Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-07-29 · 30 (29.7.1898) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
30 (29.7.1898)
Article
Der Zionismus in Italien und anderswo
Date
1898-07-29
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315773-3361504--07169-3361616
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2tr. 30 nichts haben wird, als die Ueberlieferung, die Klugheit «ub den Scharfsinn. Congresse. Bon O. Erter. Ist es paradox zu sagen, die Geschichte des neunzehnten JabrhundeNs sei die Geschichte seiner Congresse? Gewiss, für alle Leute, denen die Geschichte bloß aus Jahreszahlen. Heldenbiograpbien und Schlachtberichten zu bestehen braucht, ist es eine Parodoxie, von ihr auch einen tieferen pragmatischen Zusammenhang zu begehren; aber wenn man einen Zeitabschnitt nicht nur als eine mechanische Aufeinanderfolge von Begebenheiten, sondern auch als eine fortlaufende Entwicklung von Ideen begreifen will, so muss man schon die merkwürdige Thalfache zugestehen, dass für unser Jahrhundert die Congresse mehr bedeuten als die blutigsten Schlachten. Die Congresse sind nämlich Marksteine auf dem Wege der fortschreitenden Cultur, wobei man auch den winzigsten nicht auszunehmen braucht und das entscheidende Kriterium dieser Cultur ist die Verlegung des geschichtsmachcnden Geistes von den Höben in die Gliederungen, von den Höfen und Regierungen in die breiten Massen. Es hat freilich schon in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sogenannte „Congresse" gegeben. Wenn drei Fürsten mit einander zusammenkamen, so hieß man es einen Congress, und ausnahmsweise sprach man auch von einem Congresse, als die Gesandten der großen Mächte sich in Rastadt zusammenfanden, um nach dem berüchtigten Gesandtenmorde hastig wieder auseinanderzustieben. Es lag indessen in der Natur der Dinge, dass bis zur Julirevolution nur Fürstencongresse abgehalten werden konnten, denn die Völker waren noch nicht zum Bewusstsein selbstthätiger Individualität gelangt. Und was aus diesen Fürstencongressen berathen und beschlossen wurde, bat beinahe suneste Wirkungen für die geistige Entwicklung unseres Jahrhunderts gehabt. Wenn man an den Wiener Congress mit seinem Ergebnisse, der heiligen Allianz, an die Congresse von Karlsbad, Verona, Laibach denkt, so hat man eine ausreichende Vorstellung von den Werken, welche mit den Fürstencongressen von damals verbunden waren. Es waren ausschließlich dynastische Zwecke, die nach damaliger Anschauung mit den Werken der geistigen und politischen Reaction zusammenfielen. Allmählich aber veränderte sich die Physiognomie des Zeitkaufes. Dies konnte ja auch gar nicht anders sein, nachdem der Gedanke der allgemeinen Wehrpflicht seine erste Verwirklichung erlangt hatte. Es wird immer der Untersuchung wert sein, ob nicht das Princip der allgemeinen Wehrpflicht mehr zur Verwandlung der Zeitphynognomie beigetragen hat, als dre Erfindung der Dampfmaschine. Das Bewusstsein der allgemeinen Pflicht hat immer auch zum Correlat das Bewusstsein des allgemeinen Rechts. Und so geschieht es denn, dass kurz nach der Julirevolution eine ganz neue Art von Congreffen zum Vorschein kommt; die Wissenschaft beginnt ihre Congresse abzuhalten, den Congressen der Naturwissenschaften, der Philologen reihen sich schließlich wirtschaftliche Congresse an, und man darf wohl sagen, dass sie mehr zur Umwälzung der gesammlen Cultur gethan haben, als die Diplomatencongresse, welche mit so großem Aplomb in Paris und in Berlin abgehalten wurden, um das Facit mörderischer Kriege zu ziehen. Ja man kann sogar verfolgen, wie selbst in diese Diplomatencongresse das bereits unabweisbare Culturmoment hineinspielt. Wenn man das bekannte Berliner Congressbild Anton v. Werners betrachtet, so meint man, diese Staatsmänner, die fast alle in