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Die Welt · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-07-15
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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Seite 16 Skr. 28 Die c£oUii'4iÜb&. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (10. Fortsetzung.) David erinnerte sich noch genau des Tages, an dem er mit Raphael in Wien eingetroffen, und mit dem das Leben der Großstadt bestaunenden Gefährten durch die Straßen geirrt war, um ein wohlfeiles Quartier ausfindig zu machen. Schließlich waren sie bei der Witwe Sanftmuth gelandet, die ihnen ein „Cabinet" — es war dasselbe in dem Karl Raphael jetzt lag — gegen geringes Entgelt überließ. Wahrlich — diese Wohnung war nicht zu groß für zwei Menschen gewesen! Um Raum zu ersparen, hatten sich die beiden Jüglinge in das schmale Bett und enge Waschbecken brüderlich getheilt., Der Kleiverschrank freilich war für ihre Habseligkeiten noch immer geräumig genug. Die beiden Goldschilds vollbrachten im Laufe der ersten Wochen des gemeinsamen Haushaltes Wunder der Sparsamkeit und Selbstkasteiung. Allein das launische Glück ließ sich durch so viel guten Willen erweichen. Unerwartet rasch gelang es, für Raphael eine einträgliche Stelle in einem Tuchgeschäfte zu finden, und im Gegensätze zu Salomon Spazierer fand der neue Chef so großes Wohlgefallen an seinem Gehilfen, dass er ihm bereits nach Ablauf eines Jahres den Buchhalterposten anvertraute. Fast gleichzeitig erwart David den Doctorgrad. Diese Wendung in ihrem Leben bedeutete den Miethcontract des großen anstoßenden Zimmers. Hier sollte der junge Arzt seine Ordinationen ertheilen. Als wäre es erst gestern gewesen, sah David noch Raphaels vor Freude und Stolz leuchtendes Gesicht vor sich, als er ihm den Besuch seines ersten Patienten anmeldete. Es war ein Schankbursche aus einem nahen Gasthause gewesen, dem ein rollendes Bierfässchen den Finger gequetscht! Die Wunde war unbedeutend. Aber nie ist ein Kranker eingehender behandelt worden, als jener Mann! Nachdem David die Medicin an den Nagel gehängt und dafür die spitze Feder des Publicisten ergriffen hatte, war, wenn auch nicht der Reichthum, so doch der Wohlstand in das Haus gezogen. Auch dieser Abschnitt wurde durch eine neuerliche Erweiterung der Wohnräume gekennzeichnet. Frau Sanftmuth musste dem Miether des dritten Zimmerchens kündigen, und somit waren die beiden Goldschilds die Alleinherrscher des ganzen Hoftractes. Aller Einzelnheiten dieses bescheidenen, aber ehrlich durch - kämpften Eroberungskrieges gedachte der Redacteur, als er so am Lager des Kameraden sorgsame Wache hielt. Das geräuschvolle Eintreten der Frau Sanftmuth weckte ihn aus seinen wachen Träumen und den Kranken aus dem Halbschlummer. Sie stellte das Fläschchen mit der Medicin auf das Nachttischchen und fragte gutmüthig, ihr graues Umschlagtuch ablegend: „Nun, Herr Karl-Raphael, wie geht's denn jetzt? Haben S' noch immer rechte Schmerzen? Wie das nur kommen mag, Herr Doctor? Es muss halt doch im Wasser liegen! Der Apotheker sagt, dass jetzt gar so viele Typhusfälle im Bezirk sind!" II. Buch. Vergebens versuchte David die redselige Frau zu unterbrechen. Das böse Wort war nun einmal ausgesprochen und vom Kranken vernommen worden. Kaum dass die Wirtin das Zimmer verlaffen, so fieng dieser bereits an, vom Tode zu sprechen und die heiligen Sacramente zu