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Die Welt · 1898-07-29 · 30 (29.7.1898) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
30 (29.7.1898)
Article
[Kommentar] / J. M-nik
Date
1898-07-29
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 ja?OW<r Nr. 30 Zionisten und dem Zionismus der Vorwurf gemacht worden, gleich der lateinischen nur eine Sprache der Gelehrten ist. Mögen dass sie kein modernes, den Forderungen der neuen Zeit entdiese Herren aus diesem Artikel eines Besseren belehrt werden, sprechendes Schriftthum besitzen, dass die hebräische Sprache ~ I. M—nik. — - f e n il l Tischa-Brab auf dem Lande. (Ein Fragment) von Ben-Ami (Odessa). Autorisierte Uebersetzung a. d. Rufs, von I. F. Die Sonne ist bereits hinter dem Horizont verschwunden, und ein wundervoller Sommerabend breitet sich über die Erde. Der Mond flutet sein bleiches Licht aus Wald und Flur herab und überzieht die ganze Natur mit einem geheimnisvollen Zauberflor. Kein Laut mischt sich störend in die feierliche Stille des herrlichen Abends. In der Dorfschänke*) herrscht Halbdunkel. In einer Ecke der großen Stube sitzt auf dem Boden der Schankwirt Reb-Akiwa, umgeben von seinem Sohne Ben-Zion, besten Melammed**) Jekußijel und dem breitschultrigen. riesenhaften Meschurreß***) Jekel. Bor ihnen auf einem Tabouret brennt ein winziges Talglicht, das in einem Thonleuchter steckt; in den Händen halten sie aufgeschlagene Bücher. Reb-Akiwa rentiert in einem düstern, schwermüthigen Singsang die „Klagelieder Jeremias", und die anderen sprechen ihm leise nach. In einer Ecke ihnen gegenüber sitzt, fast unmittelbar an der Hausthür, die Frau des Wirtes, Esther, ebenfalls mit einem Buch in der Hand; die ältere Tochter, Mirjam, hat sich auf der Thürschwelle Platz gemacht, und von den beiden anderen Mädchen, Dinele und Gitele, hat sich jedes in eine andere Stubenecke verkrochen. Alle, selbst die Kinder beschleicht instinctiv ein Grauen. Lautlos sitzen die Kinder in ihren Ecken. Unter dem Eindruck dieses feierlich wehmüthigen Abends, des herzzerreißenden Singsangs, malt sich in ihrer kindlichen Phantasie in schattenhaften Umriffen irgend ein schweres unglückliches Ereignis. Hie und da durchzittert die Luft ein leises Aufschluchzen der Wirtin oder ein tiefer Seufzer Reb-Akiwas oder Jeküßijels. Plötzlich begann Jekel zu schluchzen, so zu schluchzen, dass sein ganzer Riesenleib in Zuckungen gerieth. Grauenvoll, fast unmenschlich hört sich sein Schluchzen an, wie das Geheul eines sturmgepeitschten Waldes, das schäumende Wogen der sturmbewegten See. Bon diesem dumpfen Weinen erstarrt das Blut in den Adern, friert das Herz im Busen. Reb- Akiwa hielt inne und konnte kein Wort mehr über die Lippen bringen. Alle Blicke richten sich auf diesen Riesen, der wie ein schwaches, hilfloses Kind fast in Thränen zerfließt. Der arme Meschureß will die Thränen mit aller Gewalt zurückdrängen, doch vergeblich: gleich einem mächtigen Bach, der endlich den Damm durchbrochen, fließen die Thränen über sein früh schon gefluchtes Antlitz, über seinen schwachen Bart hinab. Was willst du denn, der du die ewige Mühsal des Lebens in stummer Ergebenheit trägst, über besten Lippen noch nie ein Laut der Klage kam? Oder ergriff dich der Schmerz, dass du, vom Schicksal Enterbter, deine Jahre in theilnahmsloser Fremde verbringen musst, ohne eigenen Herd, ohne eigenes Heim, das selbst der Aermste deines Volkes sein eigen nennt? Oder tauchte in deinem Gedächtnis die Erinnerung auf, wie du denselben Abend im Kreise der Deinen, in deiner Kindheit, zubrachtest? *) In den Dörfern des „Ansiedlungsrayons" werden oder, richtiger, wurden — denn jetzt ist den Juden der Aufenthalt auf dem Lande verboten — die Schänken, die gleichzeitig als eine Art Absteigequartier