Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Article
- Brotvertheilung in Galizien
- Date
- 1898-08-05
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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«ptcSflwr Nr. 31 Brotvertheilung in Galizien. Wir suchen uns oft beim Lesen von Schilderungen über Elend und Armut der Bevölkerung zu überreden, dass das bloß Uebertreibuugen sind, Ausgeburten dichterischer Phantasien. Wer aber Gelegenheit hat, das Elend, wie es in großen Mafien besonders in Galizien angehäust ist, mit eigenen Augen wahrzunehmen, der muss sich bald gestehen, dass alle jene Schilderungen, mögen sie noch so gräulich erscheinen, nur verblasste Schattenbilder sind, die weit hinter der grauenhaften Wirklichkeit Zurückbleiben. Wer hier die schreckliche Wirklichkeit aus eigener Wahrnehmung kennen lernen will, der scheue nicht die Mühe, sich in der frühen Morgenstunde in die Fleischhackergaffe Nr. 9 zu begeben, wo seit einigen Monaten, der großen Theuerung wegen seitens des jüdischen Vorstandes unter die Armen um einen billigeren Preis Brote vertheilt werden. Es wäre zu wünschen, dass alle unsere Reichen sich dieses Bild des Elends ansähen. Auch alle unsere Antisemiten, die da behaupten, dass bei dem ärmsten Juden Schätze aufgespeichert sind, mögen sich diesen Anblick nicht entgehen lasten. Auf Anregung eines Freundes begab ich mich in einer jener frühen Morgenstunden in die oben bezeichnte Gaste, um das betreffende Hausnummero aufzusuchen. Ich brauchte aber nicht lange herumzusuchen, denn schon von der Ferne drang ein wüstes, immer wachsendes Geschrei an mein Ohr wie von hungrigen Thieren, die sich um die Beute reißen. Als ich, von dem Lärm geleitet, in den weiten Hofraum eintrat, bot sich meinen Augen folgender Anblick: Eine tausendköpfige Menschenmenge, Männer, Frauen, Greise und Kinder, alle zu einem Klumpen zusammengepresst, drängte unter Flehen, Weinen, Drohen und Lästern dem offenen Fenster zu, durch welches die Brote jedem Einzelnen hinausgereicht wurden. Kaum hatte ich mich genähert, so wurde ich von der tobenden Menschenlawine erfasst und schon befand ich mich in einer Art Preste, die sich mir immer enger um den Leib schraubte, so, dass inir der Athem stockte, und die Schweißtropfen aus allen Poren drangen. Dank der Verwendung eines Bekannten unter den Brotvertheilern, schaffte man mir möglichst Raum, so dass ich mich mit genauer Noth mitten durch diesen verworrenen Menschenknäuel bis zum Schalter durchzuwinden vermochte. Von hier aus erst konnte ich den ganzen großen Jammer übersehen, der sich vor meinen Augen entrollte. Da rücken sie wogenartig heran, diese unglücklichen, hohläugigen Gestalten, mü den Fäusten brechen sic sich Bahn, die Gesichter sind kreideweiß, aus gepresster Brust ringt sich der Athem. Die Polizeileute, die dort aufgestellt sind, um die Ordnung zu erhalten, müsten oft, um Unglücksfälle zu verhindern, ein Einschreiten mit blanker Waffe androhen. Aber niemand von den Unglücklichen lässt sich dadurch einschüchtern. Der Hunger ist todesmuthig. Die Unglücklichen rissen bei ihrem Herandrängen die schwere Eisenvergitterung vor Fenster und Schalter auseinander, als wäre sie ein Strohgeflecht. Es erstarrt einem schier das Herz, wenn man dieses immer mehr anschwellende Toben und Heulen von tausend Ausgehungerten hört. Jndess rücken die Jammergestalten eine nach der anderen heran. Hier ein Hohlwangiger in Fetzen gekleidet. Er steht mit keuchender Brust, kaum fähig ein Wort hervorzubringen, stumm hält er die vierzehn' Kreuzer hin, um die ihm das Brot ausgefolgt wird. „Ich bitte noch eins", haucht er, „ich habe zu Hause eine Frau mit sieben Kindern zu ernähren". Hier wieder eine nervige untersetzte Gestalt mit einem verwitterten Gesichte, in welchem die Sommerhitzen und Winterfröste ihre Spuren eingegraben, offenbar ein Arbeiter, der keine Arbeit hat. Finster tritt er vor, murrend hält er die vierzehn Kreuzer hin, hastig reißt er das Brot an sich und entfernt sich mit einem Lästerwort. Am liebsten würde er alle diese Brotspender todtschlagen, die, wie er in seiner