Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 28 (15.7.1898)
- Article
- Turin
- Date
- 1898-07-15
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 j/ioC&Wdc y*T 28 Turin. Anlässlich einer längeren Debatte über den Zionismus, die jüngst im Hause des berühmten Gelehrten Eesare L o m b r o s o stattfand, sprach sich die Familie desselben über die zionistische Bewegung in der sympathischesten Weise aus. Lomb r o s o selbst betonte die hohe Bedeutung, welche das Ideal von der Freiheit und Autoemancipation eines so hochbegabten Volkes, wie es das jüdische sei, nicht nur für dieses selbst sondern auch für die anderen Völker besitze. Livorno. Dank der eifrigen Unterstützung des Herrn Professors Gulielmo L a t t e s konnte Herr M. B a r u ch in einem der großen Bethäuser Livornos einen Vortrag über Zionismus halten. Der Tempel war vom Publicum sehr stark besucht. Unter großem Beifall entwickelte der Redner das zionistische Programm. Es ist zu hoffen, dass das Interesse der Juden Livornos für den Zionismus nicht leicht erkalten wird. London. Das von der Londoner Zionisten-Eonferenz eingesetzte Gönnte hat jetzt seinen Bericht ausgegeben. Derselbe enthält ein Schema der Bestimmungen, nach welchen die von der Conferenz beschlossene Föderation zu leiten sein wird. Dieses Schema ist in neun Eomitesitzungen (Mr. B ent wich als Vorsitzender, Mr. L. I. Greenberg als Ehrensecretär) ausgearbeitet worden und besteht aus 20 Punkten. Der erste schlägt als Namen der Vereinigung vor: „The English Zionist federntion". (Jewish Chronicle). Ein Brief an Dr. Maybanm Wir erhalten aus Breslau eine Mittheilung, die das Vorgehen der Protestrabbiner und insbesondere des Dr. Mayb a u m in sehr eigenthümlichem Lichte erscheinen lässt. Herr Rabbiner Dr. Rosenthal zu Breslau hatte kurz vor der letzten deutschen Rabbinerversammlung an Herrn Dr. Maybaum, als den Vorsitzenden des Rabbinerverbandes, ein Schreiben gerichtet, in dem er sein Fernbleiben von der Versammlung entschuldigte, gleichzeitig aber Herrn Dr Maybaum mittheilte, dass er dem Zionismus äußerst sympathisch gegenübersteht und nicht versteht, wie man in ihm einen Widerspruch gegen das Religionsgesetz oder gar eine Gefahr für die jüdische Lehre erblicken könne, und ihn bat, von diesem Schreiben der Versammlung Kenntnis zu geben. Herr Dr. Maybaum hat dies Schreiben zwar erhalten, es zedocy vorgezogen, dasselbe der Versammlung vorzuenthalten. Nicht einmal die Mitglieder des Vorstandes haben von dem Eingang des Schreibens Kenntnis erhalten. Ein Eommentar dürfte überflüssig sein. M Comspiudtuzell. Oesterreich-Ungarn. Wien, 9. Juli. Die Wiener Cultusgemeinde steht jetzt im Zeichen des Sports. Zwischen fünf Bewerbern findet jetzt allwöchentlich am Samstag im Seitenstettentempel ein Wettrennen um einen Rabbinerposten statt. Anstatt — wie es seit uralter Zeit in Israel Sitte war — einem erprobten, tüchtigen und charaktervollen Manne dieses Ehrenamt durch eine directe Berufung zu übertragen, stellt die erste Cultusgemeinde Oesterreichs die Candidaten auf die „Probe." Diese müssen sich vor Allem in der bestimmten Rennbahn gewisser Gedanken bewegen und keiner darf es wagen, durch irgend eine Entgleisung in das Reich der Originalität den tiefen Gedankenschlaf der Zuhörer zu stören. So kommt es eben, dass sich die Rabbiner neuen Bewegungen in Israel feindlich gegenüberstellen und dass sich die einmal von einem kopflosen Nachäffer des Christenthums anfgenommenen Ideen, wie z. B. die einer „Mission" oder eines „Weltbürgerthums" im Judenthum festgebürgert haben. Jeder Bewerber nun, dem es gelingt, eine solche Predigt bei gottgefälliger „Ruhe" seiner Zuhörer schön vorzutragen, hat Anrecht auf diese Stelle. Da sich aber zumeist alle Candidaten auf dieses hohe Niveau der Sprechkunst gleich emporzuschwingen vermögen, und ein sachliches Unterscheiden unmöglich ist, pflegt die Person des entsprechenden Protectors maßgebend zu sein. Sportsmen wiffen es ja, wie es auch auf die Güte des „Fahrers" ankommt. Der Candidat mit dem besten Fahrer ist dann „todtsicher" und erreicht sicher das Ziel, die Anderen sicher todt und werden wegen „unreiner Gangart" disqualificiert. Der „Siegel wird durch eine jährliche Prämie ausgezeichnet und hat dann das Recht, gegen Israels Leben und Hoffnung auf die Zukunft zu protestieren, alle auf Zion bezüglichen Stellen aus dem Gebetbuche erbarmungslos und ohne Berufung zu streichen, dafür ihm aber eine „Leidensmiffion" von Gottes und Predigers Gnaden zu fchenken. Einst war es eben anders. Dafür war aber auch der Rabbiner der Brennpunkt, in dem sich die Licht- und Wärmestrahlen der Volksseele vereinigten, einer der größten und edelsten Söhne seines Volkes; heute aber, da es bei der „Probe" nur auf die Form und das Aeußere ankommt, sinkt er zu einem Sprechkünstler herab, heute erziehen wir dadurch lauter Maybaums. Israel! Deine Güter sind im „Spiel", Deine Ehren werden auf „Rennen" vertheilt. Nächster Renntag am 16. ds. Beginn Vs 10 Uhr. Sportfreunde willkommen. Sitzplätze beim Renncomite zu erhalten. Haruri. Krakau. Der Aufruf, den die jüdischen Abgeordneten des Polenclubs gemeinsam mit dem hiesigen und Lemberger Cultus-Präsidium erlassen haben, und die Beschlüffe der vor einigen Tagen äbgehaltenen Conferenz werfen ein so grelles Licht auf die galizischen Judenverhältnisse, dass sie an dieser Stelle registriert werden sollten. Leute, die zu gar keinem materiellen Opfer, sei es an Geld oder an Zeit, bereit sind, die jeden politischen Muthes entbehren und sich in den Stunden der Gefahr feige verstecken, haben die Kühnheit, jetzt Aufrufe zu erlassen, zu conferieren, von Hebung des ethischen Sinnes bei der jüdischen Bevölkerung zu sprechen. In einem Aufrufe, den diese Herren erließen, und für den sie vergebens auch christliche Unterschriften suchten, betonen sie pur et simple, dass von diesem Gelde die „unschuldigen Familien der irregeleiteten Excedenten" unterstützt werden sollen. Auf diese Weise sollen daher die Excedenten, für die der Landesausschuss ohnedies eine großangelegte Rettungsaction unternimmt, noch einmal von jüdischem Gelde unter Zurücksetzung der zugrunde gerichteten Juden Unterstützungen erhalten. Auf der Conferenz beschlossen sie weiters, um nur keinen Anschein von übertriebenem „Philosemitismus " zu erwecken, nur diejenigen Juden zu unterstützen, die auf jeden Schadenersatzanspruch gegen die oft sehr wohlhabenden Plünderer verzichten. So wollen diese Leute mit den von den Spendern hergegebenen Geldern wirtschaften, damit ihnen nur die Carriere nicht verdorben wird. Charakteristisch für den Ernst dieser Leute ist aber folgender Umstand: Die eingangs genannten Herren haben als Vertreter für Jas J o den Advocaten Dr. Steinhaus zugezogen, einen Mann, der sich um die Excesse und um die Beschädigten gar nicht gekümmert hat. Hingegen ist es überall bekannt, welch große Verdienste sich der erst unlängst nach Jasio gekommene Advocat Dr. Kornhäuser um die dortige jüdische Bevölkerung in den Stunden der großen Gefahr und Nvth erworben hat. Er war wiederholt während der Excesse in Kolaczyce, er hat die jüdischen Abgeordneten mit Briefen und Telegrammen bestürmt und ihre Action im Polenclub gefordert, er hat beim Statthalter gegen den Bezirkshauptmann Beschwerde geführt, er hat tagelang mit den Beschädigten Protokolle über den Thatbestand ausgenommen und die Anzeigen an die Staatsanwaltschaft ohne jedeVergütungverfasst. Man muss es nur selbst gesehen haben, wie sich alle Beschädigten aus der Umgebung Jastos den ganzen Tag hindurch in die Kanzlei Dr. K o r n h ä u s e r s am Ringplatz gedrängt haben und wie er ihnen unverdrossen mit Rath und That beistand. Das „Hilfscomite" nimmt sich aber als Rathgeber den Dr. Steinhaus, der kühl bis an das Herz hinan den Ereigniffen gegenüberstand und der dem Dr. Kornhäuser wegen seiner Beschwerde gegen den Bezirkshauptmann den Vorwurf machte, dass er die „Solidarität" der Advocaten gebrochen habe. Und damit hat sich das „Comite" selbst am besten gezeichnet. Frankreich. Paris. Bei der letzten Sitzung der Jewish Colonisation Society in Paris wurde ein Wiener Einladungsschreiben zur bevorstehenden Conferenz zur Verlesung gebracht. M. Zadoc Kahn befürwortete dringend die Annahme der Einladung. Seine Rede rief große Aufregung hervor und bewirkte eine heftige Discussion. J. W.