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Die Welt · 1898-07-29 · 30 (29.7.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
30 (29.7.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-07-29
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 30 Sette 5 Blattes eine aus verschiedenen, besonders argentinischen Zeitungsquellen stammende Darstellung der Vorgänge und Zustände in den Colonien der „Jewish Colonisation Association“, in welcher eben so viele Unrichtigkeiten als übelwollende Bemerkungen enthalten sind. Wir hätten erwartet, dass eine Zeitschrift, welcher die jüdischen Juteressen wirklich am Herzen liegen, sich vor der Veröffentlichung solcher ihrerseits nicht controlierbarer Mitlheilungen an die „Jewish Colonisation Association“ wenden werde, um sich zu vergewiffern, ob die erhobenen Anklagen auch begründet seien. Dies geschah nicht, und wir mussten das Ende der Artikelserie abwarten, bevor wir an eine Erwiderung schreiten konnten. Wir ersuchen Sie nun um die Veröffentlichung der folgenden Richtigstelürng und sind überzeugt, dass Sie derselben Raum geben werden. I. Vorgänge in Moisesville. In dieser von 166 Familien bewohnten Colonie, welche bereits vor Gründung der r Jewish Colonisation Association“ bestand und durch die hilfteiche Theiluahme des Baron Hirsch aus dem größten Elend befreit wurde, sind auch einige fremde Familien (Nichtcolonisten) ansässig, welche die ewigen Unruhestifter in der Colonie waren. Diese vereinigten sich mit einigen Kolonisten, welche aus der Colonie gewiesen wurden, ferner mit anderen, welche Moisesville verlaßen wollten, weil man ihnen ankündigte, dass nach der befriedigenden Ernte die „Subvention" aufhören werde, und veranstalteten während der Abwesenheit des Administrators einen Srurmangriff gegen die Administration. Herr Cohan, der Administrator, war Jahre hindurch von den Colonisten geradezu auf den Händen gettagen und erst in den letzten Monaten des Jahres 1897 von den genannten Elementen, weil er ihnen energisch errtgegentrat, angeseindet worden. Die Polizei musste einschreiten, und sie stellte die Ordnung her. Es ist durchaus unwahr, dass gegen die Colonisten Grausamkeiten verübt wurden, und die Ruhe wäre sofort eingetteten, wäre nicht die Agitation durch einen Fremden genährt worden, der sich Reverend nannte, dessen erste Aufgabe jedoch, wie man uns mittheilt, darin bestand, von den armen Colonisten einige hundert Pesos auf Nimmerwiedersehen zu entleihen. Darauf reduciert sich die Schreckensgeschichtr von Moisesville, welche von den obengenannten Elementen verbreitet wurde. Seither herrscht volle Ruhe in der Colonie, die Feldarbeiten wurden mit bestem Erfolge beendet, und trotzdem seit der letzten Ernte sieben Familien die Colonie verlaßen haben, bettägt die bebaute Fläche mehr als im Vorjahre. Es wird vielleicht die „Welt" intereßieren, zu erfahren, dass die Ernte an Körnerfrüchten im Jahre 1897/98 in Moisesville 2,787.100 Kilogramm betrug, deren Ergebnis gänzlich den Colonisten zu Gute kam. Diese besitzen überdies 1343 Hect. Kleefelder, was zur Hebung der Viehzucht sehr viel beittägt. Jüngst wurde dott eine Butter- und Käsefabrik errichtet, so dass die Colonisten die Milch, chrer Kühe nutzbringend verwerthen können. Dass auch geistige und religiöse Jntereßen nicht vernachlässigt werden, beweist am besten das Aufblühen der Schule, der Bestand einer schönen Synagoge, fernerdie Thatsache, dass jüngst eine Collecte für die öffentliche Bibliothek 150 Pf. St. ergab. Der Redacteur der „Hazefirah" wird gern Zeugnis dafür abgeben, dass die Colonisten von Moisesville an ihn zum Ankauf von Büchern rc. 100 Pf. St. geschickt haben. II. Die Entre-Rios-Colo nie n. Es ist richtig, dass nach Schluss der jüngsten Ernte 20—30 Familien die Colonie verlaßen haben. Die Ursachen dieser jedenfalls bedauernswetten Thatsache laßen sich nicht bei jeder einzelnen Familie feststellen, sie sind mannigfacher Att. Der Ausfall der Ernte konnte nicht daran Schuld sein, da das Ergebnis ein befriedigendes war und auf ungefähr 23.000 Hectaren (50—60 Hectar per