Militäruniformen stecken, hätten nur Macht- und Grenzfragen rein politischer Art zu berathen und zu entscheiden; aber tatsächlich können sie sich den Forderungen der Cultur nicht mehr entziehen und selbst die rumänische Judenfrage lässt sich vom grünen Tische des großen Berliner Congresses nicht fernhalten. Das ist doch eine außerordentlich bezeichnende Wandlung. Zu Anfang des Jahrhunderts fitzen die mächtigen Kaiser und Könige zusammen, Metternichs Geist ist unter ihnen, ein rumänisch-russischer Agent denunciert ihnen die deutschen Universitäten, und die Folge davon sind die Karlsbader Beschlüsse, welche das öffentliche Leben in seinen ersten selbständigen Regungen knebelte. Die Congresse aber, welche das Ende des Jahrhunderts sieht, sind Volkscongresse, welche sich mit den Fragen der Cultur, der Wirtschaft, der socialen Ordnung, mit den größten, wie mit den kleinsten, befassen. Die Machtcongreffe sind von den Culturcongressen abgelöst. Nun können auch die leidenschaftlichsten Anhänger der Theorie, dass die Darstellung der Geschichte ausschließlich oder überwiegend eine Darstellung von Kriegen und Schlachten, von Thaten einzelner Fürsten, Feldherren und Staatsmänner sein müsse, in ihrem Fanatismus für die lediglich politische Geschichtsschreibung nicht mehr beharren; die moderne Geschichte ist Volksgeschichte, und Volksgeschichte hinwiederum ist ihrer Natur nach Culturgeschichte. Das wunderbarste Phänomen aber unter den Congressen der letzten Jahre ist sicherlich der Baseler Congress. Etwas Aehnliches ist vorher niemals gesehen worden. Die an ihm theilnehmen, kommen aus der ganzen, weiten Welt zusammen, aus den Metropolen der europäischen Culturstaaten, von der Südspitze Afrikas, aus Hinterindien und von den geräuschvollen Emporien der transatlantischen Republik. Aermste und Reichste vereinigen sich, die verschiedensten Bildungs- und Culturformen strömen in einander, es ist wie eine Zauberformel, der sie solgen. Und was sie zusammensührl, ist nicht eigensüchtiger Zweck wie weiland bei den Fürstencongressen, nicht Machtinteressen wie bei den späteren Diplomatencongressen, sondern tiesinnerste Begeisterung für die Ideen ihrer nationalen Wiedergeburt, für die Befreiung von den zweitausendjährigen Fesseln der Fremdheit unter den Anderen. Ist dres politische Tendenz? Nein, denn weder das parlamentarische England, noch das republikanische Frankreich, noch das absolutistische Russland brauchen stch durch die Beschlüsse des Baseler Congresses beengt oder herausgesordert zu fühlen. Wohl aber ist es eine Cultur- und Humanitäissorderung, der alle gerecht werden können, ja, deren schleunige Erfüllung allen am Herzen liegen müsste, weil es sich darum handelt, zwettausendjähriges llnrecht, von allen an einem ganzen Volke begangen, wieder gut zu machen. Und zwar an einem Volke, das von seiner verlorenen und wiederersehnten Heimat aus der Welt einst kostbare Güter der Bildung und des Glaubens geschenkt har. Kostbare und ewige Güter. So ist der Baseler Congress im eminentesten Sinne ein Volkscongress, ein Congress im wahrsten Geiste der Entwicklung unseres Jahrhunderts, culturell, wirtschaftlich und traditionell ohnegleichen. Dabei aber doch wieder national im eigentlichen Kern, der Ausdruck einer Volksseele, die zu sich selbst zurückverlangt. Als im vorigenJahre dieWelt von dem Bastler Congresse die erste Kunde erhielt, hatte sie Mühe, das merkwürdige Phänomen zu begreifen. Unterdessen ist das Verständnis immer weiter gedrungen, man har aufgehört, den Zionismus über die Achsel anzusehen, und von den Stimmen, welche im vorigen Jahre stch gegen den Baseler Congress erhoben, wird man in diesem Jahre viele nicht mehr vernehmen. Die werbende Kraft des Zionismus hat begonnen, ihre Wunder zu wirken. &

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.