Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Article
- Der zweite Baseler Congreß
- Date
- 1898-07-22
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 29 Dr. Carl Poznanski, Dr. M. Silber ström, Jsaac Traub, H. Bogelsohn, B. Wachs, I. Wiesel, Dr. S. sWyszewianski, Dr. Schleifer. Ein Wiener Gesinnungsgenosse schlägt vor, es mögen an den dem Congress unmittelbar vorangehenden Tagen, sowie am Tage der Eröffnung des Congreffes von den zionistischen Vereinen überall Versammlungen veranstaltet werden. In diesen Versammlungen soll über den II. Congress referiert und womöglich eine überall gleichlautende Resolutton zur Abstimmung gebracht werden. Von den Versammlungen und Resolutionen wäre das Congressbureau in Basel sofort zu benachrichtigen. Dieser Vorschlag unseres hochgeschätzten Gesinnungsgenossen dürste wahrscheinlich überall lebhaften Anklang finden. A Me 7 :. Wien, 20. Juli 1898. Bei der Truppenschau auf Longchamp tu Paris trug ein Theil des Publicums Kortrblumen im Knopfloch. Es wäre sehr naheliegend gewesen, dass der andere Theil des Publicums die Liebhaber der Kornblumen irgendwie thätlich insultiert hätte. Tenn die blauen Blüten gehören nicht zur ftanzösischen Natton, sie sind ein Volksgut vom jenseittgen Ufer des Rheines. Und zwar ein Volksgut, das allen Germanen sehr ans Herz gewachsen ist. Ein ftanzösisches Knopfloch soll aber keine Fremdenherberge sein. Das alles war dem anderen Theil des Publicums bekannt, und wenn er sich ttotzdem nicht zu Thätlichkeiten Hinreißen ließ, so ist das ein Verdienst der Juden. Sie waren die unsichtbaren Friedensengel bei der Truppenschau aus Longchamp. Die Kornblumen waren nämlich nichts anderes, als ein Symbol der anttsemitischen Gesinnung. Das ändert viel an der Sache. Es ist gewiss kein Zweifel, dass noch immer fest und treu die Wacht, die Wacht am Rhein steht. Es ist auch kein Zweifel, dass die Franzosen noch immer die besagte »Wacht, die Wacht" mit eben so scheelen Augen betrachten wie früher. Aber nun scheint es, als würde Dank den Juden dieses Verhältnis gebeffert. Kornblumen hüben und drüben. In diesem Zeichen kann man sich versöhnen. Romanttsche Naturen träumen von einer blauen Blume, welche die feindlichen Völker dieser Erde endlich vereinen soll. Und es will uns schier bedünken, dass die anttsemittsche Kornblume dieses blaue Blümlein sein wird. So wird einem die Natur verekelt. Man geht vorbei am Fcldesrain, da stehen schöne, dunkelblaue Blumen zwischen schlanken, grünen Halmen, und man geräth in poettsche Verzückung. Auf einmal erinnert man sich, dass diese Blumen eine Sprache sprechen. Kornblumen bedeuten in der Blumensprache: „Nieder mit den Juden!" Und man denkt sich im Geist zur blauen Blume das Knopfloch hinzu, den Rock, die Weste, den ganzen Kerl. — Es ist aber kein ungetrübter Naturgenuss, wenn man an einem thaufrischen Sommermorgen am Feldrain steht und in eine antisemitische Versammlung hineinsieht. * * Er sitzt! Hinter den Gitterstäben von La Sante sitzt Esterhazy und bläst dabei Trübsal. Armer Uhlan! Gestern noch aus stolzen Rossen, es blitzte der Säbel, es flogen die Franzosenköpse nach rechts und links, wie Mohnköpfe, heisa — und heute La Santo. Mein lustiges Uhlanenblut, wie grausam hat man dir mitgespielt! Grausamer als all den andern! dem Sänger gibt man in den Kerker die Harfe mit, damit sie ihm Trost sei in der Einsamkett, dem Buchbinder Kleister, Papier und Pinsel, dem Schneider Nadel und Zwirn, dem Capitain