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Die Welt · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Article
Wandertage
Date
1898-07-15
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 28 J>k2$WdC Seitens und alles vereinen, was im Judenthume charakterfest geblieben Wir Zionisten sind nicht undankbar, wir wissen, was den ist und Kraft behalten hat. Großes zu erringen. Das kleine Juden im in er wieder zum Deutschen hinzieht: seine Luft an Blatt in der Judengaffe, gegenüber dem Hause der Rothschilds,^der deutschen Speculation und seine Rechtlichkeit. Wir Inden unter der Emailtafel mit der Aufschrift „Börnegasse", — esMhaben vom deutschen Stamme viel Unbill erlitten, aber gelernt wird das Geld und den Geist der Assimilation überdauern. München. Der Besitzer eines der größten Geschäfte führt mich durch die ausgedehnten Räumlichkeiten seines Hauses. Er verweist mit Stolz aus die Zahl der Arbeiter und Angestellten und auf die große Liste seiner Kunden, die im ganzen Deutschen Reiche zu finden sind in allen Kreisen bei allen — Confessionen. Er lächelt über unsere Ideen, er hat sein eigenes Zion, sein eigenes Palästina, sein von ihm hochgebrachtes Geschäft. Mit Recht, meinte er, hat die Judengemeinde die Bewilligung zur Abhaltung eines Zionistencongrefses in München nicht gerne gesehen. „In keiner Stadt der Welt," sagte er, fühlt sich der Jude behaglicher als in München, und nirgends ist die christliche Einwohnerzahl dem Antisemitismus weniger geneigt und unzugänglich als in München!" Und fünf Tage später wurde in einer großen Frauenversammlung Münchens beschlossen, einen christlichen Frauenbund zu gründen, dessen Hauptmaxime, gleich dem desWiener Frauenvereines, lautet: „Kauft nichts bei Juden!" In einer Zeitungsrcvactiou. In der Redaction einer der ersten Zeitungen Deutschlands. — Der Redacteur ist ein Wiener, er verließ diese Stadt vor etwa zehn Jahren, als die Sumpfpflanze des Antisemitismus einem harmlosen Lattichblatte glich. Die Führer unserer Bewegung waren ihm bekannt, d. h. er kannte einen und den anderen als jungen Mann, der sich hie und da lustig, ja sogar leichtfertig geberdete, und so konnte er es gar nicht glauben, dass der Ernst der Zeit das aus ihnen geformt habe, was sie jetzt der Welt erscheinen. Aus den klugen Augen des Mannes blitzte ein heimliches Lächeln, aber aus dem unregelmäßigen, geistvollen Gesichte sprach ein immer wärmerer Zug von innerer Theilnahme. Eine halbe Stunde ernsten eindringlichen Gespräches, ein wenig von dem Feuer und der redlichen Kraft, die unsere Bewegung kennzeichnen, hatten genügt, um dem Zweifler klarzumachen, dass wir keine zufällig zusammengeflogenene Gesellschaft phantastischer Naturen sind, sondern Männer, die nach klarer Beurtheilung der Vergangenheit durch energische Fortbildung die Zukunft gestalten wollen. Er hatte vernommen, dass der Zionistcncongress nicht in Basel, sondern in dieser Stadt Deutschlands stattfinden werde und er ließ Dr. Theodor Herzl melden, er solle dort herzlich willkommen sein. Das waren seine letzten Worte in diesem Disput. Inzwischen wurde beschlossen, wieder in Basel zusammenzutreffen und der Gruß geht mit herzlichem Danke zurück. Wenn auch nicht jeder an die Ausführbarkeit unserer Pläne glaubt, es genügt, wenn man ohne feindselige Gesinnung und ohne Misstrauen wartet, bis die Thatsachen uns Recht gegeben haben werden. Das ist es, was wir von den großen Zeitungen erwarten, und dass sie ohne Groll von uns erzählen — von uns den Fanatikern — der Oeffentlichkeit. Bo« Bresla» nach Berlin. Nur selten findet sich in der Massenbewegung des modernen Eisenbahnverkehres ein interessanter Fahrtgenosse, so dass man es endlich nach vielen Enttäuschungen vorzieht, die längste Reise geschloffenen Mundes zurückzulegen. Heute aber will mir der Zufall wohl. Auf dem Bahnhofe in Breslau tritt ein Herr in unser Coupe, deffen Aeußeres schon eine Annäherung begehrenswert