dienen, fast durchweg von Juden gehalten. Ein solcher Schankwirt heißt im „Jüdischen" Arrendar (Pächter), und die Ueberschrist dieser Erzählung im Russischen lautet demgemäß : „Tffcha-Beab in einer Arrendarfamilie". Anmerkung des Uebers. **) Hauslehrer. ***) Hausknecht. eton. Du erinnerst dich, wie dein armer Vater, der unglückliche, von aller Welt verachtete, von aller Welt gehetzte Balegule*), an diesem Abend in hastiger Eile seine ausgemergelten Schindmähren zu tränken pflegte, wie er dann seine riesigen schmierigen Schaftstiefel von den Füßen herunterwarf und von der Mutter ein par Strümpfe verlangte; wie er diese Strümpfe ohne Hacken und Zehen anzog, ein Buch unter den Arm nahm, dich, Jekel, bei der Hand fasste und mit dir nach der Synagoge gieng. Dort lässt er sich im Pulisch**) nieder, unter Leuten, die ebenso arm sind, wie er. Mit Mühe und Noth gelingt es ihm, von dem Schameß***) ein Endchen Talglicht für zehn Mann zu erflehen; er schlägt dann sein durchfettetes, zerriffenes Buch auf und sucht die Stelle, die der Cantor vorträgt, um ihm folgen zu können. Plötzlich hageln auf das Haupt deines armen Vaters ein ganzer Haufen von Kletten hernieder, die, von mutwilligen Knaben geworfen, sich in sein zottiges Haar verwickeln****). Er kränkt sich darüber, obwohl die Kletten Arm und Reich ohne Unterschied treffen. Lange sucht er vergebens in seinem Buche, und er muss sich an den Nachbar wenden, der sich über seine Unwistenheit lustig macht. Noch schwermüthiger wirds dem Unglücklichen ums Herz, schließlich hält er's nicht mehr aus und bricht in lautes Schluchzen aus. Hast du dich an dieses Bild, Armer, erinnert? Oder drückt es dich selbst so schwer, dass du die heilige Sprache nicht verstehst? Lange noch schüttelte das heftige Weinen seinen mächtigen Körper, bis es schließlich zu einem leisen Schluchzen herabsank und schließlich verstummte. Jetzt erst nahm Reb-Akiwa das Lesen wieder auf. Doch jeden Augenblick blieb ihm das Wort in der Kehle stecken, und mit großer Mühe hielt er die Thränen zurück. Endlich übergab er, erschöpft und abgehetzt, das Lesen dem Jekußijel, der, tief erschüttert von Jekels Schluchzen, mit blastem Gesichte dasaß. Anfangs klang seine Stimme schwach, doch hingeristen von dem schauervollen Gemälde, das der Prophet hier vor uns aufgerollt, begann er mit immer steigender Wärme zu lesen; ein eigenthümliches Feuer blitzte auf in seinen Augen; seine Stimme wurde immer klangvoller und kräftiger, jeder Ton durchbohrte das Herz, durchschauerte das ganze Wesen des Hörers. „Lass strömen, wie Bäche, Teure Thränen Tag und Nacht — las Jekußijel. — Gönne nicht Rast nicht Ruhe deinen Augen. Auf, wehklage in der Nacht, am Beginne der Wochen! Schütte dein Herz vor dem Herrn aus! Hebe empor zu ihm deine Hände ob des Lebens deiner Kleinen, die an den Straßenecken verschmachten vor Hunger!. Was soll ich dir zurufen, womit dich vergleichen, Tochter Jerusalems! Wen dir an die Seite stellen, womit dich denn trösten, Jungftau Zions! Unendlich wie das Meer ist dein Leid! Wer bringt dir Heilung?!" Gleich einem Feuerstrahl, fuhr jedes Wort Ben-Zion ins Herz. Vor seinem Auge erstand das furchtbare, grausige Gemälde der brennenden Stadt. Mit ohrenbetäubendem Gedröhn stürzen die Häuser zusammen. Ueber die in den Straßen aufgethürmten verkohlten Balken und Ziegel rennen in wildem Schrecken Greise, Frauen und Kinder, verfolgt von den feindlichen Soldaten, die, Riesenäxte in den Händen, mit bestialisch verzerrten Gesichtern ihnen nachstürzen. Da haben sie sie er- *) Fuhrmann. **) Vorraum der Synagoge. ***) Synagogendiener. ****) Der.Unfug, am Abend des Tischa-Beab mit Kletten um sich zu werfen, ist in Russland allgemein verbreitet. Anm. des Uebers.

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