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Die Welt · 1898-07-29 · 30 (29.7.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
30 (29.7.1898)
Article
Der zweite Baseler Congreß
Date
1898-07-29
Page
3 (sequence 1)
Language
German
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Seite 3 Der zweite Baseler Congress. Die Tagesordnung des zweiten Congreffes wurde bekanntlich von der Wiener Vorconferenz im April a, e. in großen Umriffen festgestellt. Wir publicieren das Programm hiermit über Wunsch zahlreicher Gesinnungsgenossen nochmals: 1. Eröffnung des Congreffes durch den Vorsitzenden des Comites. Vorlage der neuen Geschäftsordnung. 2. Wahl des Bureaus. 3. Rechenschaftsbericht. 4. Die allgemeine Lage der Juden im abgelaufenen Jahre. 5. Programm der Bewegung. 6. Organisation. 7. Die jüdische Colonialbank. 8. Colonisation. 9. Jüdische Culturftagen. Die Referate sind bisher in folgender Weise bestimmt: 1. Rechenschaftsbericht, a) Allgemeiner Th eil: Dr. M. T. Schnirer. b) Finanzbericht: Dr. O. K o k e s ch. 2. Die allgemeine Lage der Juden : Dr. Max Nordau. 3. Programm der Bewegung: Dr. I. Mandelstamm. 4. Colonisation : L. M o tz k i n. 5. Jüdische Culturftagen: Dr. M. Ehrenpreis. Bisher , gewählte Delegierte (außer den bereits erwähnten): S. B. Mintz (an 2 Orten), S. Tolkowsky, S. M. Lewin, Leon Ruziewicz, Frau Regina Ruziewic^, Hirsch Nagelberg (an 2 Orten), S. I. Sachs, Älöert Sachs, Fabius Schach, Jsak Schwadron, Dr. M. Ehrenpreis, Dr. Nathan Birnbaum, I. Jasinowsky, L. Slitzan, Dr. S Bichowsky, S. Margulies, Sr. Ch. Horowitz, B. Joffe (an 2 Orten). L. Joffe, W. Bambus (an 2 Orten), Dr. A. Friedemann, I. E st rin, P. Katzenelen sohn, Dr. Abraham Korn häuf er, Dr. A. S a l z. Ferner wurden gewählt: Dr. Theodor Herzl (in Limerick, Irland), Charles Bogdadli und Bernhard Fuchs (in Cairo und Alexandrien), Dr. N. Syrkyn (in G e n f), A. Lichtenst e i n (in Bern), S. V e i t und S. G a r f u n k e l (in Base l), Jonas W o l p e (in Frankfurt a. M.). Beim Äctionscomite haben sich bisher zahlreiche erprobte Gesinnungsgenossen gemeldet, welche eine Wahl zu Delegierten acceptieren würden. Jene Schekelgruppen, welche aus ihrer Mitte keine Delegierten wählen können, sind daher in der Lage, beim Äctionscomite die Namen der Candidaten in Erfahrung zu bringen. Bei der Wiener Vorconferenz wurde beschlossen, dass auch Frauen und Mädchen als Delegierte Sitz und Stimme bei den .Congressverhandlungen haben können. Die Conferenz der russischen Zionisten, die behufs Feststellung mehrerer Resolutionen vor dem Congreffe zusammentreten wird, will damit nicht eine Beschränkung der persönlichen Meinung der einzelnen Delegierten durchführen. Da bei der kurzen Dauer des Congreffes selbst wichtigere Fragen eventuell nicht eingehend genug besprochen werden könnten, so sollen die auf dem Congreffe vorgebrachten Anregungen und Wünsche im Namen aller russischen Delegierten erfolgen können. Deshalb ist diese Vorconferenz von großer Wichtigkeit für die russischen Gesinnungsgenoffen. Die Sitzordnung der Delegierten wird vom Bureau des Congreffes bestimmt werden. Wünsche wegen Unterbringung und Verpflegung der Delegierten wollen möglichst frühzeitig dem Congressbureau in Basel übermittelt werden, weil sonst bei dem großen Anwachsen der Obliegenheiten des Bureaus vor dem Congreffe für die Berücksichtigung dieser Wünsche