Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-08-05 · 31 (5.8.1898) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
31 (5.8.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-08-05
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
address
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315774--07304-3361844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 31. Seite 7 Köln. (Telegramm). Im Hinblick auf den vierzehn Tage später zusammentretenden Baseler Congress wird von mehreren zur Bankconferenz nach Köln Geladenen der Wunsch ausgesprochen, dass auch die Bankconferenz drei oder vier Tage vor dem Congress in Basel stattfinde. Dadurch würde der Zeitverlust der doppelten Reise vermieden werden. Das Bankcomite wird in dieser Frage baldigst Beschluss fasten. & Friedrich Beer. Bildhauer Friedrich Beer ist ein Abkömmling der alten, angesehenen Familie Wertheimer, deren Einer, Samson Ritter v. Wertheimer, bekanntlich in der Geschichte der Wiener Juden eine so ehrenvolle Rolle gespielt hat. Friedrich Beer wurde im Jahre 1847 in Brünn, wo seine Eltern vorübergehend weilten, geboren. Sein Vater war Kaufmann in Proßnitz in Mähren; er verarmte durch Unglückssällc. Beide Eltern besaßen trotz der kleinen Verhältnisse, in welchen sie lebten, ein reges Verständnis für alles Schöne und Große. Beer war frühzeitig verwaist und wurde von Verwandten für den Kaufmannsstand bestimmt, für welchen er aber keine Neigung zeigte. Seine Schulbildung war eine äußerst dürftige, und er hat sein mannigfaltiges, reiches Wissen, das er sich im Laufe der Jahre angeeignet, nur seiner natiirlichen Anlage, seinem starken Bildungsdrange und einem nie ermüdenden Fleiße zu verdanken. Mehr Neigung hatte er für den Handwerkerstand. Schon in frühester Jugend zeigte er einen Hang für plastische Arbeiten. Man beschloß daher, ihn ein Handwerk erlernen zu lassen, das seiner Veranlagung ungefähr entspräche, und so wurde er — 15 Jahre alt — zu einem Meerschaumschnitzer in die Lehre gegeben und nach einem Jahre war er einer der geschicktesten Meerschaumschnitzer Wiens. In der Kunstgewerbeschule wurde sein Modellierprosessor ans sein ungewöhnliches Talent aufmerksam, und das hatte zur Folge, dass er im Jahre 1865 die Akademie der bildenden Künste in Wien (Schule Radnitzki und später Schule Bauer) bezog; und nun begann das Künstlermartyrium, welches ihm, dem Unbemittelten, seine Confestion auferlegte. Obgleich Professoren und Collegen sein hervorragendes Talent anerkannten, bekam er dennoch nie weder einen Preis noch ein Stipendium, uud die ganze Unterstützung, welche ihm während seiner ganzen Künstlerlaufbahu von seinem Baterlande zutheil wurde, bestand in der unentgeltlichen Ueberlassung eines Ateliers im Palazzo di Venezia in Rom, für drei Jahre und in dem Ankauf seiner Tegetthoff-Büste für das Wiener Belvedere, im Aufträge des Kaisers. . Auf eine Anregung des Architectcn Profestor Hansen gieng Beer 1870 behufs weiterer Ausbildung nach Rom, wo er durch seine Arbeiten die Aufmerksamkeit von Künstlern und Kunstverständigen iu hohem Grade erregte; im Jahre 1873 kehrte er nach Wien zurück. Seine zahlreichen von Rom mitgebrachten We'ke erregten auch auf der Ausstellung 1873 allgemeine Aufmerksamkeit uud er -beschloss, bleibenden Aufenhalt in Wien zu nehmen. Allein das Wiener Kunstleben konnte ihn, der nach Vervollkommnung strebte, nicht befriedigen, und er gieng, angeregt von einigen Freunden, welche sein Talent schützten, Neujahr 1875 nach Paris. Hier fühlte er sich bald heimisch und nach kurzer Zeit konnte er berichten, wie glücklich er sei, sich an den Werken zeitgenöstischer Collegen weiterbilden zu können, und wie freundschaftlich hervorragende Pariser Bildhauer ihn, den Fremden, als ihresgleichen behandelten. Privataufträge flosten ihm reichlich zu, und schon im ersten Jahre besaß er in Paris einen wohlbegründeten Ruf. Seine Porträtbüsten gehören zu dem gediegensten, was auf diesem Gebiete geschaffen wurde. Unter den zahlreichen Werken, welche er in Paris ausführte, sind die bekanntesten: „Albrecht Dürer als Knabe, sein Bildnis zeichnend", Eigenthnm der Nationalgalerie in Berlin; die Statue des „Columbus" im Columbischen Museum in Chicago; das „Washington Irving-Monument" (Coloffalbüste) im Central-Park in New-Aork; die Munkücsy- B ü st e im Nationalmuseum in Budapest; das Grabmal des bekannten Collectioneurs Spitzer auf dem Friedhofe Passy bei Paris rc. re. Die im Privatbesitze befindlichen Werke Beer's hier aufzuzählen, müssen wir uns versagen. Im Jahre 1889 wurde Beer gelegentlich der Pariser Weltausstellung in die österreichisch-ungarische Kunstjury und in die internationale Jury für Plastik berufen. Lange vorher waren seine Arbeiten »Blois Ooneours" erklärt worden, d. h. dieselben wurden, ohne erst die Aufnahmsjury paffieren zu müffen, zu den Ausstellungen zugelasfen; es ist dies die höchste Auszeichnung, welche Kunstrichter einem Künstler verleihen können. Neben der Ausübung seiner Kunst treibt Beer mit Vorliebe chemische Studien, denen er so manche nützliche Erfindung zu danken hat; wir nennen blos die für Bildhauer so wichtige „Plasta;4 und die „Beerite“. Beer's hervorragende persönliche Eigenschaften sind: Unbeugsamkeit des Charakters, Bescheidenheit und Herzensgüte. Wir gebrauchten oben das Wort: „K ü n st l e r m a r t yrium"; wer da weiß, was es für einen Bildhauer bedeutet, ohne Staatsaufträge, ohne die Protection von Finanzbaronen sich emporzuringen, wird wohl den Ausdruck „Martyrium" nicht übertrieben finden. Friedrich Beer zeigt iu seinen Schöpfungen, dass man in hohem Grade realistisch und eminent modern sein kann, ohne anden ewigen Schönheitsgesetzen rütteln zu müffen. Kraft, Originalität, Anmuth, vor allem aber Wahrheit und Zartheit der Empfindung sind die charakteristischen Merkmale seiner Werke; hiezu gesellt sich eine Vollendung der Technik, welche kaum übertroffen werden kann. Er ist ein Feind der Reclame und hat cs stets verschmäht, ein Modekünstler zu sein; dafür aber werden seine Werke so lange geschätzt sein, als es Menschen geben wird, welche für die echte Kunst ein wahres Jntereffe hegen. Beer hat alle verlockenden Zumuthungen, dem Judenthnme zu entsagen, energisch abgewiesen, und er ist seit dem Auftauchen des Zionismus demselben mit der ganzen Kraft seines Geistes und Herzens zugethan.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.