Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Article
- Cischa-Beab auf dem Lande
- Date
- 1898-07-29
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315773-3361553--07280-3361629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 30 J*#WdC Seite 15 reicht, und schonungslos saust ihre thierische Faust auf den silberhaarigen Greis und aus das zarte Kind lein nieder. Ein markerschütternder Schrei durchbebt die Lust; Blutströme ergießen sich und schwemmen menschliche Körpert heile fort. Alle Straßen sind mit Leichnamen besäet, alles rennt, alles stürmt ziellos dahin. Feuerflammen und Rauchsäulen erheben sich mit furchtbarer, grimmiger Gewalt aus den Häusern. Man hört bloß das Krachen der stürzenden Gebäude, heiseres Wehgeschrei, unheimliches Waffengeklirr.... Und weiter träumt der schwärmerische Jüngling. Plötzlich bricht, den Rauch verdrängend, eine grelle Feuersäule hervor und wirst ihren Flammenschein auf das grauenvolle Gemälde, das den Feind selbst in seinem Innersten erstarren lässt. Aus den Fenstern des grandiosen Gebäudes, das mit zahlreichen Säulengängen von ungewöhnlicher Arbeit geschmückt ist, schlagen furchtbare Feuerzungen zum nächtlichen Himmel empor. Hinter der Umzäunung, die dieses Gebäude von den übrigen Stadttheilen trennt, wird mit verzweifelter Wuth gekämpft. Doch plötzlich ringt sich ans aller Brust ein entsetzlicher, markdurchbvhrender Aufschrei; schauervoll ertönt der verhängnisvolle Ruf: „Der Tempel brennt!" Die wuthentbrannten Kämpfer werden starr vor Entsetzen und stehen da, versteinert, mit schreckensvoll verzerrten Gesichtern. Da erscheinen auf den Galerien und Säulcngängen des brennenden Heiligthums, der letzten Zuflucht des todgeweihten Volkes, die Priester in weißen Gewändern, Schriftrollen in den Händen, die sie hoch empor gen Himmel halten. Doch keine Hoffnung, keine Rettung mehr. Da ist bereits eine Tcmpclmauer zusammengestürzt. Verzweiflung, wahnsinnige Verzweiflung packt die Priester, und, die Rollen in den Händen, stürzen sic sich kopfüber von den hohen Galerien hinunter ins Feuer, um mit dem thenren Heiligthum den Flammentod zu sterben . . . llnwillkürlich entringt sich ein Schrei der Brust Ben- Zions. Erst als die erschreckte Mutter ans ihn zustürzt, beginnt er zu erkennen, was um ihn' vorgeht . . . Das Lesen ist zu Ende. Alle gehen auf den Hof hinaus und setzen sich auf dem Erd Hügel nieder. Alle sind in finsteres Schweigen versunken; allen lastet, was sie soeben erlitten, furchtbar schwer ans der Seele; vor ihren Augen schwebt das entsetzliche Bild der zerstörten Stadt und des eingcäscherten Heiligthums. Selbst der Mond blickt wehmüthig vom Himmel herab und wirft sein fahles Licht auf die traurigen Gesichter der Schankwirtsfamilie. Es sieht so aus, als ob die ganze Natur von einer Schweruulth befallen wäre, als hätte sie sich ganz in einen Trauerflor gehüllt. In starrem.Schweigen liegt der düstere Wald da, wie in schwere, traurige Erinnerungen versunken. Kein Laut, kein Geräusch unterbricht >.d7e Stille. ''Rur hie und da stößt Jekel ans seiner mächtigen Brust einen fürchterlichen, qualvollen Seufzer hervor, der alle zusammenzuckcn lasst, dann ist alles wieder still... Der Mond ist bereits untergegangen, und der Tvrfwirt und seine Angehörigen verharren noch immer in unbeweglicher Stellung. Ganz am Ende des Erdhügels sitzt Jekel und stützt seinen Kopf mit beiden Händen. Seine Augen sind vom Weinen geröthet und starren hinaus in die grenzenlose Ferne, hoffnungslos, verzweifelt, sieben ihm hat sich Jekußijel niedergelaffen, und sein Blick ist unbeweglich ans Jekel gerichtet. Was würde er darum geben, wenn in den thränengerötheten Augen ein Lächeln, aufblitzen würde! Jekußijel macht sich bittere Vorwürfe, dass er sich bis jetzt fernegehaltcn habe von dem geistig etwas zurückgebliebenen Meschures. „Wer weiß, was für ein schweres Leid diesem Unglücklichen das Herz bedrückt", dachte er bei sich. An Jekußijels Seite sitzt sein Schüler Ben-Zion. In weite Fernen hat ihn seine rege Phantasie fortgetragen. Er sieht