oft nicht Vorsorge getroffen werden könnte. Für rituelle Kost ist selbstverständlich gesorgt. Auf mehrere Anftagen bemerken wir ausdrücklich, dass die Congresstheilnehmer wie im Vorjahre zur Eröffnungssitzung im schwarzen Festkleide mit weißer Halsbinde erscheinen werden. & pe Woche. Wien, 27. Juli 1898. Wo gibt es einen Schmerz, der Jahrtausende lebt? Es ist eine große, offene Wunde an diesem Erdball. Sie kreist mit ihm um die Sonne, jahraus, jahrein, seit ferner Vorzeit und kann sich nicht schließen. Die Menschen sind sonst die Vergesslichen; das dünnste, vergänglichste Gewebe ist der Trauerflor, es weint das Auge, damit die Thränen versiegen, leiden ist verschmerzen, bluten ist verharschen. Doch dieser Schmerz schleicht von Geschlecht zu Geschlecht. Er ist unsterblich, wie die Seele. Er wohnt in den Menschenleibern, aber wenn man einen Sarg zunagelt, so fährt der Schmerz aus der erkalteten Hülle und wirft sich in die Wiege, die daneben steht. Unglückseliger, ahnungsloser Säugling! Es wächst ein Mensch auf, der den Schmerz des Dahingegangenen das ganze Leben mit sich herumschleppt und ihn dann weiter gibt an den nächsten ahnungslosen Säugling. So kann die große Wunde nie vernarben. Und einmal im Jahre blutet sie. Am neunten Tage des Monats. Ab. Der neunte Ab ist der Geburtstag des Schmerzes, der das Golus genannt wird. Kein Geburtstag wird mit solcher Klage gefeiert. In düsterer Abendstunde versammeln sie sich und wünschen dem den Tod, deffen Geburtstag sie begehen. Vielhundertmal haben sie sich schon so versammelt. Aber das Golus ist etwas Riesenhaftes. Es ließ sich verfluchen von unzähligen Menschen und überlebte sie. Flüche können ihm nichts anhaben, Verwünschungen können es nicht verscheuchen. Wo die Juden Hingiengen, da kroch cs nach. Wie ein schwerfälliges, stumpfsinniges Ungethüm, welches nicht merkt, dass es einem tödlich lästig ist. Seit jenem neunten Ab ist es den Juden auf den-Fersen. Und wie es sich so hinschob, hinterließ es einen leidensvollen Pfad. Der ist stellenweise blutig gefärbt. Auf der Brandstätte Jerusalems ist das Golus geboren. Zwischen rauchgeschwärzten Mauern und glimmenden Balken. Seit jener Zeit liebt das Golus die Brandstätten'. Aus den verkohlten Wohnungen kommt ein Hauch wie Jugenderinnerung. Darum muss immer wieder und immer wieder Feuer aus den Hütten der Juden emporlodern. Damals vor schier zweitausend Jahren waren die Menschen gewiss noch sehr roh. Sie hätten wohl sonst nicht eine schöne Stadt in einen Trümmerhaufen verwandelt und die Einwohner hingeschlachtet. Es heißt, dass die Zeiten sich seither geändert haben, und mancher, der über die Fortschritte der Cultur viel gehört und gelesen hat, wird überrascht sein, dass die Juden im Jahrhundert des Dampfes und der Elektricität an einem lauen Sommerabend in den Tempel gehen und der Zerstörung Jerusalems Klagelieder widmen. Und manchem wird es Vorkommen, als seien die Juden höchst anspruchsvolle Leute, weil sie durch die frappanten Errungenschaften, mit denen die moderne Cultur den Menschen förmlich überschiittet, nicht zuftieden zustellen sind, und sich in eine alte, historische Daseinsform zurücksehnen. Mancher wird es unbegreiflich finden, wie jemand, der von der Civilisation fin de siede umgeben ist, noch immer um ein unersetzliches Zion weinen könne. Und

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