Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Article
- Die argentinischen Greuel
- Date
- 1898-07-29
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seile v Nr. 30 sollte, so wäre ihre Verwunderung entschieden an einer anderen Stelle am Platze, an einer Stelle, der ja auch „die jüdischen Interessen wirklich am Herzen liegen" sollen. Sie berichtigen also zunächst die Darstellungen der Zeitungen und der Colonisten über die Vorgänge in Moisesville. Sie erklären, dass diese Colonie nur dürch die Theilnahme des Baron Hirsch aus dem größten Elend befreit wurde. Das haben wir nie bestritten. Im Gegentheil. Wir sind vollkommen überzeugt,- dass es nie zu solchen Klagen hätte kommen können, wenn Baron Hirsch noch am Leben wäre. Dass Herr M i gu e l C o h a n, der Administrator von Moisesville, von den Colonisten Jahre hindurch aus den Händen getragen wurde, scheint uns zwar als eine Hyperbel, da die Colonisten schließlich doch eine so andauernde manuelle Unterstützung des Herrn Administrators kaum durchgeführt haben dürften. Doch auch dagegen haben wir ja nichts vorgebracht. Dass er erst in den letzten Monaten des Jahres 1897 auf diesen herzerfreuenden Transport verzichtet hat, ist ihm auch nicht übelgenvmmen worden. Nur gegen das Vorgehen, welches die beiden berichtigenden Herren kurz und etwas undeutlich als „energisch" bezeichnen, haben sich Klagen erhoben. Gegen die beispiellose Marter des Colonisten Zeinstecher hat sich die allgemeine Entrüstung gewendet. Und dieses Factum stellen die Herren nicht in Abred e, weil sie es nicht ableugnen können. Diese „Energie" ist eben verurtheilt worden. Ein Mann, der „auf Händen getragen" wird, darf selbst gegen chm feindselige Elemente nicht in solcher Weise Vorgehen oder Vorgehen lasten, umsoweniger, wenn die gegen ihn gerichtete Feindseligkeit durch einen einzelnen Mann hervorgerufen wurde. Da hätte sich doch leicht ein anderer Ausweg finden lassen. Dass nach dem energischen Vorgehen der Polizei des Herrn Cohan in der Colonie Ruhe herrscht, wollen wir gerne glauben. Block und Kerker haben schon ganz andere Leute beruhigt als die Colonisten von Moisesville. Als Trost für sentimentale Menschen, denen vielleicht diese Art von Ruhe nicht ganz einwandfrei scheinen könnte, wird angeführt, wie viel Kilo Körnerfrucht die Ernte des letzten Jahres ergeben habe. Auch das Aufblühen der Schule und der Bibliothek, welche mit dem Gclde der Colonisten erweitert wird, findet rühmende Erwähnung. So wird auch der- Sturmangriff, der angeblich gegen den beliebten Administrator stattgefunden hat, durch einen versöhnenden Schimmer verklärt, und ein etwas phantasievoller Leser der Berichtigung sieht förmlich das ethische Wachsthum der von Herrn Cohen betreuten Colonisten. Sie haben die wilde Roheit der Sturmangriffe gegen die Administration im letzten Jahre abgelegt. Jetzt finden höchstens noch freudige stürmische Scenen aus dem Felde statt, wenn die Colonisten nicht wiffen, wohin sie den reichen Gottessegen bringen sollen, oder ein Sturmlauf zur Bibliothek, wo die neuesten Bücher ausgeliehen werden sollen. Wir nehmen gerne an, dass diese Berichtigung über jeden Zweifel erhaben ist, wenn auch die Colonisten nicht dasselbe berichten. In derselben Weise wird das Material über die Provinz Entre Rios berichtigt. Die Herren geben zu, dass 20 bis 30 Familien die Colonie verlaffen haben. Sie bestätigen also unsere Angaben. Tie Ursachen können die Herren nicht bei jeder einzelnen Familie feststellen. Einige dieser Ursachen, die sie gefunden zu haben glauben, sind nicht unintereffant. Einzelne Familien giengen, weil sie anderswo Verwandte haben, andere, um das Ergebnis der letzten Ernte zu retten. Bor wem es gerettet werden musste, das haben die Herren leider nicht angeführt! Andere zogen nach den Städten, weil sie die Feldarbeiten angeblich nicht leisten konnten, und wieder andere, weil räuberische Ueberfälle stattgefunden hätten. Die Polizeibehörde habe übrigens Vorsorge für größere Sicherheit des Lebens getroffen. Wie weit diese Vorsorge reicht, und ob die