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Die Welt · 1898-07-22 · 29 (22.7.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
29 (22.7.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-07-22
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 Str. 2S Inzwischen kehrte Frau Sanftmuth zurück. Die würdige Witwe war nicht wenig erschrocken, den Doctor im Borzimmer zu sehen. Hatte sie ihm doch erst diesen Morgen das feierliche Versprechen gegeben, während seiner Abwesenheit stets in der Nähe des Kranken zu bleiben! Eine langathmige Erklärung sollte ihr Vergehen beschönigen. „Lassen Sie die Sache aus sich beruhen!" unterbrach Dr. David jedoch ungeduldig den Fluss ihrer Rede. „Und nehmen Sie sich künstig an ihren Verwandten ein Beispiel der Pflichttreue!" Sich an das Mädchen wendend, fügte er lächelnd hinzu: „Darf ich jetzt zu meinem Pattenten gehen, Fräulein Lisi?" „Aber Herr Doctor! Ich bitte recht sehr um Entschuldigung!" stammelte diese über und über erröthend. Schon hatte David die Klinke der Thüre, die auf den Glasgang führte, in der Hand, aber noch blieb er zaudernd stehen. Er schien etwas zu überlegen. Dann schnalzte er mit den Fingern, was als ein untrügliches Zeichen galt, dass er die gesuchte Lösung gefunden. Das war ja vorttefflich! Eine bessere, pflichtgetteue Pflegerin konnte er sich für Karl- Raphael ja gar nicht wünschen. „Lisi", wandte er sich noch einmal an die Fremde, „Sie sagten doch. Sie wollten einen Dienst suchen. Ich wüsste einen als Pflegerin zu einem kranken Herrn. Wollten Sie es damit versuchen?" „Natürlich, gnädiger Herr!" lachte das Mädchen. „Aber wie ich mich anstellen werde. . .!" „Das wird sich finden", ergänzte der Doctor ihre Bedenken. „Kommen Sie nur gleich mit zum Kranken!" Ohne weitere Einwendung folgte die Holzer der Aufforderung. Das alles war so schnell gekommen, dass der alternde Kops der Witwe Sanftmuth dem raschen Laufe der Geschehnisie nicht zu folgen vermochte. Sie machte ein höchst betrübtes Gesicht und sank gebrochen aus den Stuhl, auf dem der Redacteur ihrer Ankunft hatte harren müssen. „O mein Gott, o mein Gott!" jammerte sie, das Wort „mein" stark betonend, mit melancholisch gesenktem Haupte und gefalteten Händen. „Dass das hat über mich kommen müsien!" Worin eigentlich das Unglück, das sie so hart gettoffen, bestand, hätte die ehrsame Magistratsbeamtens-Witwe nicht anzugeben vermocht. Sie fühlte nur instinctiv, dass sie von nun an mtt einem anderen weiblichen Wesen die Herrschaft über die Goldschilds würde theilen müsien. Und Frau Karoline war eine eingefleischte Aristokratin. IV. Dr. David Goldschild hatte seinen raschen Entschluss nicht zu bereuen. Keine geeignetere und bessere Pflegerin wäre für den Vetter aufzutteiben gewesen, als Lisi Holzer. Auch gewöhnte sich Karl-Raphael bald dermaßen an das Mädchen, dass er von niemand Anderem abgewartet sein wollte. Nach drei Wochen durfte er bereits das Bett verlaßen. Obgleich der Herbst mit vollen Segeln in das Land zog, bestand David darauf, den Genesenden noch auf das Land zu senden. Der Luftwechsel sollte den geschwächten Körper für die Strapazen des nordischen Winters widerstandsfähiger gestalten. Nur über einen geeigneten Ott war man noch nicht einig. Auch dafür wusste Lisi Holzer Rath. Sie schlug vor, den Reconvalescenten zu ihren Eltern nach Perchtoldsdorf zu bringen. Das fteundliche Stübchen, das den Sommer über an Städter vermietet zu werden pflegte, war eben geräumt morden und konnte jeden Augenblick bezogen werden. Für sorgsame Pflege, und