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Die Welt · 1898-07-22 · 29 (22.7.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
29 (22.7.1898)
Article
Frankreich und der politische Fortschritt
Date
1898-07-22
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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SeitelS JPk$WdC Nr. 29 Spitzbuben gäbe, und heute wird er nicht vergessen, dass trotz des Dreyfus-Handels Frankreich noch immer das politisch-fortgeschrittenste Land des Continentes ist. Nur jenseits des Canals dürfte ihm England darin den Rang ablaufen. Umso bezeichnender und lehrreicher, dass selbst dieser Staat sich des Antisemitismus nicht erwehren konnte. „In welchem Lande wäre dieses Schauspiel der Herausforderung aller öffentlichen Gewalten durch einen Romanschreiber als ein Zweikampf zwischen gleichen Mächten noch möglich gewesen? Vielleicht in einem kleinen, von der großen Politik ausgeschlossenen Lande, wie Norwegen, in dem das literarische Leben zu einer unvergleichlichen Dichtigkeit gediehen ist, das bei den europäischen Völkern durch Gesandte des Geistes, wie Ibsen und Björnson, mit beneidenswerter Würde vertreten wird. Aber in Deutschland wäre es nicht möglich gewesen, obgleich es einigen hier so leicht gemacht wird. —- Aber ein bloßer Dichter, ein Romanschreiber? Man hätte ihn hierzulande nicht so ernst genommen." So schrieb Arthur Eloesser in der „Neuen Deutschen Rundschau", und er hat damit den Nagel aus den Kopf getroffen. Jawohl, in Frankreich ist der Schriftsteller immer noch eine Macht, und der Vertreter des Geistes kann, wie in den literarischen Emancipationskämpsen des achtzehnten Jahrhunderts, dem unter neuen Formen immer wieder erstehenden ancien regime der Gewalt noch furchtbar werden. In Deutschland wäre etwas Aehnliches deshalb fast gar nicht möglich, weil hier der alte Polizei- und Bureaukratenstaat noch lange nicht genügend überwunden ist. Noch wird hinter den Couliffen und am grünen Tische regiert, und der eingetrocknete Fachmann beach'et es einfach gar nicht, wenn der Laie etwas dareinzureden versucht. Wohl wächst der Respect und der Hass gegen die öffentliche Meinung, wie die wachsende Zahl der politischen Processe beweist. Aber in diesem Falle hätte sich die öffentliche Meinung kaum sehr aufgeregt. Kaum bei der äußersten Opposition hätte ein deutscher Zola einigen Zuzug gefunden, da der gute Deutsche viel zu sehr von der Sachkenntnis der Richter und Beamten überzeugt gewesen wäre, um sich in einem solchen Falle ein eigenes Uriheil zuzutrauen. Ganz anders in Frankreich. In diesem demokratischen Lande entwickelt sich alles im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit. Der Schriftsteller, dessen Worte machtvoll hinaustönen, ist darum immer eine einflussreiche Persönlichkeit, mit der die Regierung zum mindesten rechnen und die sie manchmal auf Tod und Leben bekämpfen muss. Gewiss, nur die Elite der Nation und darum die Minderheit tritt für Emil Zola ein. Es ist aber fraglich, ob der gewaltige Kämpfer in einem minder demokratischen Lande auch nur eine geschlossene Elite hinter sich gehabt hätte. Dazu gehört doch, dass sich der^Gelehrte, der Kritiker und Dichter nicht vornehm vom öffentlichen Leben abschließe, sich nicht in der Studierstube feige vergrabe. Nur in einem politisch so hochentwickelten und politisch fortgeschrittenen Lande wie Frankreich kann eine und dieselbe Frage zugleich den Boulevardpöbel und die Aristokratie des Geistes in tiefe Erregung setzen und in unzählige Parteien spalten. . Aber diese demokratische Ausdeutung kann noch viel weiter gehen. Gewiss zeigt der Fall Dreyfus den Militarismus im Kampfe gegen die bürgerlichen Gewalten seines Landes, in einem s ch o nungs losen Kampfe auf Tod und Leben. Aber in jedem anderen Staate des europäischen Festlandes würde der General ganz einfach sein Schwert in die