Familie) über 14,000.000 Kilogramm Körnerfrüchte eingeheimst wurden. Mehrere Colonisten sind fottgezogen, weil sie in Nordamerika Verwandte haben, welche sie hinriefen; andere wollten, aus Furcht, die nächsten Jahre könnten wieder Missernten bringen, das Ergebnis der letzten Ernte retten; wieder andere konnten sich an die schweren Feldarbeiten nicht gewöhnen und zogen es vor, nach den Städten zu ziehen; endlich sind leider in drei Colonistenfamilien räuberische Ueberfälle von vagierendem Gesindel vorgekommen, wobei drei Personen umkamen. Man hat selbstverständlich den Schutz der argentinischen Behörden angerufen, und es ist Borsorge für größere Sicherhett des Lebens getroffen worden. Ueber die Anzahl der nach Russland zurückgekehrten Familien liegt keinerlei authentische Nachricht vor. All diese Familien haben auf eigene Kosten die Reise unternommen, müßen sonach genügende Mittel beseßen haben. Es ist eine Unwahrheit, dass die Colonisten bei der Ueberlaßung von Landvieh und Ackergeräthen übervottheilt worden waren, da die „Jexvish Colonisation Association“ sorgsam darüber wacht, dass den Colonisten keine Unbill geschehe. Zürn Schlüße sei hervorgehoben, dass auch in den Entre- Rios-Colonien die Feldarbeiten einen günstigen Verlauf genommen haben, dass die von den fottgezogenen Familien freigelaßenen Felder von anderen Familien bebaut wurden und dass. Dank der guten Aussichten für die nächste Ernte, ma.. mit guter Zuversicht der Zukunft entgegensehen kann. Die Direction der J'ewish Colonisation Association: Dr. F. Sonnenfeld. Dr. E. Schwarzfeld. Wir haben dieses Schreiben vollinhaltlich zur Veröffentlichung gebracht, obwohl wir selbstverständlich in keiner Weise dazu verpflichtet waren. Wir sind kein Organ der J. C. A. Ihre officiosen Mittheilungen haben deshalb für uns nur sozusagen Amateurwett. Nichtsdestoweniger haben wir diese Aufklärungen mtt Vergnügen gelesen. Es wird wenigstens der Versuch einer Rechtfettigung gemacht, und das ist ein Schtttt, zu dem sich die ,1. C. A. bisher nicht entschließen konnte. Allerdings sind es wieder Beamte, welche über die Beamtenwittschaft ihr Uttheil abgeben. Die eigentlichen Leiter der J. C. A. hüllen sich weiter in Schweigen. Bekanntlich bleibt man mitunter ein Philosoph, wenn man zu schweigen versteht. Und die Herren scheinen das beschauliche Dasein eines wohlsituietten Philosophen den unangenehmen Conttoversen über die von ihnen pattonisietten Unternehmungen vorzuziehen. Sei es denn. Wir wollen also die Oratio pro domo, die uns zugekommen ist, ein wenig prüfen. Zunächst einige allgemeine Bemerkungen. Die Beschwerden über die argentinischen Vorgänge sind bereits alten Datums. Ein jeder von uns. der sich mit den, im Jntereße der Juden unternommenen Colonisattonsversuchen beschäftigt hat, weiß, dass die Klagen aus Argentinien seit Jahr und Tag nicht aufhören. Es liegen mit Unterschriften versehene Beschwerden von Vereinen und Pttvatpersonen und zahllose Blätterberichte vor. Die I. C. A. hatte schon längst Gelegenheit, vor der Oeffentlichkeit klar und energisch Stellung zu nehmen. Sie hat es bis jetzt vermieden. Nach ihren Publicationen war die Lage in Argenttnien immer höchst zufttedenstellend. Sie hat selbst von den schlechten Colonisten nichts erzählt, welche dem braven Administrator das Wäßerlein trüben. Ja, noch jüngst, als sie zu einer Conferenz eingeladen wurde, wo vor Erfahrenen und objectiven Personen eine Aussprache herbeigeführt werden sollte, hat sie es abgelehnt, an dieser Besprechung theilzunehmen. Sie hat es also geradezu darauf angelegt, dass ihre Angelegenheit publicistisch behandelt werde. Wenn also die beiden Herren in dem Proömion ihrer Abhandlung ihrer Verwunderung darüber Ausdruck geben, dass man sich nicht an die J. C. A. gewendet habe, um die Bettchte zu conttolieren, so ist diese Verwunderung ein wenig komisch. Es ist doch kaum anzunehmen, dass zwei Herren, welche Bettchtigungen verfaßen, über das Vorgehen ihrer Auftraggeber so schlecht informiett seien. Wenn dies aber doch der Fall sein

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