Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-07-29 · 30 (29.7.1898) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
30 (29.7.1898)
Article
Jassy
Date
1898-07-29
Page
12 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315773-3361545--07261-3361626
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 Sr 30 wegung hängt zum großen Theile von der Gestaltung der Heranwachsenden Generation ab", sowie auf den Beschluss des letzten zionistischen Delegiertentages in Galatz, nach welchem „dem hebräischen Unterricht in den Schulen Rechnung zu tragen ist. Der Aufruf enthält einen warmen Appell an alle israelitischen Cultusgemeinden, den Lehrercongress, welcher im Monate Juli stattfindet, zu beschicken. Die Delegationen sollen ans mindestens je einem Gemeindevorsteber und einem hebräischen Lehrer bestehen. Es wäre Wünschenswert, wenn dieser Aufiuf, der im Namen der jüdischnationalen Idee und der Zukunft des jüdischen Volkes an die Leiter der Erziehung ergeht, den gebürenden Anklang fände, denn die Männer, die an der Spitze des Congresscrmites stehen, wie die Herren Dr. Lippe, der Gelehrte H. K aha ne, Dr. Nacht und Brau n-st e i n bürgen für die guten Absichten des Congresies und das Ziel, das er anstrebt: „die Jugend zu selbstbewussten Nationaljuden zu erziehen". B. Frankreich. Paris. Die Fortschritte in der Revision der Dreyfus- Affaire sind außerordentlich langsame. In dem Gewirre der Strömungen und Gegenströmungen lässt sich uur schwer eine Uebersicht gewinnen. Das Hauptinterefie nimmt jetzt die Untersuchung des Richters Bertulus in Anspruch, der die Erhebungen gegen den verhafteten Esterhazy führt. Diese Untersuchung macht den Gegnern der Revision die größte Sorge. Mit allen Mitteln versucht man den Richter einzuschüchtern. Es ist nicht nur das Schicksal Esterhazys, das die Freunde des Generalstabes beunruhigt. Eine ganze Anzahl von höheren Generalstabsofficieren ist in der Asiairc Esterhazy schwer compromittiert. Es bedarf aller Anstrengungen Cavaignacs und seiner Partisanen, um die bedrohten Ofsiciere zu schützen. Namentlich ist es der Oberst Henry und der Cousin des Kriegsministers Paty du Clam, deren Verhaftung bereits zu wiederholtenmalcn angekündigt wurde. Frankreich kann nicht zur Ruhe kommen. Der Kampf der Meinungen wogt heftig hinüber und herüber. Noch ist das Ende nicht abzusehen. Das Schicksal des Gefangenen auf der Tenfelsinsel ist längst zurückgetreten hinter den erbitterten Streit um die Macht zwischen den Republikanern und ihren Gegnern. Noch sind die Gegner der Republik im Bortheile, trotzdem dürfte der Sieg ihnen nicht leicht werden. Paris, 26. Juli. Heute jährt sich zum 92. Mal der Tag. an welchem das Pariser Synhedrion, bekanntlich eine Schöpfung Napoleons, seine erste Sitzung hielt. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass dieser Tag in dieselbe Woche fällt, in welcher um den Fall Jerusalems getrauert und geklagt wird. Die französischen Juden sind heute in der traurigen Lage, auch über den Zusammenbruch jener Hoffnungen zn klagen, die das optimistische Synhedrion von 1806 mit einem überaus großen Aufwand von patriotischem Pathos und einem kläglichen Mangel an historisch-jüdischer Gesinnung an die Erklärung der Menschenrechte knüpfte.' England. London. Oberrabbiner Dr. Adler hat ein geistliches Schreiben erlaffen. Er beklagt es tief, dass sich die Zahl der jüdischen Arbeiter, welche den Sabbath entweihen, so rapid vergrößert. Die Londoner Juden interessieren sich sehr für diese Frage. Es handelt sich natürlich haugtsächlich um den East-End, wo die breiten Waffen jüdischer Arbeiter wohnen. Diese stellten nun ein stattliches Contingent zu dem am letzten Sonntag im „Jewish Working Mens Club^ abgehaltenen Massen-Meeting unter dem Vorsitze des Sir Samuel Montagu Bacouet M. P. Dr. Adler erzählte, er habe eine Menge Briefe aus dem East-End erhalten, worin jüdische Arbeiter ihm erklären, wenn sie nicht am Samstag arbeiten, so würden andere ihren Platz einnehmen. Dr. Adler ermahnte zum Vertrauen auf die Vorsehung. Es wurde schließlich folgende Resolution angenommen: Es seien alle gesetzlichen Schritte zu unternehmen, um die Enthaltung von