macht. Hoch gewachsen, breit gebaut, ein fleischiges, wohlgefärbtes Gesicht voll blonder Barthaare, im Gesichtsausdruck Verstand und Ernst. Der ganze Mann ein Symbol deutscher Kraft und deutscher Wahrhaftigkeit. haben wir auch viel von ihm, und nur Gutes. Der neue Weggenosse, der Sohn eines hervorragenden Mannes und selbst in ganz bedeutender öffentlicher Stellung, erklärt sich den Juden gegenüber für unbefangen. „Ich lebe", so meinte er, „wie unser Herr und Kaiser im Gedankengange des gläubigen Christen und kenne daher gegen die Juden im allgemeinen keinen Hass. Ich bin sogar fest überzeugt, dass der Jude ebenso wie wir die Erlösung im Christenthum finden kann. In meinem Hause verkehren gar viele Herren, von denen ich nicht genau weiß, ob sie einer christlichen Kirche angehören, die aber in ihrem Wesen und Handeln vollkommen christlich sind. Und auch im Ministerium sitzen viele Herren neben mir. von denen ich bestimmt weiß, dass ihre Eltern dem Judenthume angehörten. Wenn unser Kaiser die christliche Gesinnung so oft betont, so soll das absolut kein Gegensatz zum jüdischen Bekenntnis sein, denn der Jude, der unsere Moral, unsere Denkweise annimmt und sich christlich benimmt, ist uns ganz willkommen. Wir verstehen auch den rüden, österreichischen Antisemitismus nicht, aber ich glaube das kommt daher, dass wir in Deutschland seit jeher vieles eingeführt haben, was die Christen in Oesterreich erst durchführen wollen. Sehen Sie bei uns" — er zog bei diesen Worten über den Tisch im Restaurationswagen einen Strich — „ist eine große Mauer zwischen jüdischer und christlicher Gesellschaft aufgerichtet. Es fällt keinem Juden ein, sich darüber zn beschweren, er muckst auch nicht darüber, dass kein Jude in die Staatsanwaltschaft kommt, keiner Officier werden kann. Das ist bei uns so eingesührt und daran ist nichts zu ändern. In die Verwaltung kommt erst recht keiner. Ich halte das auch für ganz richtig. Warum sollen die Kinder von Leuten, die für den Staat nichts gethan haben, dieselben Rechte besitzen wie wir, deren Vorfahren stets dem Staate gedient haben?" Darauf hielt ich ihm entgegen: „Meinen Sie nicht, dass diese hohe Mauer zwischen jüdischer und christlicher Gesellschaft zur Folge haben wird, dass auf der einen Seite nur Handel getrieben wird, die Fähigkeit, sich zu bereichern, zur höchsten Ausbildung gelangt, und infolgedessen nach und nach der ganze Besitz von der einen Seite unter der Wand durchsickeri und auf der anderen Seite sich staut?" „Das ist möglich", meinte er, „aber wir kommen darüber hinweg mit unserer Verachtung des Besitzes, der durch den Handel erworben ist". Nun erlaubte ich mir auf die Stellung des Fahrtgenoffen, die ein wichtiges Gebiet der Volkswirtschaft in einem Ministerium beherrscht, anzuspieleu. „Ich glaube aber nicht", erwiderte ich, „dass die Nationalökonomie sich durch rein persönliche Achtung oder Verachtung in ihren Gesetzen behindern lässt. Und wenn die christliche Gesellschaft, die Sie als die staatserhaltende betrachten, im Gegensatz zur jüdischen, die niemals in das Staatsgefüge eingreifen darf, immer nlehr verarmen sollte, so wissen Sie doch, dass die anderen den ganzen Besitz und somit auch die ganze Gewalt des Staates darstellen würde. Sehen Sie darin nicht eine Gefahr für den Staat?" Mein Begleiter schwieg eine Weile, dann erwiderte er ernst und besonnen: „Wenn es einmal so weit sein wird, dann werden wir schon Mittel finden, diese Reichthümer, so wie im Mittelalter, auf gehörige Werse zu schröpfen. Wir werden cs nicht so hart treiben, sondern unserer civilisierten Empfindung entsprechend, aber geschehen wird es, darauf können Sie sich verlassen!" — — Als wir uns in Berlin trennten und er mir in außerordentlicher Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit die Hand drückte, da war ich überzeugt, dass ich mich darauf verlassen könne. Sk

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