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Die Welt · 1898-07-22 · 29 (22.7.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
29 (22.7.1898)
Article
Wien / y.
Date
1898-07-22
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 JfcOWÖC Seite 13 Die Christen wurden von den Juden derart „bedrückt", sein. Die Politik der J. C. A., die bisher so viel zu wünschen dass sie ihrem Unwillen in Aufläusen Ausdruck gaben, bei übrig ließ, kann dadurch nur gewinnen. denen es allerdings zu einigen bedauerlichen Ausschreitungen Paris, 14. Juli. Aus Französijch-Guyana wird dem kam. So ähnlich war es in der vorwöchentlichen Nummer „Journal" berichtet, dass sich Dreyfus körperlich wohl befindet, dieses Blattes zu lesen. wenn er auch durch die seelischen Leiden sehr gealtert ist. Bis Wir wollen nicht ob des antisemitischen Geistes zürnen, vor Kurzem suchte er noch in mathematischen Studien eine der in diesen Zeilen sich ausspricht, weil die „Leipziger Jllu- Ablenkung von seiner qualvollen Lage. Jetzt ist sein Geist schon strierte" bekanntlich nicht mit Geist, sondern mit der Scheere redizu geschwächt für eine so schwierige Beschäftiguug. Er liest giert wird — aber wir warnen die Herren davor, ihren Novellen und und sonstige leichte Lecture, die seine Frau ihm Bedarf an Notizen zu oft bei antisemitischen Blättern zu jede Woche zusendet. decken. Paris. Der große Gascogner hat die Genugthuung erlebt, Dies könnte folgende unangenehme Consequenzen nach sich dass seine Rede, welche die Schuld des Excapitäns Dreyfus ziehen. Dieses Blatt lebt fast ausschließlich von bezahlten erweisen will, in allen Städten, Märkten und Dörfern Frank- Annoncen und Reclamen. So bat man z. B. erst kürzlich reichs affichiert wurde. Das Land hat also die Reclame 750 Mark dafür verlangt, dass eine Seite dieses Journals den Schönheiten Wiens gewidmet werde, einen Preis, der horrend ist. Die „Illustrierte Zeitung" verdankt ihren Einlauf an Reclamen dem Umstande, dass sie in vielen Hotels und Caffeehäusern aufliegt. Sie wird viel gesehen, was zur Folge hat, dass man ihre Auflage überschätzt. Wird diese erst bekannt oder gar durch eine Agitation der Juden noch verkleinert, so dürften auch die Annoncen nicht mehr so reichlich einlaufen. Also bitte Herr Weber, wir wißen ja, dass Sie, wie die meisten Verleger in Leipzig, den Juden nicht Freund sind, denselben Juden, die durch den Besuch der Mefie und durch ihre Bildungsfreundlichkeit Leipzig bereichern helfen, aber instruieren Sie gefälligst Ihre Scheerenleiter, dass sie diese Ihre Gesinnung nicht so cvmpromittierend an die Glocke hängen. Sie wissen ja, wie es in Leipzig Sitte ist, hübsch vorsichtig und heimlich die Streiche nach den Juden führen. Man muss i h n e n, nicht sich, das Geschäft verderben. y. S&ietf« Bis auf einen Excess in B u r s z t y u, der bald unterdrückt wurde, herrscht in Galizien Ruhe. Die galizischeu Juden haben jetzt Gelegenheit, das Werk der Verwüstung zu überblicken, das ihre geliebten Mitbürger geleistet haben. Bei diesem Ueberblick werden sie von den führenden Großjuden auf das Beste unterstiitzt. Und das ist nicht gering anzuschlagen. Diese Männer überschauen von einer vorurtheilslosen Höhe die Situation. Sie erst haben die geplünderten Juden daraus aufmerksam gemacht, dass sie durch ihren Jammer beinahe eine der heiligsten Tugenden des Golusjuden vergessen hätten, nämlich die „freiwillige" Abgabe an die „armen, irregeleiteten Plünderer." Dieser edle Zug der jüdischen Abgeordueteu und Stadtgrößen hat nicht verfehlt, in allen jüdischen Kreisen, besonders in denen Galiziens, freudiges Staunen hervorzurufen. Mau ist vonseite dieser Herren auf manches gefasst, aber diese außerordentliche Befähigung zur „Anpassung" an die „armen irregeleiteten Plünderer" und ihre Protectoren hat erst den rechten Eindruck gemacht. Außer den durch die Excessc au den Bettelstab Gebrachten werden die Hunderttausende jüdische Proletarier Galiziens durch diese loyale Handlungsweise gewiss aufs tiefste