jetzt ein anderes Bild: die undurchdringliche Nacht hat mit ihrem Trauerflor die zerstörte Stadt umhüllt; tieffchwarzes, dichtes Gewölk lagert über den Trümmern; kein Sternchen flimmert am Himmel. Alles ist ringsum still, unbeweglich, erstorben. Doch plötzlich laffen sich in dieser schauervollen Todesstille Menschenschritte vernehmen. lieber die trümmerbesäten Straßen schreitet langsam die hohe, schwarzverhüllte Gestalt des Propheten; sein Haupt ist entblößt, der Wind spielt mit dem langen Haar; in der einen Hand hält er einen langen Stab und betastet den Weg, der mit Leichnamen und den Trümmerstücken der zerstörten Gebäude bedeckt ist. Vorsichtig und mühevoll bewegt sich die Gestalt vorwärts. Nirgends ein Lebenszeichen. Unheimlich hallen die Schritte in dieser entsetzlichen Grabesstille wieder. Plötzlich schlägt aus dem rauchenden Trümmerhaufen ein Flammenstrahl in die Höhe und übergießt mit seinem Licht den rauchenden Rumpf des gewaltigen Gebäudes. - Da bricht unter Dröhnen eine mächtige Säule zusammen und stürzt vor die Füße der innehaltenden Gestalt. Lange widerhallt das Dröhnen in der düsteren Nacht. Doch nun ist alles wieder verstummt, alles erstorben ringsum. Die hohe schwarze Gestalt ist mühsam auf den Sockel einer Säule emporgestiegen und steht nun unbeweglich da, die Arme gekreuzt. Der Feuerstrahl ist verschwunden in dem rauchenden Trümmerhaufen. Das Dunkel verdichtet sich. Noch stiller ist alles ringsum. Die schwarze Figur steht noch immer in starrer Unbeweglichkeit. Da dnrchzittert die Luft ein leises Schluchzen. Die Gestalt zuckt zusammen und richtet das gesenkte Haupt empor. Inmitten des zerstörten Tempels, umgeben von ^cn rauchenden Ruinen sitzt auf einem Steine eine Frauengestalt in weißem Gewände: ihr Haryst ist auf die Brust gesenkt, die Hände umklammern die beiden Kniee, über das Antlitz strömen Thränen. Ein tiefer, qualvoller Seufzer entringt sich der kranken Brust des Propheten, und weit von den Hügeln schallt es in düsterem Echo zurück. Die schwarze Gestalt steht unbeweglich da, die ''Arme zum Himmel cmpvrgestreckt und flüstert etwas, leise, mit erschöpfter Stimme, - und dem sechzehnjährigen Knaben, der ganz in der biblischen Welt lebt, scheint es, als höre er denk lich das schluchzende Geflüster des Propheten . . . Dann wiederum ist die Gestalt verstummt und starrt laut- und bewegungslos zum nächtlichen Himmel empor, inmitten dieses schanervollen Schweigens. . . Grabesstille ... Da erdröhnt plötzlich ein ohrenbetäubendes Donnerkrachen, und ein blendender Spalt reißt den nächtlichen Himmel entzwei und beleuchtet grell das grandiose, grauenvolle Grab des großen Heiligthums der Menschheit. Die düstere, majestätische Gestalt richtet sich plötzlich hoch empor, und aus ihrer mächtig wogenden Brust tönt ein Schrei des Schmerzes und der Entrüstung: „Juble nun, jauchze, Tochter Edvms! . . . Auch an Dich gelangt der Kelch, und trinken wirst Tn bis zur Trunkenheit, bis zum Erbrechen .. . Und Deine Leiden, Tochter Zions, werden zu Ende sein . . . Glicht wirst Du fürder vertrieben sein . . . Doch Deine Frevelthaten, Edvm, werden nimmer vergessen! . . ." Und bei dem bloßen Gedanken an Edvm durchzuckt eine Flamme der Ent rüstung und des Entsetzens das ganze Wesen Ben-Zions und qualvoll denkt er: „£) Edvm, Edvm! Wie lange noch sollen wir in Dein grausames Joch gespannt werden, wie lange noch vor Dir beugen den knechtischen Rücken?! . . ." }js Dir Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (U2. Fortsetzung.) Schon Moses erkannte in diesem das Heil seiner Race. Jedes Mittel schien ihm erlaubt, um seine Glaubensgenossen ziem Auszuge aus Aegypten zu bewegen. Und ein ganzes Volk stand auf — einig wie ein Mann, und folgte seinem Führer durch die Wüste — alle Entbehrungen, alle Noth willig ertragend. Seit der Zerstörung Jerusalems bildet die Sehnsucht nach dem gelobten Lande, nach der Erde die poetische, unbesiegbare Kraft der Zerstreuten. Jeder Lehrer, jeder Rabbi, der in die Geschichte eingegriffen, hatte diese Hoffnung in Israel genährt.