Dreyfus mathematische Werke, und dir gab man nichts mit! Nicht dein treues Ross, nicht den Säbel, nicht die Legion Franzosen. O Bertule, Bertule, gib mir meine Legionen wieder! Ach, es war eine rührende Scene, als man chn verhaftete! Ganz wie in den traurigen Geschichten, die man den lieben Kleinen erzählt; Abends, vor dem Schlafengehen: Und der bleiche Richter mit den finsteren Augen sagte zu dem unschuldigen Mägdlein: »Sie find verhaftet! Sie müffen mit!" Als aber das unschuldige Mägdlein diese schrecklichen Worte hörte und dem Richter ansah, dass es ihm ernst wäre, da fieng es bitterlich an zu weinen. Es sank aus sein rothgepolstertes Stühlchen nieder und schluchzte und schluchzte, dass es einen Stein hätte erbarmen mögen. Der Richter sah aber nur noch finsterer drein und fragte: »Wollen Sie hier vernommen werden, oder ziehen Sie es vor, mir zu folgen?" Da flössen dem armen Mägdlein die Zähren noch viel reichlicher, und es sagte mtt thränenerstickter Stimme: »Nun werde auch ich sprechen!" — — Esterhazy hat geflennt! In der tragischen Kette, die den unglücklichen Juden an das wüste Riff fesselt, sind schon viele lustige Perlen zum Vorschein gekommen. Aber die lustigste haben wir jüngst erblickt. Man sollte sie in Gold fassen, man sollte sie ausheben. Und wenn später einmal irgendwo eine Prinzessin in Schwermuth versinkt, und der verwachsene Hofnarr vergebens die Schellenkappe schüttelt, um die Fürstentochter aufzuheitern, und die Weisen des Landes rathlos dastehen, dann soll man dem schwermüthigen Kinde diese Perle zeigen, aus dass es in Helles Gelächter ausbreche und ftöhlich in die Hände klatsche — ob der Throne des Esterhazy. In Algier hat man das Nattonalfest in feierlicher Weise begangen. Als die Wogen der Begeisterung am höchsten giengen, schlug man den Juden die Fenster ein. Das ist immer so. Die schlagenden Wetter der Straße, die sich über einer tausendköpfigen Menge entwickeln und an die Häuserreihen rechts und links pressen, brauchen ein Sicherhettsventtl zur Entladung. Da hatten die Juden ihre Scheiben hin. Bei allen Nattonalfesten geht es so zu. Der Tourist, der durch eine Stadt wandert und bei den Juden die'Fenster zertrümmert sieht, weiß schon, was vorgegangen ist: — »Aha, da war gewiss wieder einmal »Nattonalfest"!" E. E. He Me jüdische Colouwlbauk. (Mtttheilungen des Bankcomites.) Alle Zuschriften und Anmeldungen sind an Herrn D. Wolffsohn, Köln a. Rh., zu richten. Bis spätestens 5. August ist von allen Sammlern das Verzeichnis der Subscribenten an Herrn D. Wolffsohn einzusenden. Es muss bei jeder Liste genau angegeben werden, wo die zehnpercenttge Anzahlung deponiert ist. Die Vertrauensmänner werden hieran nachdrücklichst erinnert, weil es für die Bankconferenz, die Mitte August stattfindet, unerlässlich nöthig ist, dass das Subscriptionsmaterial geordnet vorliege. Außer den Subscriptionen mit zehnpercenüger Anzahlung, die aus allen Welttheilen kommen, sind in der letzten Woche auch mehrere Posten von 500, 300, 200 Shares aus England, Deutschland und Oesterreich bedingungsweise angemeldet worden. Die Bedingung lautet dahin, dass diese Zeichner es von dem Inhalte des endgittigen Prospectes und von den Persönlichkeiten des Emissions-Consorttums abhängig machen, ob sie ihre Subscriptton aufrechterhalten. Eine vollständige Uebersicht der bisherigen Zeichnungen wird erst möglich sein, wenn alle Subscriptionslisten in Köln sein werden. Die Form, welche für die bisherige Subscription 8