Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-07-29
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 16 jp*om Nr. 30 Zu Zeiten, wo Uneinigkett die Söhne Jacobs zu schwächen drohte, wo der alte Glaube wankte, und die verstreuteil Gemeinden durch die Macht großer Geschehnisse zu Eins mit den Nichtjuden zusammengeschmiedet wurden — ertönten immer plötzlich von jenseits des Meeres her mystische Lockrufe und entflammten die Herzen. So war es die Sehnsucht nach der Erde, dem der jüdische Stamm sein größtes Gut und seinen schwersten Fluch verdankte. David erinnerte sich jenes Schnorrers, der das Buch des Elieser gebracht! Er sah ihn im Geiste den Inhalt seines Sackes unter seine Glaubensgenossen vertheilen und den heimatlosen Juden eine handvoll Sandes aus Jerusalem in ihren Sarg legen. Nun meinen sie sanfter zu ruhen! Gibt es einen rührenderen Ausdruck für jene geheimnisvolle, unbezwingliche Sehnsucht? Mit einem langen, heißen Blick umarmte der Journalist die schlafende Landschaft. Die aufgewühlten Aecker, die endlosen Stoppelfelder erschienen ihm plötzlich in ganz neuem Lichte. Er breitete , die Arme aus und flüsterte leise, innig und seynend: „Mutter Erde!" Aber in diesem Augenblicke weckte ihn ein harter Ruck aus seinen Phantasien. Der Wagen hatte den Bannkreis der Stadt erreicht, und die Räder rollten nun auf den harten Quadern des Granits. Der Traum war ausgeträumt. David Goldschild befand sich wieder auf dem Grund, äuf den ihn der Wille vieler Generattonen gedrängt hatte. Das harte Pflaster der Großstadt, das für den ruhelosen Verkehr berechnet ist. Der Klügste, Heimatsloseste, Beweglichste — dem verblieb hier der Sieg. Und man hatte Israel gelehrt, klug, heimatslos, beweglich zu werden, die vielen Jahrhunderte hindurch, als man ihm die Erde verwehrte. V. Eine ganze Woche verstrich, ehe Dr. David Goldschild seinem Vetter in Perchtoldsdorf wieder einen Besuch, abstatten konnte. Zu jener Zeit war das Amt eines Diplomaten und das des Journalisten ungleich schwieriger als heute. Dem noch sehr unvollkommenen Nachrichrenverkehr musste in beiden Berufszweigen durch politische Bildung, Scharfblick und Takt die Wage gehalten werden. In den Redactionen hat:e man alle Hände voll zu thnn. Ter Pariser Congiess schwirrte bereits in der Lust, die Frage der Betheiligung Preußens an den Berathungen beschäftigte alle Geister und setzte alle publicistischen Federn in Bewegung. David setzte sein ganzes Können ein, um dem „Freien Blatte" in diesem Kreise den Sieg und die dauernde Gunst zu sichern. Er war sich der Verantwortlichkeit und des heiligen Ernstes seines Berufes in allem klar bewusst. Nur mit Mühe gelang es ihm, sich mit gutem Gewissen für einen ganzen Tag frei zu machen. Karl-Raphael, den er abends zuvor von seinem Besuch benachrichtigt hatte, war ihm ein Stück Weges auf der Landstraße entgegen gegangen und erbot sich, ihn einen anmuthigen Fußweg, der, ohne das Städtchen zu berühren, in das Holzer'sche Weingut mündete, zu führen. Der Vorschlag eines kleinen Marsches kam dem Journalisten erwünscht. War er doch die ganze Woche über an seinem Schreibttsch gesessen. Man gab daher dem Kutscher die Weisung, sich vor Sonnenuntergang im Gasthofe des Ortes bereit zu halten, und machte sich auf den Weg. Schon nach der ersten Begrüßung ahnte David, dass neue quälende Zweifel an der