Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Date
- 1898-07-22
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Es gibt nichts Schöneres als die historische Legende. Dichterische Phantasie und ein großes Thalsachenmaterial finden sich hier zusammen, um sich zu einem neuen Ganzen zu verschmelzen, welches ganz und gar in das dritte Reich hineingehört, in das Gebiet der freien Phantasiegestalten und der auserlesenen, überirdischen Empfindung. Aus solchen Quellen streßt Begeisterung und Hochsinn und eine gewaltige Thatkraft, die die ungeheuersten Hindernisse schließlich überwindet. Aber dieser Rausch kann nur für Stunden wohlthatig sein und uns stärken und führen gegenüber dem Stumpfsinn der Alltäglichkeit. Ueberlassen wir uns permanent diesem Narkoticum, so folgt ein ziemlich gründlicher Katzenjammer, der schwerlich zu den Annehmlichkeiten des menschlichen Daseins gerechnet werden darf. Im Jahre 1870 erlebten die Franzosen einen solchen Katzenjammer, nachdem sie sich Jahrzehnte lang an der veilchenblauen deutschen Legende berauscht und betrunken hatten. Als nämlich Madame de StaLl ihr berühmtes Buch de l'Allemagne schrieb, da sah sie, nach einem witzigen Ausdruck Heines, nicht die deutschen Gefängnisse und nicht die deutschen Spitzbuben — Heine hätte hinzusetzen sollen, auch nicht den deutschen Unterofficier, sondern sie sah nur den Metaphysiker Faust und das unschuldsvolle Gretchen, nur die deutsche Lyrik und Romantik, den rührend unbeholfenen und wunderbar tiefen deutschen Gelehrten und endlich das unirdische und unpolitische Leben der feineren Geister in den deutschen Kleinstaaten. Wie gesagt, an diese Legende glaubten die Franzosen viele Jahrzehnte, und sie waren sprachlos vor Entsetzen, als sie urplötzlich mit deutschen Umerosficieren und Kanonen eine unliebsame Bekanntschaft machten. Seitdem erfanden sie eine neue Legende von Pendulenräubern und Sauerkrautfressern, und jemehr ihr Katzenjammer sich vertiefte, desto ungemüthlicher wurde der Verkehr mit ihnen — Beweis der Jude Dreyfus. Nun aber scheint es, dass auch über manchen früheren Franzofenfreund ein gewaltiger Katzenjammer hereinzubrechen droht. Unzählige Enthusiasten sahen fast ein ganzes Jahrhundert immer nur Voltaire und Rousseau und die Erklärung der Menschenrechte — nicht aber die französischen Gefängnisse und Spitzbuben, nicht die Albigensermorde im Mittelalter, nicht die Bartholomäumsnacht, nicht die Septembermorde und die Schreckenszeit des Convents. Die jungen jüdischen Studenten aus dem europäischen Osten machten einen förmlichen Sport daraus, Frankreich aus Kosten des geschmähten und verlästerten Deutschland in den Himmel zu erheben. Man glaubte allen Ernstes, dass in jenem vollkommenen Lande alle Menschen Brüder wären, und dass ein so mittelalterlicher Atavismus wie der Judenhass unter den Strahlen dieser gleichmachenden Sonne niemals emporwuchern könnte. Die Enttäuschung ist daher furchtbar und kommt einem völligen Zusammenbruche gleich. Auch sind schon allerlei geschäftige Legendenmacher am Werk, welche uns vorerzählen wollen, dass das französische Volk von heute mit dem Volke aus dem Zeitalter der Revolution nicht das Geringste gemeinsam habe. Und damit gut. Die Dreyfus-Asiaire ist erklärt, und der gute Mann, dessen Causalitätsbedürsnis auf so leichte Weise befriedigt wird, kann schlafen gehen, braucht sich über diese böse Sache nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Der Zionist hat aber noch eine ganz besondere Veranlassung, diese seichten Erklärungen, die ohnehin dem Denkenden nicht genügen, schroff von der Hand zu weisen. Die Assimilationsjuden haben bekanntlich auch ihre Legende, nach welcher der Antisemitismus nichts weiter sein soll, als eine Krankheit, die so unerwartet vorübergehen wird, wie sie unerwartet gekommen ist. Unerwartet, unverhofft und unerklärbar ist nunmehr auch das alte Frankreich der liberalen Legende dahingeschwunden — ebenso unerwartet kann es wiederkehren und dem Antisemitismus ein Ende mit Schrecken bereiten. Man sieht, die Affimilanten wissen sich zu Helsen. Eben noch hielten sie Frankreich für immun und hatten für alle, die einen Einbruch des Antisemitismus auch dort erwarteten, nur ein überlegenes Lächeln. Sowie aber die Thatsachen diesem optimistischen Glauben in furchtbarer Weise ein Schnippchen schlugen, da sind die Herren gleich mit ihrem alten Trostmittelchen bei der Hand: Krankheit, das geht vorüber! Darum, nur darum hat sich der Geist des alten Frankreich für eine Weile schlafen gelegt — aber er wird erwachen, und wie weggeblasen ist dann der Judenhass. . . Wer glaubt's? Der Zionist glaubt gewiss nicht daran, und darum betrachtet er mit Misstrauen die Legenden vom alten und vom neuen Frankreich. Schon lange vor Dreyfus wusste er, dass es jenseits der Vogesen auch Gefängnisse und