Verzweiflung annimmt, sein großes Elend verschulden. Hier wieder ein kleines, siebenjähriges Mädchen. Das zerriffene, schmutzige Hemd lässt deu dünnen Hals und die dürftigen Schultern unbedeckt, während der Ausdruck des Gesichtes, das schon lange nicht mit säuberndem Waster in Berührung gekommen, eine gewisse Pfiffigkett verräth, wie sie oft bei den Kindern des Elends wahrzunehmen ist. Das Kind hält die vierzehn Kreuzer hin und bittet mit geläufiger Zunge, dass man ihm außer dem gekauften noch ein Brot schenke, denn zu Hause verschmachten die Mutter und zwei jüngere Brüder. Ein neben ihr stehendes Weib bezeugt, dass dieses Kind alle Arbeiten im Hause versehe. Der Vater sei Hausierer, die Mutter liege auf dem Krankenlager, die zwei anderen Kinder haben kaum das drttte und vierte Jahr überschritten, so sei die Versorgung des Hauses einzig diesem Kinde überlasten. Ein anderer wieder wird bei einem „Schwindel" erwischt: Er erscheint heute bereits das drittemal beim Schalter; jedesmal ist er von einer anderen Seite gekommen und auf diese Weise hat er sich schon das dritte Brot um einen billigen Preis erschlichen. ' Bedenkt man, dass dieser arme „Schwindler" sich heute schon das drittemal der Tortur dieses Heranschleichens unterzogen hat und alles das, um sich ein Brod zu erringen, so kann man erst recht die Größe des Elends ermessen. Man muss diese Unglücklichen beobachten, wenn sie ihr Brot erhalten haben; wie sich die halberloschenen Augen beleben, wie der Gesichtsausdruck ein freierer wird; sie werden heute deu wüthenden Hunger zu stillen haben! Die meisten erheben das Brot hoch über ihr Haupt, wie eine Siegestrophäe, die sie im heißen Kampfe erobert haben. Einen sah ich. wie er vom Brote, kaum dass er es bekommen, ein Stück herunterriß und es heißhungrig verschlang. Der Hunger ließ ihn nicht warten. Erhielt einer gar ein Brot geschenkt, dann trug er es im Triumphe fort, und er zeigte eine so glückliche Miene, als hätte er soeben einen großen Treffer gemacht. Gegen fünf Stunden wogte dieses Menschenmeer hin und her, immer neue, traurige Erscheinungen förderte es zutage, bis cs sich nach und nach legte. Die Armen, die ihre Brote ausgefasst hatten, verloren sich einzeln und gruppenweise aus dem weiten Hofraume. Inzwischen war der Borrath der Brote erschöpft. Da sollte uns noch ein Nachspiel zu dieser Tragödie menschlichen Elends geboten werden. Gegen fünfzig Arme blieben zurück. Es waren theils Verschämte, die nicht den Muth hatten, sich vorzudrängen, theils Kranke, denen die Kräfte dazu nicht ausreichten, theils Krüppel mit verstümmelten Händen und Füßen. Unter der Masse der anderen Nothleidenden waren diese die Enterbten. Einer nach dem Anderen näherte sich dem Schalter und hielt die vierzehn Kreuzer hin; doch als sie erfuhren, dass kein Brot mehr zurückgeblieben, da nahm ihr Gesicht einen so verzweifelten, bestürzten Ausdruck an, dass es einem bei diesem Anblicke graute. Manche von ihnen zogen stumm mit gesenktem Haupte ab, andere stießen einen Fluch aus, und andere wieder wischten sich beim Weggehen die Thränen aus den Augen. — Weib und Kinder warten zuhause auf das Brot. Ja, wer die große Tragödie des menschlichen Elends in seiner ganzen Grauenhaftigkeit kennen lernen will, der sehe sich nur einmal so eine Brotvertheilung in Galizien an. Da wird er nicht blos von „Mitgefühl" ergriffen werden. Das Mitgefühl drückt immer eine gewiste Distanz aus, zwischen dem Zusehenden und dem Leidenden, es sagt gleichsam: „Ich, der Reiche, ich der Satte habe Erbarmen mit Dir Elendem, mit Dir Hungrigem. Das Mitgefühl ist nur ein Rausch, nur ein Dusel, der sich bald verflüchtigt; hier aber an d-r Stätte des Elends lernt man mehr als Mitgefühl, man lernt Mit leid — richtiger — man lernt mitleiden mit dem schrecklichen Elend des Armen. Das Mitgefühl vettheilt Brote, die höchstens für einige Stunden den nagenden Hunger, den Magen zum -Schweigen bringen, das Mitleid aber schafft dauernde Hilfe, gründet Existenzen, baut Schulen, errichtet Versorgungs- Häuser und sorgt hinaus für die weitere Zukunft. Lemberg. NathanSamuelp.