gerührt sein. Man sieht deshalb den weiteren Actionen der Wohlthäter mit' begreiflicher Spannung entgegen. Es gibt nämlich Leute, welche meinen, dass noch viel Schöneres Nachkommen werde. Da kann man wieder die ganze Arroganz und Unersättlichkeit der „galizischeu Schnorrer" erkennen!" werden die Anpassungskünstler sagen. Deutschland. Karlsruhe. Der Thierschutzverein des Großherzogthums Baden hat an den Landtag eine Petition gerichtet mit der Bitte, das Schächten nach jüdischem Ritus zu verbieten. Tie Juden des Großherzogthums befürchten, dass die Petition von Erfolg sein könne. Frankreich. Paris. Die englischen Mitglieder der Jewish Colonisation Association, welche früher gegen die Verwendung von Geld in Palästina waren, sollen nunmehr nach Consultierung eines englischen Rechtsgelehrten zu anderer Ansicht gekommen C a v a i g n a c s, die ihn für die Präsidentenwahl empfehlen soll, aus eigener Tasche bezahlt und auf eigene Gefahr und Kosten verbreitet. Bei einer Reclame darf man es mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen. Wenn gar die Reclame von Gascognern kommt, die ja auch sozusagen in Friedenszeiten die Wahrheit gerne corrigieren, so darf selbst falsches Pathos und Unaufrichtigkeit nicht überraschen. Leider hat die Herrlichkeit gar zu kurz gedauert. Zola hat in seinem offenen Briefe an B r i s s o n das ganze Lügengebäude vor aller Welt zerschmettert. Frankreich hat aber rasch seine Revanche gehabt. Die kleine gegen Zola nämlich. Er wurde in Versailles wieder vcrurtheilt. Nochmals hat die Gruppe der Dreyfusgegner gesiegt. Auf wie lange? Zolas Abreise von Paris wird die Beendigung des Proceffes aufschieben. In Frankreich haben oft wenige Tage über das Schicksal des Landes entschieden. Bis October oder November werden wahrscheinlich Cavaignac und seine guten militärischen und nationalistischen Freunde in einer ganz anderen Position sein als heute; denn die Nothwendigkeit der Revision des Dreyfusprocesses wird immer augenfälliger. Frankreich wird dem Lichte der Wahrheit die Augen öffnen — trotz allem und jedem. Algier. Eine Reuter-Depesche meldet, dass bei einem gelegentlich des Nationalfestes veranstalteten Fackelzug in vielen jüdischen Kaufläden die Fenster eingefchlagen wurden. Der Mob wurde durch Truppen verjagt, und fünf Personen verwundet. England. London, Im Juli. Die Erziehungs-Conferenz wurde vor wenig Tagen abgehalten. Ihr Zweck war hauptsächlich, an deni Werke der jüdischen Erziehung Interesse 311 erwecken, und das ist ihr einigermaßen gelungen. Tie numerische Entwicklung der jüdischen Schulen Londons ist in den letzten Jahren thatsächlich zum Stillstand gekommen, und nur der neue Rothschild- Flügel an der bereits überfüllten Freischule kann als Zuwachs unseres Schulstandcs in Betracht kommen. Air. Singer ward kaum für die große Mühe, die das Organisieren der Conserenz ihn kostete, belohnt. Es waren zwei deutlich abgegrenzte Gruppen anwesend: Assimilanten und Anti-Assimilanten in einer neuen Gestalt. Ich verrenke nicht gerne eine Idee, um die zionistische Bewegung in Angelegenheiten dieser Art einzuführen. Die Assimilanten bekämpfen die „freiwillige", d. h. die Communal-Religionsschule. Eine noch tiefere Einsicht in die Gedanken- und Gefühlswelt dieser Leute gewann man aber bei folgendem Punkte: Der Vertheidiger des Cheder und des Melammed plaidierte für die Synonymität von „hebräisch" nnd „jüdische Station". Er gab zu (was allgemein zugegeben werden muss), dass das Cheder kein modern ausgestatteter und ventilierter Schulraum ist. Vom Melammed sagte er, er sei zwar mit den wissenschaftlichen Erziehungs-Theorien nicht unbekannt, halte es aber für die Hauptaufgabe der jüdischen Erziehung, dem Kinde die gründliche Kenntnis des Hebräischen nach der besten Methode beizubringen. Dr. Adler sprach gegen diesen Redner und die von ihm vorgebrachten Argumente und setzte sich für die unnütze, überflüffige Elementar-Religionsschule ein — die

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