Wagschale der Gerechtigkeit werfen, und die Sache wäre erledigt. So einfach wird es in Frankreich nicht gemacht. Der Generalstab fürchtet die Oeffentlichkeit und sucht sie für sich zu gewinnen. Darum hat er das publicistische Lumpengesindel von Paris zu seinem Beistand angeworben, und es gibt viele, welche behaupten, dass ohne die Drumont und Rochefort der Generalstab den Athletenhieben Zolas längst erlegen wäre. Es kämpfen hier eben nicht nur aneien regime und modernes Freiheitsgefühl miteinander, sondern die eine gegen die andere öffentliche Meinung. Auch die Vertreter der schwärzesten Reaction können die modernen Kampfesmittel, Oeffentlichkeit und Presse, nicht mehr entbehren. Bei uns in Deutschland ist es Mode, dass Officiere und hohe Beamte mit banausischer Verachtung auf die Journalisten herabblicken. In Paris fraternisiert der hohe Officier sogar mit dem journalistischen Auswurf. Das ist nicht schön, gewiss nicht, sondern abscheulich. Aber es beweist, wie groß die Macht der Demokratie trotz alledem und alledem in Frankreich noch dasteht. Schon der Kriegsminister Mercier, der beschränkte und perfide Vater des Processes Dreyfus, dachte keineswegs so unbedingt daran, die gesetzlich vorgeschriebene Heimlichkeit des gerichtlichen Verfahrens genau zu beobachten. Die Presse brachte schon, während der Process noch im Gange war, mancherlei Mittheilungen, die nur vom Kriegsministerium stammen konnten. Gewiss, damals handelten die Ankläger noch im guten Glauben, und man braucht diese gesetzwidrigen Mittheilungen an die Presse nicht allzu hart zu beurtheilen. Denn in Frankreich gehört ein Verfahren hinter geschloffenen Thüren einfach zu den Unmöglichkeiten. Die Bureaux der Ministerien stehen seit fast einem Jahrhundert in so inniger Berührung mit der Presse, und wieder die Presse ist so allmächtig, dass ihr kein Minister Affront zu bieten wagt. Wenn die Presse etwas wissen will, so kümmert sie sich gar nicht darum, ob das Gesetz Heimlichkeit des Verfahrens vorschreibt, und die Minister und die Beamten gehorchen ihr. Somit entwickelte sich auch der Process Dreyfus unter theilweiser Oeffentlichkeit. In Deutschland wäre wohl außerdem Urtheilsspruch nicht das Geringste der Presse bekannt geworden, und die Revisionspartei wäre gar nicht in der Lage, an dem Verfahren Kritik zu üben, weil ihr das Material dazu gänzlich fehlte. Wir sehen, Frankreich hat die Errungenschaften seiner Revolution keineswegs so unbedingt preisgegeben, und nur daher konnte die Dreyfus-Frage so große Dimensionen annehmen. Es ist keine Frage, früher oder später wird Dreyfus, der Todte oder der Lebende, rehabilitiert werden, und das wird dann ein Sieg des freien Wortes und eines großen Schriftstellers sein, der nur in einem demokratisch empfindenden Lande einen solchen Erfolg erringen konnte. Man hat also keinen Anlass, die Meinung, dass Frankreich den politischen Fortschritt repräsentiere, so. ohne weiteres aufzugeben. Aber freilich, wenn der Jude in Frage kommt, verlangsamt sich dieser Fortschritt in ganz erstaunlicher Art und um die einleuchtenden Forderungen der Gerechtigkeit und des gesunden Menschenverstandes müssen Kämpfe ausgefochten werden, die fast an die Geistesschlachten großer Reformatoren erinnern, welche unter unsäglichen Qualen eine neue Weltanschauung gebären. Wenn das im fortgeschrittensten Lande Europas möglich ist, wie muss es anderswo erst aussehen? Frankreich ist immer noch das alte Frankreich. Trotzdem gibt es sogar dort einen Fall Dreyfus und eine Judenfrage, und das ist der beste Beweis für die Berechtigung des Zionismus. & Die Uebervölkerungsfrsse im Lande Israel. Von Professor F. Heman. Von den Gegnern des Zionismus ist gegen die Schaffung einer neuen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina auch eingewendet worden, dass dieses Land

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