Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1898-07-22
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 29 Seite 15 unsterbliche Jellinek seinerzeit zur Wiedereinführung des halben Schekel für die .Alliance israelite. Die „Neuzeit" wiederholte erst vor kurzer Zeit den Inhalt jener Rede, die ja gedruckt ist. Welch herrlicher Nationalfond hätte durch Einsammlung des halben Schekel seit jener Zeit geschaffen werden können! Alles umsonst, alles vergeblich. Wre von selb st trat die Schekelsammlung bei den Zionisten ins Leben und in kur z er Z e it sehen wir die Eolonialbank ins Leben treten. Wäre es um nichts weiter als um die Organisation der Judenheit zu thun, müssten wir schon den Zionismus als den Erlöser der Judenheit aus der schrecklichen Zerfahrenheit, Zerriffenheit sreudigst und dankbarst begrüßen. Die gewünschte und so lange vermisste einheitliche Organisation kann und wird nichts und niemand als der Zionismus zustande bringen, und darum allein war er für die Juden eine rettende Thal. Um so bedauerlicher, ja völlig unbegreiflich ist es, wie Rabbiner conservativer Richtung wie Dr. Adler, Chief-Rabbi von England, Dr. Güdemann, Oberrabbiner in Wien und 137 Rabbiner ebenso vieler Richtungengegen d e n Z i o n i s m u s S t ellung nehmen können und das im Namen des Jude nt h u m s. Hätten diese Herren offen und ehrlich gesagt : Wir thun es, wir müssen es thun, weil die hohen, sehr reichen Herren, die Ritter und Ordensmänner, Cultusvorsteher der Gemeinden (siehe: S t ellung der Rabbiner laut Generalversammlung des deutschen Rabbinerverbandes; siehe: Stellung der Rabbiner in Oe st erreich, auch nicht viel anders) es von uns verlangen, oder weil die Besorgnis über die Gefährdung unserer bürgerlichen Stellung, unsererGleichberechtigung und unseres geselligen Verkehres mit den Mitbürgern uns hier kluge Vorsicht und Zurückhaltung auflegen, so hätte jeder sich ein Urtheil darüber gebildet, gewusst, was er davon zu halten hat; doch wenn diese conservativen und Reform- Rabbiner im Namen des Judenthums sprechen, müssen wir erstaunt fragen: Wie kommen diese Rabbiner dazu, im Namen des Judenthums das Judenthum zu blamieren und als Judenthum zu verkünden, was, wie jeder Jude älterer Schule sofort sagen wird, nicht Judenthum ist. Die Rabbiner haben kein Recht, im Namen des Judenthums das Judenthum gegen den Zionismus auszuspielen. Keine einzige Lehre, kei n Satz der Bibel und des rabbinischen Schriftthums kann gegen den Zionismus vorgebracht werden: es wäre denn, dass das Grätz'sche Dogma vom geistigen Zion bereits von diesen Herren mit Güdemann an der Spitze canonisiert worden wäre, was aber bislang von der Mehrzahl der Rabbiner noch nicht anerkannt wurde. Hat doch seinerzeit Herr Dr. Goitein, Rabbiner von Kopenhagen, in diesen Blättern (IV. Jahrg. S.82, 111, 142) in den 3 Artikeln „Gedanken über Nationaljudenthum und Zionismus" init seinem scharfen kritischen Denken und seiner streng philosophischen Schulung vom orthodoxen Standpunkte Herrn Dr. Güdemann und allen Gegnern des Zionismus im Namen des Judenthums gehörig heimgeleuchtet und ihnen unwiderleglich gezeigt, dass sie nicht mit Bibel und nicht mit Talmud und nicht einmal mit dem Alltagssiddur gegen den Zionismus kommen dürfen. Es ist wahrlich das beste, was darüber geschrieben wurde und verdiente als Broschüre jedem Zionisten als Vademoeum in die Hand gegeben zu werden. Andererseits verrathen diese Protestrabbiner, wie wenig leider sie verstehen, Religionspolitik zu ireiben, und wie weit sie und wir alle hinter der Kirche in der Volkserziehung zur Religion zurückgeblieben sind. Die Kirche hat von jeher seit ihrem Entstehen bis heute alle im Volke auflebenden und wurzelnden Ideen sich zu eigen gemacht und in den Dienst der Kirche gestellt und dadurch der Religion eine unüberwindliche Lebenskraft gegeben. . . . . Schon in diesem Sinne hätten die Rabbiner die auflebende Idee des Zionismus, der ja vom Judenthum unzertrennbar bleibt, in den Dienst der Religion nehmen