut nicht erwärmen, ebensowenig aber auch dafür, dass man in Palästina ein neuer- Absatzgebiet schaffe für all' den unmodern gewordenen Schund, den die ungesunde Ueberproduction der Industriestaaten auf den Markt wirft. Es wäre ein Jrrthum, zu glauben, dass man mit den primitivsten Einrichtungen der Bauernwirtschaft, den Wettkampf mit der Riescnproduction der amerikanischen und australischen Latisuudic:: *) Wir geben dieser interessanten Zuschrift gerne Raum, obwohl die vom Herrn Einsender gemachten Vorschläge die hiezu berufene Commission schon seit erniger Zeit beschäftigen. Ter Gedankcngang des Einsenders deckt sich großcntheils mit dem der Commission. Anm. der Red. aufnehmen und den Ansiedlern sammt Kindern und Kindeskindern vom Ackerbau allein auf einer Miniaturform für die Ewigkeit eine sichere Existenz gründen könne. Diese Wirtschaftsreform in Palästina zur vorherrschenden zu machen, wäre nach meiner unmassgeblichen Ansicht eilt derartiger Schritt, wie wenn jemand auf .Kähnen mit Armbrust und Bogen gegen die Panzerschiffe und Armstrongkanonen kämpfen wollte. Es wäre bedauerlich, wenn wir in Palästina wieder die ungesunden socialen Verhältnisse einbürgcrn würden, welche zur Zeit des zweiten Tempels bestanden. Bor fünfzig Jahren wurde in Ungarn die Leibeigenschaft aufgehoben, nnd eine Menge kleiner Bauernwirtschaften ins Leben gerufen. Was zeigt sich nach einem halben Jahrhundert? Die Wirtschaften sind verschuldet oder befinden sich bereits in zweiter, dritter Hand oder in den Händen von zehn oder mehr Familien, welche die Erbschaft des Großvaters angetreten, das Gros der Bauern keucht unter den Lasten der Selbstständigkeit und der zum besitzlosen Proletarier herabgesuukene. gewesene Hörige oder deffen Söhne können in den Sommermonaten kaum das karge Brot für die Wintermonate verdienen. Die Regierung ist gezwungen, allerlei Maßnahmen zu ergreifen, um der sich Luft machenden Unzufriedenheit Schranken zu setzen und es musste der knurrende Magen auch hie und da mit der Spitze des Bajonnets zur Ruhe gebracht werden. Von den Baron Hirsch'schen Colonien kommen russische Auswanderer schaarenweise zurück, es ist ihnen trotz der günstigen Terrain- und Colonisationsoerhältnisse nicht gelungen, sich eine Existenz zu sichern. Es würde uns kaum freudig berühren, wenn unsere Colonisten in Palästina gegen das Bauernproletariat in Ungarn und unsere unglücklichen Ansiedler in 'Argentinien nur das eine Gute hätten, zur Ehre des israelitischen Bodens darben und entsagen zn müssen und ihr trauriges Los vielleicht nur darum leichter trügeu, weil sie auf heiligem Boden leben und sterben können, von wo aus ihre Seele, dem frommen Glauben nach, direct ins Himmelreich eingehen kann, ohne nach ciuer Hölle im Diesseits noch eine im Jenseits durchmachen zu müssen. Diese Bedenken sind es, welche mir die Feder in die Hand drücken und mich veranlassen, als Jude, der seine unglücklichen Brüder gerne gegen alle Unbill geschützt wissen möchte, die Spalten dieser Zeitschrift aufzusnchen und alle Gesinnungsgenossen zu bitten, die Art der wirtschaftlichen Erschließung Palästinas wohl zu erwägen und nicht schon vom Anfang an solche Schwierigkeiten hervorzurufen, welche später, vielleicht schon in den nächsten Jahrzehnten die Kurzsichtigkeit der jetzigen Generation kennzeichnen würden. Wenn ich die Anläufe zur westlichen Cultur in Palästina betrachte, so finde ich, dass man dort in der Zeit, wo hier die elektrischen Bahnen ganz lustig ihren Einzug hielten, die Bahn Jasta—Jerusalem - "wie Fachleute sagen — mit schlechtem Material uud Dampflocomotiven eingerichtet hat. Ich finde, dass die Civilisation dort mit dem Importe von Ausschusswaren europäischer Provenienz beginnt, welche den Abnehmern dieser Artikel den Schein der Intelligenz verleihen sollen. Man halst der Einwohnerschaft Luxusgegenstände auf, um ein „Geschäft" zu machen und reizt Bedürfnisse auf, welche mit den bescheidenen Mitteln der derzeit vom Bettel oder der von schwerer Arbeit lebenden Einwohnerschaft absolut nicht im Einklänge stehen. Diese Anläufe zur zukünftigen Entwicklung sind absolut ungesund und tragen den Keim desjenigen Zersctzungsprocesses in sich, welchem die Gesellschaft gegenwärtig unterworfen ist. Diese Kemre von der jüdischen Colonie fernzuhalten und die Immunität dieses Gebietes gegen den modernen Fäulnisbacillus zu sichern, ist die Aufgabe und Pflicht derjenigen Männer, die berufen sind, das Befreiungswerk zu leisten und die armen Flüchtlinge und deren Nachkommen einer nach jeder Richruug hin gesicherten Zukunft cntgcgenzuführen. Aus diesem Grunde nehme ich mir die Freiheit, die Aufmerksamkeit der leitenden Männer darauf zu lenken, dass im Interesse der erfolgreichen Besiedelung Palästinas durch jüdische Colonisten in erster Linie die Verhältnisse dieses Landes fachgemäß zu erheben und diese Daten mit dem bisherigen geographischen Materiale dem nächsten Congrefs oder einem vom Congress entsendeten Comite vorzulegen sind, welches in Erwägung der derzeit bestehenden Verhältnisse, namentlich des Exports und Jmvorts, der derzeit ausgeübten Gewerbe und deren Absatzgebiet, der Erploirarionsmöglichkeit der geologischen Verhältnisse durch Steinbruch, Bergbau u. s. w. im Zusammenhang« mit den auf diesen Urproduccionszweigen basierten Gewerben die eventuelle Auffrischung der Ackerkrume, durch Anwendung von tiefgehenden Dampfpfiügcn, die Möglichkeit der Bohrung artesischer Brunnen und der Verwertung sich eventuell ergebender Erdöl- und Asphaltproducte, sowie aller bei der Schaffung eines gesunden, auf 'Ackerbau, Industrie und Außenhandel gestützten Gemeinwesens zu verwertenden Eigenschaften des Landes zu erwägen und sodann ein sich auf alle "Details erstreckendes Wirtschaftsprogramm auszuarbeiten hätte, dessen Verwirklichung mit aller Consequenz und mit allen verfügbaren Mitteln durchzuführcn wäre. Das Colonisieren aufs Gerathewohl ist eine gefä irlich