Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Article
- Die Congreß-Medaille
- Date
- 1898-08-05
- Page
- 5 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 31 Die Congress-M edaille. Seite 5 Dnöns s In einer weiten, ruhigen Landschaft am Meeresstrande, mit dem Blick auf die See, aus oer die Sonne strahlend durch zerflatterndes Gewölk halb emportaucht, ruht eine Judenfamilie, Vater, Mutter und drei Kinder, an einer Quelle, im Schatten eines alten Baumes von südlicher Art. — Der Vater, in der Vollkraft der Jahre, stützt sich auf den Wanderstab, das tragische Symbol des Erdenschicksals seines Stammes. Die Mutter' gibt dem Säugling die Brust. Ein kleines Kind sitzt am Boden. Ein älterer Knabe, kräftiger, entschlvffener, steht aufrecht und hält auch schon den Wanderstab in der Hand, der sein Verhängnis werden soll, wie er das des Vaters ist. Diesen wegemüden, ziellosen Wanderern erscheint eine übernatürliche Gestalt, die Verkörperung des jüdischen Ideals, des Zionismus. Sie legt die Linke auf die Schulter des Vaters und weist mit der Rechten in die Ferne, nach dem Lande jenseits der See, wo er endlich eine Heimat finden soll. Ihr Blick ist Mitleid und Liebe, ihre Arm- und Handbewegung ist Verheißung. Der Vater blickt bewegt, vom Glanz einer neuen Hoffnung berührt, zu ihr auf. Er schickt sich an, emporzuschnellen, der Führerin zu folgen. Die Dtutter, halb zweifelnd, halb vertrauend, erfasst die starke Hand des Mannes — die typische, jüdische Gattin, die ergeben zu ihrem Gemahl spricht: „Dir folge ich bis ans Ende der Welt; wo Du bist, da ist meine Heimat; dein Schicksal sei das meine." Das kleine Kind ist nur neugierig, es begreift das Große noch nicht, das sich vor seinen Augen ereignet. Der Knabe aber, durch das „Arba Kanfotli“ an seiner nackten Brust als echter Sprößling seines Stammes gekennzeichnet, wendet sich mit frühreifem Ernst und einer seinem Alter weit voraneilenden ruhigen Entschlossenheit der Künderin der Verheißung zu, ihre Worte trinkend, ihre Züge verschlingend, bereit, mit ihr zu gehen, und gälte es, noch so harte Kämpfe zu bestehen, noch so grimmige Widerstände zu überwinden. Die Gruppe, ohne den langweiligen Kunstgriff der Symmetrie, dennoch harmonisch zu einem gefälligen Dreieck aufgebaut, bringt alle Gefühle zum Ausdruck, die die Zions-Verheißung bei guten Juden erweckt, und zeigt in glücklicher Charakteristik das Verhältnis der verschiedenen Alter und Geschlechter im Judenthume zur Heilsbotschaft. dem Boden steif und regungslos lag, war ein todter Frack, aus dessen weitgeöffneten, starren Knopflöchern kein heller Schimmer mehr fteundlich hervordrang, — der Frack Zolas. So rächte sich Frankreich an seinem entarteten, judenfteundlichen Sohne. Als sich die Kunde von dem erschütternden Schicksal, das über Zolas Frack hereingebrochen, mit Blitzesschnelle in Paris verbreitete, da legte ein heißer Verehrer und Ordensbruder Zolas, der dramatische Dichter Jules Barbier, in der momentanen Auftegung Hand an sich und schnitt sich, ehe es die überraschte Umgebung verhindern konnte, gleichfalls sein rothes Bändchen ab. Dann verständigte der Barbier von Paris den Ordensrath in möglichst schonender Weise von dem Borgefallenen und bat nur noch, man möge ihm die letzte Bitte nicht abschlagen und ihn aus der Liste der Ehrenlegion streichen. Er wolle an der Seite seines unvergesslichen Freundes ein stilles Plätzchen als Ehrenlegionär a. D. haben. Das Gras hatte noch kaum einen einzigen Tag Gelegenheit gehabt, über das zweite in den Schoß des Ordensrathes Heimgegangene Ofsicierskreuz zu wachsen, als auch schon ein dritter Officier, der Schriftsteller Pressensö den Entschluss fasste, seinem Dasein auf der Liste ein Ende zu machen. Nachdem er in seiner letztwilligen Verfügung bemerkt, dass er sich unwürdig fühle, neben einem so vorzüglichen Cavalleristen, wie Esterhazy, einen Platz auf der Liste einzunehmen, knüpfte er sich, ohne lange zu überlegen, das rothe Bändchen aus dem Knopfloche und ließ es in das Bureau des Ordeysrathes überführen. So jagt ein Ordensüberdrüssiger den anderen. Wenn das so fortgeht, so wird der Me Woche. Wien, 3. August 1898. Zola hat die Verwegenheit, mit der er für den Juden Dreyfus mehrere Lanzen gebrochen, schrecklich büßen müssen. Der Ordensrath der Ehrenlegion hat an dem beklagenswerten Schriftsteller eine Tottnr vorgenommen, die dem raffiniertesten Torquemada Ehre gemacht hätte. Es war ein tiefttauriger Vorgang: Mit der unheilvollen Miene, die uns aus den einschlägigen Romanen bekannt ist, saßen die Inquisitoren vor dem schwarzverhangenen Tische, darauf zwei Kerzen düster flackerten, und zwischen den Kerzen lag ein eigenthümlich geformtes Marterinstrument. „Traget den Ketzer herein!" befahl der Großinquisitor mit der seinem Amte eigenen hohlen Stimme, indem er nach dem Instrumente griff. Die schweren Flügelthüren öffneten sich, und nun wurde er hereingeschleppt. -Ob es ein ganz neuer Frack war, der da hereingeschleppt wurde, ist nicht ganz' gewiss, jedenfalls war es ein noch sehr gut erhaltenes Toilettestück, und oben lugte aus einem Knopfloch ein rothes Bändchen hervor. Das war der Frack Zolas. Jetzt nahm der Großinquisitor das Instrument und bohtte es langsam, langsam in das Knopfloch. Immer tiefer, immer tiefer. Es lag eine satanische Grausamkeit in diesem allmählichen Hineinbohren, und die Anwesenden sagten sich, dass die Katastrophe jeden Augenblick eintteten müsse. Ach, sie hatten nur allzu richtig vermuthet! Noch ein Druck des Instrumentes, und im nächsten Momente gab unter den Händen des Richters das Knopfloch sein Bändchen auf. Was jetzt auf