dass Herr Karl-Raphael nichts „Unrechtes" zu esien bekomme, wolle sie sich verbürgen. Auch sei die große Nähe von Wien in Bettacht zu ziehen. Fast jeden Abend könne der Doctor nach dem Rechten sehen. Da sich David einverstanden ettlätte, und Karl-Raphael sich gar nichts Besseres wünschte, packte die Lisi bereits am folgenden Tage ihren Pflegebefohlenen mit Decken, Körben und Flaschen in einen großen Landauer und rollte im hellen Sonnenschein der Heimat zu. Dr. David folgte erst gegen Abend. Das Häuschen der Holzer war ein fteundliches, außerhalb des Ottes in den Weinbergen gelegenes Gebäude. Karl-Raphael's Zimmer war geräumig, wenn auch nieder, und hatte die Aussicht in das Grüne. David fand ihn im Kreise der Familie im Borgättchen sitzen. Er schien sich bereits ganz heimisch zu fühlen. Allerdings waren alle Vorbedingungen dazu geboten. Lisi's Eltern sowohl als ihr einziger Bruder Georg waren wahre Musterbilder österreichischer „Gemächlichkeit." Sie waren alle drei von großer Gestatt. Auch die graue Farbe der Augen schien der Familie gemein zu sein. Bon allen Gliedern sttahtte Behäbigkett und Genügsamkeit aus. Wer sie so friedlich in ihrem Gärtchen beisammen sitzen sah, die großen, ungeschliffenen Weingläser vor sich, die Frauen mit einer groben Handarbeit beschäftigt, die Männer chre Pfeife rauchend — dem musste unwillkürlich der Gedanke kommen: Da wohnen glückliche Menschen! Diese Ueberzeugung nahm auch David mit sich, als sein Wagen spät abends durch die lange Pappelallee, die nach Wien führt, rollte. Wie ganz anders wickelte sich das Leben dieser Leute, die ihr Stückchen Land selbst bepflanzten, ihren eigenen Wein ttanken und das eigene Korn aßen, ab, als das seiner Verwandten im böhmischen Landstädtchen Chiesch! Konnte es denn Wunder nehmen, dass so verschiedene Existenzbedingungen verschiedene Männer erzeugten? Verglich er den alten Holzer mit Onkel Nathan — ja selbst mit dem eigenen so sehr verehtten Vater — so konnte keinen Augenblick gezweifelt werden, zu wessen Gunsten die Schale der Wage sank. Aber wen ttas die Schuld? Und wie die Väter, so die Söhne. Die Heimat- und haltlose Lebensweise der Seinen bildete Menschen wie ihn im besten, wie seinen Vetter Jsak im schlimmsten Falle. Nervöse, fiebernde, leidenschaftliche Gestalten, die ganz in Superlativen sprachen und kein Maß kannten — weder im Guten noch im Bösen. Diesem Zerrbilde stand die harmonische Erscheinung Georg Holzers entgegen. Hier war Wollen und Können, Körper und Geist ausgeglichen. Wenn man die breiten Schultern, muskulösen Arme und sehnigen Beine des jungen Weinbauers bettachtete, so vermeinte man fast den ttäftigen Erdgeruch zu verspüren, der an seinem Körper haften geblieben. Er war eins mit der Erde, wie der Baum, der in ihr seine Wurzeln geschlagen. Im Herzen des Dvctors stieg ein tiefes Leid, eine herbe Bitterkeit auf. Rasch durchblättette er im Geiste die ehrwürdige Geschichte seines Volkes. Bon den ältesten Zeiten an bedeutete sie Kampf um den Besitz der Erde. (Fortsetzung folgt). . Gesinnungsgenossen! Wir bereiten für die nächste Zeit Agitationsnummern vor, die in zehntausend Exemplaren versendet werden sollen. Wir ersuchen unsere Freunde, uns geeignete Adressen mit möglichst genauer Angabe der Straße und Hausnummer oder — bei kleineren Orten — der letzten Post mitzutheilen. Die Administration der „Welt." Herausgeber: P. Lasttzsuer. Bercmtw. Red.: Dr.Stegm.Avernrr. Buchdruckerei „Industrie" (S.Bergmann), V£IL, Schlöfselg. 11

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