größere Sicherheit, die vorgesorgt wurde, genügen wird, das geben die Herren nicht au. Kurz, es wird alles das bestätigt, was die von uns publicierten Berichte darüber erzählten. „Ueber die Anzahl der nach Russland znrückgekehrten Familien liegt keinerlei authentische Nachricht vor." Wir sind so frei, den Herren unsere Informationen darüber für künftige Berichtigungen anzubieten. Wir können ihnen die Versicherung geben, dass diese Informationen vollständig und authentisch sind. Von der Uebervortheilunq der Colonisten ist in diesem Zusammenhauge in unseren Publicationen nicht gesprochen worden. Dieser Paffus sagt daher mehr, als er sagen sollte. Dass Entre Rios sehr fruchtbar ist, haben wir ebenfalls bereits vor der Berichtigung gewusst und hervorgehoben. Das ist also die Berichtigung der Herren Dr. Sonnenfeld und Schwarzfeld. Ueber den Kernpunkt der Frage haben sie geschwiegen. Ist die Colonisation in Argentinien ein philanthropisches Unternehmen oder ein Geschäft? Ist sie ein Ausfluss der Philanthropie, dann scheinen es wahrhaft verheerende Wohlthaten zu sein, die an den Colonisten geübt werden. Ist sie ein Geschäft, dann erkläre man dies öffentlich und erspare den Colonisten die schreckliche Enttäuschung, statt eines gütigen Wohlthäters einen rücksichtslosen Geschäftsmann zu finden. In diesem Falle aber wird auch eine öffentliche Controle im Jntereffe beider Theile dringend zu fordern sein- Durch eine Körnerstatistik und durchsichtige Dementis wird die schwere öffentliche Beunruhigung nicht verscheucht. Oeffentlichkeit, Verantwortlichkeit vor einem Bolksforum kann allein die Verwaltung und Politik der J. C. A. nicht nur rehabilitieren, sondern auch vor jedem Verdachte schützen. Der Mann, deffen bohe Menschenfteundlichkeit heute, nach seinem Tode, ohne jeden unangenehmen Nebengedanken voll und ganz anerkannt werden darf, wird dadurch am besten geehrt, wenn seine edlen Intentionen in reinster Menschenliebe durchgeführt werden. Dazu ist die 7. 0. A. da. In einem solchen Streben wird sie von allen Menschenfteunden, Juden oder Nichtjuden, freudig unterstützt werden. W Deutsche Politik in Palästina.*» Zur Palästinareise des Kaisers Wilhelm. Aus Berlin wird uns geschrieben: Die Reise des Kaisers nach Palästina gestaltet sich zu einem politischen Ereigniffe ersten Ranges, wenn man den bezüglichen Ausführungen von Zeitungen in Paris, St. Petersburg, Rom und Wien glauben wollte. Doch bedürfen diese Ausführungen durchgängig einer Beschränkung und näheren Erläuterung. Am häufigsten wird behauptet, dass die Orientreise des Kaisers die Aufhebung der ftanzösischen Schutzherrschast über die „heiligen Orte" zur Folge haben werde. In welchem Zusammenhänge die Kaiserreise mit dieser Schutzfrage wohl stehen könnte, lässt sich umsoweniger begreifen, als Deutschland im europäischen Orient schon seit sieben bis acht Jahren den Schutz über die deutschen Christen und Anstalten selbst ausübt und darin die Zustimmung Frankreichs und des Vaticans erhalten hat. Gleich Deutschland hat auch Italien den Schutz seiner Angehörigen und der christlichen Anstalten durch den ganzen Orient bis nach Ostasien in Anspruch genommen und durchgesetzt. Ja selbst die Türkei hat sich dem französischen Protectorate widersetzt und einen Sieg errungen. In Bagdad war ein chaldäischer Priester, Kaß Michael, von den ftanzösischen Mönchen überredet worden, in den Karmeliter orden einzutreten. Er hatte sich wegen seines Eintrittes und wegen einer Reise nach Rom unmittelbar an die Curie ge wendet und erhielt auch mit Umgehung des Patriarchen die Erlaubnis dazu. Auf die Beschwerde des Patriarchen wurde der Chaldäer von türkischen Soldaten festgenommen und nach Mossul abgeführt. Frankreich hat sich bei den orientalisch eil Christen seit einigen Jahren selbst am meisten um sein Ansehen *) Die Palastinareise des deutschen Kaisers gibt den Jour nalen, vor allen den deutschen, Gelegenheit, über die deutsche Politik in Palästina zu sprechen. Wir bringen zwei solcher Zeitungsstimmen zur Kenntnis unserer Leser. (Anmerkung der Redaction.)