Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 28 (15.7.1898)
- Article
- Unsere Schulkinder
- Date
- 1898-07-15
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr 38 Seile 9 gehen dabei von der pädagogisch bewährten Voraussetzung aus. dass das Verständnis einer Disciplin Liebe und Sympathie zu derselben einzuflößen vermag. Und das ist unter den obwaltenden Umständen eine Conditio sine qua non für den hebräischen Unterricht. Der pädagogische Grundsatz, dass Geist und Gemüth nur dann veredelt werden können, wenn die Kräfte von Schule und Haus Zusammenwirken und sich zu einer Gesammtresultierenden vereinigen, wird in puncto Hebraieis nicht beachtet. Denn im Hause gilt für das Hebräische der Satz: Noli me tangere. Und deshalb muss die Schule nach Mitteln suchen, die die Sympathie des Schülers in dem Grade zu erwecken vermögen, dass dadurch der Mangel an einer günstigen Beeinflußung im Hause ausgewogen wird. Wie die Schulerfolge eigentlich beschaffen sind, zeigen die von mir gesammelten Daten. Zwar ist das Facit, das sich aus denselben ziehen lässt, kein ungünstiges; im Gegentheil, es ist allzugut. Aber eben diese ausfallend günstigen Resultate machen stutzig und zeigen das Missverhältnis zwischen den thatsächlichen Leistungen der Schüler und der Bewertung durch die Noten. Man sollte meinen, dass es Pflicht der Cultusgemeinde als competenter Behörde in Religionsangelegenheiten sei, ei« statistisches Programm über die Verhältniffe beim Religionsunterricht in Druck erscheinen zu lasten, damit jedermann ein klares Bild von den Fortschritten der Schüler in dieser Disciplin bekomme. Dieser Meinung ist aber die Cultusgemeinde nicht. Solche statistische Tabellen ruhen wohlverwahrt, dem öffentlichen Auge entrückt, im Bureau der Cultusgemeinde, die wohl aus mancherlei Gründen sich scheuen wird, solche Testa dem Publicum zugänglich zu machen. Doch ist es gut, endlich einmal den Schleier von diesem Geheimnis zu lüften, um die Verhältnisse so sehen zu können, wie sie thatsächlich beschaffen sind. Die hier folgenden Daten beziehen sich aus die Schuljahre 1894/5, 1895/6, 1896/7. Im Jahre 1894/5 betrug die Anzahl der jüdischen Mittelschüler, die Religiousunterricht genosten, 2059. Davon erhielten 289 (l4'030/0) die Note „vorzüglich", 425 (20-64%) „lobenswert", 621 (30'16%) „befriedigend" 690(33-51%) „genügend" und 34 (1*66%) „nicht genügend". Aus diesen Daten ist ersichtlich, dass die Note „nicht genügend" aus Hebräisch bei weitem nicht diesen Percentsatz der Gesammtschülerzahl erreicht, wie aus anderen Unterrichtsgegenständen. Wie einem jeden, der mit den Schulverhältnisten vertraut ist, bekannt, schwankt der Percentanthcil der nicht fortschreitenden Schüler zwischen 12 bis 15 Percent, während im Hebräischen das Verhältnis (1'66°/°) ein viel günstigeres ist. Daraus ist nicht etwa der Schluss zu ziehen, dass die Leistungen im Hebräischen thatsächlich so günstige sind. Wie mir einer der Herren Religions-Jnspectoren sagte, lässt man bei der Classificierung große Nachsicht walten. Wollte man nach Recht und Billigkeit verfahren, so würden auch Schüler mit sonst guten Leistungen in eine höhere Classe nicht aufsteigen können. Dass Lehrer so geringen Wert aus ihren Unterrichtsgegenstand legen, dass sie nicht in ihrer eigenen Disciplin den Maßstab suchen, sondern die Leistungen der Schüler nach dem Fortschreiten in anderen Lehrgegenständen bemesten, kann nur darauf zurückzusühren sein, dass sie selber von ihrer Lehrmethode keine große Meinung haben. Denn eine solche Laxheit käme sonst einer pädagogischen Pflichtvergeffenheit gleich. Wie sollen nun unter solchen Umständen Eltern und Schüler einem derartigen Uuterrichtsmodus Sympathie entgegenbringen? In der That lesen wir auch in diesem Jahresbericht oft die Bemerkung: „Eltern und Schüler legen geringes Gewicht aus den Gegenstand." Nicht viel günstiger lautet der Bericht über das Schuljahr 1895/6. In diesem Jahre war die Gesammtzahl der Schüler 1525. Aus 212 (13-91°/°) entfiel die Note „vorzüglich", auf 363 (21-81%) die Note „lobenswert", 504 (33-05°/°) erhielten die Note „befriedigend", 432 (28'32°/°), „gegügend", 14 (0'91°/°) „nicht genügend", also nicht einmal 1°/„. Bemerkenswerr ist, dass von den 15 Lehrern, die Religionsunterricht ertheilten, constant dieselben 3 bis 4 in den genannten zwei Schuljahren „nicht genügend" notificierten, während die Schüler der übrigen 11 bis 12 Lehrer weder im ersten noch im zweiten eine nicht genügende Leistung aufzuweisen haben. Und dieselbe Erscheinung tritt auch im 3. Schuljahre zutage. Dem Berichte über das Schuljahr 1896/7 sind folgende Daten zu entnehmen. Aus 325 (13-22°/°) von den 2460 Schülern entfiel die Note „vorzüglich", aus 492 (20%) die Note „lobenswert", 765 (31-09%) wurden mit „befriedigend" classificiert, 840 (34'15%) mit „genügend", 38 (1'54%) mit „nicht genügend". In dem Berichte über das Jahr 1894/5, der zum Drucke bestimmt war (ob er thatsächlich in Druck erschien, ist mir nicht bekannt), heißt es: „Durch die im Geiste der neuen Didaktik erfasste Instruction zur Ertheilung des Religionsunterrichtes (der hebräische Bibelunterricht war damals wieder eingeführt worden) wird der Gedanke, dass die heilige hebräische Sprache zum richtigen Verständnis und zur Erfassung des Geistes unserer Religion ein nothwendiges Förderungsmittel sei, gewiss in allen Kreisen, welche noch Herz und Sinn für unser theueres Glaubensgut bewahren, lebhaften Anklang finden." Ja, Zweck der Erziehung ist es nicht nur, die schon angeregten Kräfte weiter zu fördern; ihre Ausgabe ist eine bedeutend größere: das kindliche Gemüth für ersprießliche Lehren erst empfänglich zu machen. Wie ist nun die neue Instruction ihrer Aufgabe gerecht geworden? Wäre ihr Misserfolg nicht eine offenkundige Thatsache, so könnte eine Bemerkung in dem genannten Jahresberichte lautend: „Die Wiedereinführung des hebräischen Lehrstoffes in die Mittelschulen erweist sich als belebendes Mittel zur religiösen Erziehung der studierenden Jugend", glauben machen, dass die neue Unterrichtsmethode thatsächlich ein pädagogischer Fortschritt sei. Wie die Dinge aber thatsächlich stehen, illustrieren die Bemerkungen zweier Religionslehrer. Dem Jahresberichte über das Piaristenaymnasium ist die Glosse hinzugefügt: „Im Obergymnasium musste ab und zu mit dem Lesen-Lehren begonnen werden.-' Und dem Berichte über das Staatsgymnasium in der Amerlinggasse (VI.) entnehmen wir die das Nationalgefühl leider sehr verletzende, uns aber nicht ftappierende Bemerkung : „Im Obergymnasium haben nur sehr wenige Liebe und Empfänglichkeit für den Gegenstand gezeigt, und nur einer leistetete Vorzügliches und das ist - - ein Proselyt, der erst in diesem Jahre hebräisch zu lernen angefangen." Was folgt aus alledem? Dass man mit einem pädagogischen Mittel, das den Zweck nicht erfüllt, aufräumen muss. Weder das religiöse noch das nationale Gefühl wird durch eine solche Unterrichtsart gefördert. Großstadtkindern durch bloße Worte religiöse Gefühle einimpfen zu wollen, während gleichzeitig Haus und Gesellschaftsmilieu sich gleichgiltig gegen religiöse Formen zeigen, heißt, das Danaidenfass füllen wollen. Ist es den maßgebenden Persönlichkeiten thatsächlich um die Anfachung und Stärkung religiösen Empfindens zu thun, so wüsten sie auf einem anderen Wege zu diesem Ziele zu gelangen trachten. Schon im kindlichen Jntellect steigen Zweifel gegen religiöse Satzungen und Dogmen auf, die er oft deshalb lächerlich findet, weil er nie plausible Erklärungsgründe gehört hat. Dem Geiste des Knaben kann in Religion nicht Genüge geschehen. Denn sein Denken ist noch nicht geschult genug, um metaphysischen Theorien folgen zu können. Was hier geleistet werden kann, ist nur auf dem Wege über das Gefühlsleben möglich. Dieses wird, wenn es in der Schule im nationalen Sinne angeregt wird, umso stärker seine Saiten erschwingen lassen, weil es auch durch die nationale Atmosphäre des Lebens genährt wird. Denn das Großstadtkind lauscht auch auf die Vorgänge im öffentlichen Leben. Und dieses wird ihm sagen: Du bist Jude und als solcher suche Dir Deine Sprache, Deine Religion — Deine Heimat. w.