Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Article
- Berlin [Nachricht] / Friedemann
- Date
- 1898-07-29
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 29 Seite 11 bereits in der „Welt" zum Abdrucke gelangt. Es wurden sodann die Herren Bambus und Dr. Frredemann zu Delegierten gewählt. Die Versammlung ersuchte darauf durch Fassung einer Resolution die Delegierten, sich jedem etwaigen Anträge auf Einschränkung der Kleincolonisation aufs Schärfste zu widersetzen. Nachdem sodann noch ein Brief des Herrn Dr. N o r d a u zur Verlesung gebracht war, wurde die Versammlung geschlossen. Dr. Friedemann. Jassy. Die „Welt" brachte unlängst die unrichtige Mittheilung, dass unser Rabbiner Dr. Niemirower in Berlin zum Zionismus bekehrt worden sei. Thatsächlich hat Herr Dr. Niemirower sich selbst zum Zionismus bekehrt, nachdem er die Berichte über den I. Baseler Eongress studiert hatte. A. D. Alexandrien. Die Generalversammlung der zionistischen Vereinigung Alexandriens wählte in den Vorstand folgende Herren: Charles Bogdadli, Moise Abraso. Adv. Riccardo Lewi, Adv. Maurice Romano, Dr. I. Kornfeld, Adv. D. H. H a z a n. Die Vereinigung führt den Namen „Sire T i k w a". Enpatoria. Die zionistische Bewegung schreitet bei uns immer vorwärts. Trotzdem die hiesigen Juden meistens arme Handwerker sind, nehmen wir jedoch rege Theilnahme an dieser Bewegung. Mehr als 100 Mitglieder haben den Schekelbetrag von mehr als 100 Rubel angezahlt und an den Bestimmungsort abgesandt; auch haben wir schon mehr als 200 Shares gezeichnet und findet sich die Abtragung von 10 Percent in Händen eines ganz zuverlässigen Mannes. Eh. Werschzakowski. S ComspmdeuM. O esterreich-Uttgarrr. Wien. An den Trümmern Jerusalems saß am Ab der große Prophet Jeremias und gab den Schmerzen des Volkes erschütternden Ausdruck. Er gieng dann in die Ver- ' bannnng. Ueber seinen Tod erzählen nur Sagen, die Geschichte weiß nichts davon. Unbekannt ist auch der Tod des zweiten Jeremias, Jehuda halewi's. Jeremias ist auch noch nicht gestorben, er lebt in unseren Dichtern fort, wie der Schmerz des Volkes fortlebt. Sein Geist hat uns die Zionslieder geschenkt. Und als das Volk, gehetzt und gebrochen, das Singen verlernt, trat an die Stelle des Liedes der Schrei der Klagen oder der stumme Schmerz. Im Ghetto saßen am 9. Ab die Rabbiner, diestummen Dichter, und weinten mit dem Volke über den Verlust Zions, wenn ihnen nicht der Schmerz der Vergangenheit durch den der Gegenwart verdoppelt, die Kehle zusammengeschnürt. Es ist ja auch die höchste Tragik, diese Sehnsucht Israels nach Zion. Ohne einander können beide nicht leben. Das herrliche Zion schmachtet dahin, ist zur Wüste geworden, weil es ja den Fremden nur ein gewöhnliches Land ist, für Israel aber ein Mutterland mit den heiligsten Erinnerungen, dem es Leben, Seelenadel, Schöpsungskraft, Cultur verdankt. Ohne Zion kann Israel nicht gedeihen. Ich habe einmal in einem indischen Märchen gelesen, wie zwei Liebende, die von einander scheiden müssen, in der Vereinsamung den Geist aushauchen und beide erst durch zauberhafte Wiedervereinigung zu neuem Leben erwachen. So ist es auch mit Israel und Zion. Israels Sehnsucht nach dem heiligen Land ist eine Sehnsucht nach dem Leben, darum ist sie so stark, so unauslöschlich. Ich dachte mir aber imnnr, dass man irgendwo in der höchsten Tragik ansetzen muss, um durch Aenderung des Hintergrundes oder durch eine Beimischung die höchste Komik zu erreichen. Jetzt habe ich es gefunden. Der Geist Jeremias ist jetzt — nach den Statuten der Cultusgemeinden — in die Protestrabbiimer gefahren; am 9. Ab hat Dr. Maybaum pflichtmäßig dem Nationalschmerz auf der Kanzel Ausdruck zu geben. Denn auch seine „Religion" darf den Trauertag feiern. Erstens haben auch seine deutschen Brüder christlichen Glaubens Fasten und Tranertage, und dann gehört es zur Mode, gewissermaßen zum bon ton einer „modernen" Religion, in die Reihe der Festtage hie und da' auch einen Trauertag aufzunehmen, wie eine Dame sich auch