der Sabbath-Arbeit bei allen Claffen der Gemeiudemitglieder zu fördern. Die Anregung, gemeinfam mit dem .,Sabbath Observance Committee“ vorzugehen, wurde.beifällig ausgenommen. Kann dies die endgiltige Lösung einer Frage sein, die vier Fünftel des gesummten jüdischen Volkes betrifft? Unser Gesinnungsgenoffe Mr. I. de Haas beantwortete diese Frage in einem längeren Artikel des „I. W.": „Zionismus uud Religion." Er findet, dass nur Kurzsichtigkeit und Sachunkeuntnis einen. Orthodoxen vom zionistischen Banner fernhalten können. Das Hauptprincip der Orthodoxie ist die Anhänglichkeit an die Tradition. Dieses Princip hatte die Kraft in sich, schon viele Krisen zu überstehen. Warum ist die Orthodoxie heute nicht mehr dazu fähig? Weil die Zeitumstände gegen die strenge Observanz sind. Der Ghetto-Jude war kein Sabbath-Berletzer. Erst die Emaucipation hat viele Juden sowohl ihre Nation, als chren Glauben vergessen laffen. Heute beobachten wir vielfach das Umgekehrte. Der Jude möchte sein Religionsgesetz halten, aber die Lebensumstände hindern ihn daran. Nur ein Laie vermag diese Frage sachte zu behandeln. Die gemächliche Art, wie unsere Geistlichen das Volk zu Opfern aufmuntern, beweist ihre Nichtkenntnis seiner normalen Lebensbedingungen. Die Alternative, vor welcher der jüdische Arbeiter steht, ist schrecklich, und die Majorität ist dieser raffiniertesten Form des Märchrerthums nicht gewachsen. Ich habe Männer mit Thränen in den Augen zur Sabbath-Arbeit gehen gesehen, andere warten nach gethaner Arbeit und gehen erst dann heim, wenn es dunkel geworden. Alle Handwerke sind dem Sabbath- Beobachter verschlossen. Der christliche Unternehmer befürchtet die Eifersucht seiner christlichen Angestellten, wenn er dem jüdischen Arbeiter einen Extra-Ruhetag in der Woche vergönnt, und die Majorität der jüdischen Unternehmer beruhigt ihr Gewissen mit dem Hinweis .auf die Forderungen der Kundschaft. Täglich kommt der Fall vor, dass der jüdische Arbeiter zwischen Sabbath-Entweihung oder Arbeitslosigkeit zu wählen hat. Wer wagt es, chm zu sagen er solle die letztere riskieren? Kein Fond kann chn währeud der Zeit der Arbeitssuche erhalten, denn er wird monatelang ohne Arbeit bleiben. Die Zahl der Londoner Sabbath-Berletzer hat in der letzten Dekade um das fünffache zugenommen. Tausend Hirtenbriefe und alle Vereine werden daran nichts ändern und bessern. Die ökonomischen Hindernisse find übermächtig. Aehnlich, wenn auch etwas günstiger, steht es mit der Einhaltung der Speisegesetze. Und die Heilung? Besteht sie im Sonutag-Sabbath, oder in der akademischen Anerkennung des siebenten Tages, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, ihn zu heiligen? — Auf einer der ersten deutschen Rabbiner-Conferenzen, bei welcher auch Doctor Rülf anwesend war, wurden viele Vorschläge gemacht, wie das alte Judenthum zu erhalte» wäre. Ein alter Rabbiner erhob sich schließlich und sagte: „Ihr, die das Judenthum erhalten wollt, indem ihr es flicket, seid im Jrrthum, und Ihr, die es erhalten wollt, indem Ihr die ökonomische Zeitlage ignoriert, seid ebenfalls im Jrrthum. Das Judenthum kann erst dann von seinen Bekennern treulich erfüllt werden, wenn die Juden ein eigenes Land haben." Die prophetischen Worte haben noch für den heutigen Tag Geltung. Was Unterdrückung und Verfolgung nicht bewirken konnten, die ökonomische Lage erzwingt es. Ist das nothwendig, gibts da keinen Ausweg? Der religiöse Jude muss im Verein mit dem nationalen dahin wirken, dass der Jude ein Heim bekommt, wo er sein eigener Herr ist und thun kann, was er für seine Pflicht hält. Orthodoxe und Reformer müssen einsehen lernen, dass der Zionismus auch für das Judenthum als Religion mehr zu leisten imstande ist, als alle Predigten. London. Colonel Gold smid, der Präsident der rChovevi Zion Association“^* an die Tents ein Circular versenden laffen, dem wir folgende Sätze entnehmen:.Ich weiß, dass auf dem letzten Meeting der Headquarters ein verbesserter Bericht des englisch-zionistischen Föderationscomite vorgelegt wurde, dass auf Grundlage dieses Berichtes gewisse Resolutionen mit kleinen Majori-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.