müssen, um den stets mehr überwuchernden Jndifserentismus, wie die allgemeine nutzlose Klage lautet, erfolgreich zu verdrängen. Darum ist und bleibt kein Tadel zu gering, keine Rüge zu stark gegen diejenigen, welche, sei es aus Ehrgeiz, um von sich reden zu machen, und wenn schon keine andere doch diese eine Rolle zu spielen, sei es im guten Glauben, Besseres zu wissen, zu erkennen, anzustreben und zu wollen, in die so schön errungene Einheit, in das so eng geschlungene Band des Zionismus einen Riss mit Gewalt zu bringen bemüht sind. Denen muss man ja das Zorneswort Moschehs an die dritthalb Stämme zurufen: „W arum wollt ihr durch Unvernunft, durch Mangel an Disciplin, durch den alten jüdischen Fehlerder Insubordination dasHerz der Kinder Israel abwendig machen, dass sie nicht in das Land ziehen, das Gott, der Herr, ihnen gegeben." Der Zionismus hat ja zum Unterschied von den bloßen Vorsteher-Verbänden einen Volkstag. einen Congress, da kann jeder Anträge stellen, da werden Anträge verhandelt, da wird discutierl, debattiert und abgestimmt und der Majorität Wille ist und bleibt Gesetz. Selbst wenn für den Augenblick die bessere Erkenntnis nicht siegen sollte, kommt endlich das Gute doch zum Durchbruch, aber Einheit und Zusammenhang muss sein, und der Einzelne muss sich wie in der Armee um jeden Preis unterordnen. Der Messias erscheint, wenn alle sammt und sonders gut, oder alle sammt und sonders schlecht sein werden. Somit ist Einheit Grundbedingung der Erlösung Israels und Einheit und Organisation bedeutet Zionismus. Ruft Zion seine Kinder, sollen sie geeint und verbunden vor Zion erscheinen, und der Wegweiser dahin trage das Wort des Psalmisten (114, 44): „Kein Zwiespalt, kein Austritt, kein Hader bilde den Weg dahin", dann lautet das Wanderlied: Heil dem Volke, das solches erreicht, Heil dem Volke, dessen Gott der Ewige, ist. Feuil Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (11. Fortsetzung.) Aber das Mädchen ließ sich weder durch Drohungen noch Vorstellungen irre machen. „Lieber Herr!" entgegnete sie, „ich bitte, gedulden Sie sich nur einen Augenblick. Frau Sanftmuth wird sogleich zurückkehren. Ich habe ihr versprechen müffen, während ihrer Abwesenheit keinen Menschen in das Zimmer des kranken Herrn einzulaffen. Sie können versichert sein, dass niemand über diese Schwelle tritt — solange ich noch da bin!" Diese Erklärung wurde mit der lächelnden, siegesbewussten Ruhe gegeben, die das Bewusstsein physischer s.'rast verleiht. In der That schien es nicht gerathen, mit der robusten Person anzubinden. Selbst ein weit Stärkerer als der schwächliche Doctor hätte gewiss den Kürzeren gezogen. Die Komik der Situation entwassnete Davids Zvrn. Nach vergeblichem Parlamentteren setzte er sich ergeben auf einen Stuhl und knüpfte mit der Unbekannten ein fteundliches Gespräch an. lkto«. Da erfuhr er, sie heiße Lisi Holzer und sei aus dem nahen Landstädtchen Perchtoldsdorf gebürtig, wo die Eltern ein kleines Weingut besäßen. Bei den schlechten Zeiten habe sie den Ihren nicht länger zur Last fallen wollen und sei nach Wien gezogen, um sich als Magd zu verdingen. Frau Sanftmuth freilich — mit der sie weitlänsig verwandt war — habe ihr fast allen Muth genommen. Nach ihrer Rede zu urtheilen, wäre jedes zweite Mädchen auf der Straße ein stellungssuchender Dienstbote. Und mit der Berttaulichkeit unverdorbener Menschen schloss sie ihren Bericht mit der Frage: „Gnädiger Herr — wüssten Sie vielleicht einen Posten?" David verneinte lächelnd, versprach aber sein Möglichstes zu thun, um ihr behilflich zu sein. Und es waren nicht leere Worte. Das Mädchen hatte auf ihn einen außerordentlich günstigen Eindruck gemacht. Die schöne, gerade Gestalt schien einem freien, ehrlichen Sinn zu entsprechen. Die Züge des frischen Gesichtes waren zu groß, die Hautfarbe zu sehr vom Sonnenbrände gebräunt, als dass man die Lisi für schön hätte erklären können. Aber die zwei lachenden grauen Augen und der liebliche röche Mund gewannen ihr jedes Herz im Sturme.