manchmal in Schwarz kleidet. Maybaum- Jeremias oder Maybaum am 9. Ab, das wäre was für ein Lustspiel. Wie mag er doch den heiligen Schmerz Israels verdolmetschen, wie den Verlust Zions auf der Kanzel behandeln! Man. sagt: Er protestiert. Hevnisi. Krakau. Auf den Fall Hagel in Rzeszow ist hier die Berurtheilung von Kraus gefolgt. Hier wurde wieder die Nothwehr ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, und Kraus, der sich während der Excesse in Wieliczka von Hunderten überfallen, überrascht, und gewiss vor Entsetzen außer Fassung gebracht, mit seinem Mesier zur Wehre setzen wollte, ist von unserem Landesgerichte zu zwei Monaten schweren Kerkers verurtheilt worden, zu einer Strafe, die unter den 24 angeklagten Bauern als Höchstausmaß nur gegen einen verhängt wurde. Das dürfte aber schon so wahrscheinlich die ausgleichende „Gerechtigkeit" . bei unseren galizischen Richtern bilden. —Unserem Parteiblatt „Przysziöse" in Lemberg wurde wegen seiner muthig offenen Sprache über die Ereigniffe, nachdem sich die ganze polnische Presse so schrecklich empört und „provociert" stellte, vom Statthalter für das ganze Gebiet des Ausnahmszustandes der Postdebit entzogen. Wie ich erfahre, ist die Sammlung des „galizischen Comites", gegen deffeu Aufruf die ganze Judenschaft sich voll Entrüstung aufbäumte, schmählich ausgefallen. Daran liegt auch diesen Herren nicht viel; ihnen war es in erster Linie darum zu thun, sich ohne Anstoß „nack oben" aus der Affaire zu ziehen. Neu-Sandee. Die Judenexceffe in unserer Stadt hatten eine gute Seite. Die Juden beginnen über die Ursachen ihrer Noth nachzudenken. Den letzten Samstag wurde ein Edict des Rabbiners in den Synagogen feierlich vorgelesen: „Wegen Eurer großen Sünden hat Gott über Euch diese Strafe verhängt, wegen der Sünden Eurer Frauen, die eigenes Haar und Scheitel tragen, weil sie in Hüten auf der Straße herumstolzieren, traf Uns dieses Unglück. Darum beffert Euch, leget jeden Schmuck ab, das eigene Haar beseitigt unter dem Scheitel, umhüllet Euer Haupt mit einem Tuch, flehet um Gnade und Gott wird Euch seine stützende Hand nicht vorenthalten." Einen schönen Gegensatz bildet hierzu die jüdische Gymnasialjugend. Einstimmig erhob sie sich zu einem Protest gegeir die bisherige assimilatorische Erziehung. Sie hat es erkannt, dass sie den Geist des Judenthnms erfaßen müsse, dass sie nur in der Kenntnis der eigenen Religion, Sprache und Geschichte den wahren moralischen Halt im Leben finden könne. Darum sorgt sie in erster Reihe um ihre eigene Ausbildung. Sie überreichte in dieser Woche an die Cultusgemeinde eine Bittschrift, dass man den Gymnasiasten Religionsunterricht ertheilen möge. Die Bittschrift legt in würdiger Sprache die Schäden des Mangels einer religiösen Erziehung der Jugend dar, beklagt die vollständige Unkenntnis der hebräischen Sprache, Literatur und Geschichte unter den Gymnasialschülern und fordert die Cultusgemeinde auf, im Jntereffe des Judenthums ihre Pflicht zu thun. Es ist das erstemal, dass in einer galizischen Stadt ein solches Ansinnen an die Cultusgemeinde gestellt wird. Auch in anderen galizischen Städten sollen ähnliche Denkschriften überreicht werden. Der „gefährliche" Zionismus zeigt wieder einmal, zu welch bösen Folgen er führen muss. Einer aus der ,Bar Kochba". Rumänien. Jassy. Der Einfluss des Zionismus, der in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung Rumäniens tiefe Wurzel gefasst hat, ist auch unter der gesammten Lehrerschaft des Landes nicht zu verkennen. Davon zeugt die Gründung eines Comites von hebräischen Lehrern, das sich die Aufgabe gestellt hat, einen Lehrercongress nach Jassy einzuberufen, der über eine planmäßige Erziehung der Jugend in jüdisch-nationalem Sinne berathen soll. Der Aufruf an die hebräischen Lehrer, der in den jüdischen Blättern erschien, beruft sich unter anderem auch auf die vom Wiener Actionscomite herairsgegebene „Instruction für Zionisten", in welcher es heißt: „Tie. Erreichung des Endzieles der zionistischen Be-