verlangen. Alle Einwände Davids wies er lächelnd von sich. „Glaubst Du etwa, dass ich mich vor dem Tode fürchte?" ftagte er sanft. „Wie könnte das sein? Ich bin in den Willen des Herrn ergeben. Nur für das Heil meiner Seele will ich nichts versäumen." Bor einem so unerschütterlichen Glauben musste der Doctor die Waffen strecken. Er versprach am nächsten Morgen um den Geistlichen zu senden. Dann stand er auf und trug die Lampe in das Nebenzimmer, um die Augen des Kranken zu schonen. Als er ihm eine Stunde später einen Löffel Medicin reichen wollte, hatte das Fieber bereits einen so hohen Grad erreicht, dass der Leidende irre sprach. Würde er noch einmal aus diesen Phantasien erwachen? Oder würde vielleicht der missachtete Körper die hochgehaltene Seele gar nicht mehr zum Bewusstsein gelangen lassen? Dr. David stand lange schweigend vor dem Lager. Er dachte weder an Gott noch an die Unsterblichkeit. Da lag ein Mensch, den er liebte, und der sterben sollte. Die ganze Zähigkeit und Energie, die die jüdischen Aerzte seit altersher ausgezeichnet hat, erfasste ihn. Er presste die Zähne zusammen und strengte sein Gehirn an. Nicht bittend wie ein demüthiges Geschöpf, sondern befehlend wie ein mächtiger, willensstarker Schöpfer, beherrschte ihn der eine leidenschaftliche Gedanke: „Du — der Du da vor mir in Schmerzen liegst — Du sollst nicht sterben!" m. Wie Dr. Goldschilds Diagnose gelautet, entpuppte sich Karl-Raphaels Erkrankung als ein schweres Nervensieber. Der Keim mochte vielleicht schon lange in ihm gesteckt haben. Die langanhaltende geistige Erregung, die seinem Uebertritte zum christlichen Glauben vorangieng, die durchwachten Nächte, in denen die letzten, quälenden Zweifel niedergeschlagen werden mussten, hätten auch einen gesünderen Organismus als den des jungen Schwärmers auf die Dauer erschöpft. Die erste Woche wich David nicht von Raphaels Lager. Er ließ sich die dringensten redactionellen Arbeiten nach Hause tragen und erledigte sie in einer Ecke des verdunkelten Krankenzimmers. Erst als der zu Rathe gezogene ärztliche College die Hoffnung, der Vetter werde dem Leben erhalten bleiben, außer Zweifel zog, stellte sich der Redacteur wieder im Heime des „Freien Blattes" ein. Aber auch dann noch gewann er nicht die zu ersprießlicher Arbeit nöthige Ruhe. Oft sprang er plötzlich, von quälender Sorge jäh erfasst auf, ließ seine Manuscripte in Stich, eilte auf die Straße und befahl dem nächstbesten Mietwagen, ihn;fo rasch als möglich in die Alserstraße zu führen. Bei einem dieser unerwarteten Besuche sollte er eine seltsame Ueberraschung erfahren. Ein großes, ihm völlig ftemdes Mädchen öffnete an Stelle der Hausftau die Thüre. Das war nun freilich an und für sich nichts so Wunderbares. Frau Sanftmuth erhielt öfters Besuche, die sich nicht scheuten, ihr im Hauswesen an die Hand zu gehen. Mit kurzem Gruße wollte daher David an der Fremden vorüber und in das Krankenzimmer eilen. Aber ein unvorhergesehenes Hindernis stellte sich ihm entgegen. Die Unbekannte erklärte ihm unt größter Ruhe, dass er feine Wohnung nicht betreten dürfe. Das war dem nervösen Doctor nun doch etwas viel zugemuthet. Wer denn die Fremde sei und was sie sich herausnehme? (Fortsetzung folgt.) _&_ Herausgeber: P. Nasch auer. Berautw. Red.: Dr. Siegln. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII . Schlöffelg.^1

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