Seele des Vetters nagten. Sollte selbst der breite Hafen des Cyristenthnms diesem frommen Geiste nicht genügen? Diesmal aber war es zum Glück nur die Sorge um irdische Dinge, die Karl-Raphael beschäftigte. Herausgeber: P. ILssttisurr. Berarttw. Red.: Dr. Siegm. Wrr Er habe sich nie so wohl gefühlt wie in der letzten Woche. Mit dieser beruhigenden Versicherung eröffnete er seine Rede. 3 s„ Natürlich!" bestätigte der Doctor. „Das ist die wiederkehrende Gesundheit." „Mag sein," erwiderte Karl-Naphael, sichtlich verlegen. „Aber ich glaube, dass dieses Wohlbefinden auch -eine liefere sittliche Bedeutung hat. Ich war immer ein schwaches, schwankendes Rohr. Da habe ich uun in den letzten Tagen Einkehr in mich gehalten und gewissenhaft Herz und Nieren geprüft. Nach reiflicher Ueberlegung bin ich zur Einsicht gekommen, was für mich passt." O weh, dachte David, da wären wir wieder glücklich bei der Mönchsidee! Mehr als einmal hatte der Täufling den Gedanken erwogen, in ein Kloster zu treten. Aber immer war es dem klugen Doctor gelungen, diese weltflüchttgen Absichten zu zerstreuen. Karl-Raphael war stehen geblieben und ftagte, die Hand auf Davids Arm legend: „Kannst Du dir denn gar nicht denken, welchen Entschluss ich gefasst habe?" „Natürlich kann ich das," polterte dieser unwirsch. „Ins Kloster willst Du gehen, Scheuklappen willst Du Dir vor die Augen binden, weil Dein Glaube nicht den Versuchungen der Welt gewachsen ist!" Karl-Raphaels Wangen waren bei dieser Zurechtweisung blutroth geworden, und der Doctor bedauerte bereits, ihn so hart angefahren zu haben. „Na — wenn es Dein Glück ist," lenkte der Doctor wieder ein. „Vorerst aber muss ich Dich wieder ganz zurecht geflickt haben, verstanden? Wenigstens sollen die schwarzen Herren einen gesunden Ordensbruder aus dem Hause derer von Goldschild erhalten." „Aber darum handett es sich ja nicht!" unterbrach Raphael den Spötter. „Wie? Darum handett es sich nicht?" „Nein!" „Um was handelt es sich dann aber?" „Heiraten will ich — die Lisi!" Jetzt war die Reihe an David, stehen zu bleiben. Bor Erstaunen wäre chm fast der Mantel vom Arme und der Spazierstock aus der Hand gefallen. „Ja — Teufelsjungerief er dann aus. „Welcher gute Geist ist denn in Dich hineingefahren!" „Da das Geständnis nun einmal der Hauptsache nach abgelegt war, legte Karl-Naphael eine ausführliche. Ohrenbeichte ab. In einfachen, schlichten Worten schilderte er, wie sich sein Herz in den Tagen der Krankheit allmählig an das Mädchen gehängt hatte. Alle Einzelheiten ihres Verkehrs, wie er bald gehofft und bald verzweifelt und jedes noch so unbedeutende Wort aus ihrem Munde zu seinen Gunsten oder Ungunsten ausgclegt — dies alles bekam Dr. David jetzt zu hören. Gestern abends endlich hätten sie sich ausgesprochen und wären einig geworden. „Hast Du auch den Unterschied in Eurer Bildung be dacht?" wagte der Redacteur einzuwerfen. Da kam er aber schön an. (Fortsetzung folgt.) Gesinnungsgenossen! Wir bereiten für die nächste Zeit Agitationsnummern vor, die in zehntausend Exemplaren versendet werden sollen. Wir ersuchen unsere Freunde, uns geeignete Adressen mit möglichst genauer Angabe der Straße und Hausnummer oder — bei kleineren Orten — der letzten Poü mitzutheilen. Die Administration der „Welt." er. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann). VlIL, Schlöffelg. U.