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Die Welt · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Article
Die argentinischen Greuel
Date
1898-07-15
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 Nr. 28. dass viele von ihnen bereits den Wunsch ausgesprochen haben, nach anderen, weniger gefährlichen Gegenden auszuwandern. Es ist noch nicht gar sehr lange her, dass der ColonistGartmann von zwei Individuen überfallen und mit Meperstichen bedacht wurde, weil er ihnen eine Partie Mais nicht zu dem gewünschten Preise verkaufen wollte. Einen der Angreifer packte die Polizei, ließ chn aber nach einer Haft von einem Jahr und etlichen Monaten wieder frei. Kurz darauf wurde der Eolonist Slobotkin gerade in dem Augenblicke ermordet, als er sein Vieh in Den Potrero führte. Der Mörder wurde nach kurzer Haft freigelassen, angeblich, weil sein Verbrechen nicht bewiesen werden konnte!! Zu den grauenvollen Mordtharen kommen dann noch eine Anzahl von Angriffen auf das Eigenthum der Eolonisten. Die Anzahl des gestohlenen Viehes ist riesengroß, und so dürfen wir mit Fug und Recht sagen: die Colonre „Clara" muss eine sehr nette Gegend sein. Da sieht man, zu welch traurigem Resultat die schon so oft getadelte Straflosigkeit der Verbrecher und der Mangel an Polizei führt. Die ungefähr 5000 Seelen zählende Eolonie „Clara" hat als ganze Polizeimacht nur 1 Commissär, 1 Sergeanten und 5 Soldaten, die aus dem Provinzialschatze ganze 127 Dollars monatlich beziehen, während die Eolonisten fr eiwill i g 300 Dollars beisteuern müssen .. ." Das sind einige von den vielen Facten, die in den argentinischen Colonien zu den täglichen Geschehnissen gehören. Nichtsdestoweniger versichern die Leiter der J. C. A. nach den Informationen der Beamten, dass es sich nur um böswillige Ausstreuungen handle, und dass der Zustand der Colonien sie vollständig befriedige. Man weiß nicht recht, soll man mehr die Gemüthsruhe der Herren bewundern, die in London und Paris so großinüthig für die Administratoren sorgen, oder die Vertrauensseligkeit der Juden, die sich trotz aller bösen Nachrichten noch nicht entschlossen haben, der Leitung der J G. A. begreiflich zu machen, dass sie diesem Scandal ein Ende zu machen habe. Würde es sich bei der argentinischen Colonisation um Wohlthaten handeln, wobei sich die Wohlthäter um ihre Schützlinge nicht weiter kümmern, auf ihr Leben weiter keinen Einfluss nehmen, so könnte Mr. Claude Montefiore und die anderen ehrenwerten Gentlemen mit ihrem Vertrauen beglücken, wen sie wollen und wie sie es wollen. So steht die Sache aber nicht. Die J. C. A. hat sich das Recht imputiert, aus das Schicksal der von ihr Unterstützten, von Juden, einen bestimmenden Einfluss zu üben. Dieses Recht darf eine von der Allgemeinheit der Juden gewählte Leitung, eine Vertretung des ganzen Volkes, vielleicht einmal beanspruchen, niemals aber eine Gesellschaft, die ihre Existenz der Großmuth einer Privatperson verdankt. Es ist fraglich, ob das, was die J. C. A. thut, überhaupt noch als eine wohlthätige Action ausgefasst werden darf. Es scheint, dass man sich in manchen Kreisen dieser Gesellschaft dem Glauben hingibt, dass die Colonisten der J. C. A. einfach mit Leib und Seele verkauft seien. Dazu stimmt wenigstens sehr gut der Bericht eines nach Russland zurückgekehrten Colonisten, der im „Jug" über die von der <7. G. A. nach Argentinien gebrachten Juden folgende Mittheilung macht: „Die Heuschrecke, welche die ganze Aussaat vernichtet, die Ungewitter und Stürme, welche das Vieh tödten, die wilden Eingeborenen, deren einziges Handwerk Raub und Mord ist, und endlich die Administration, welche ihren Beruf darin sieht, die Colonisten zu quälen — das sind die Bedingungen, unter denen die Colonisten leben mussten. Wer jemals die Colonien besucht hat, gibt zu, dass die Colonisten keine Mühe scheuten; selbst die Administration wird dies nicht in Abrede stellen können. Und doch ließ man die Colonssten nicht eine sichere und einttäglichere Beschäftigung statt des missglückten Ackerbaues wählen. So wollten sie z. B. die Viehzucht versuchen — damit ihr Schicksal nicht mehr von der Heuschrecke abhänge. Allein die Administration wies ihr Ansuchen zurück. Die Colonisten baten nun die Regierung, sie möchte die Administratoren veranlassen, ihren Wunsch zu erfüllen. Wir Delegierten sprachen bei der Regierung in Buenos-Aires vor. Dort wurden wir wegen unseres Fleißes gelobt, aber der Gouverneur meinte, er könne uns nicht helfen, da wir dem Baron Hirsch unterworfen seien und die L a nd es g es etze es nicht gest atten, sichinSachen der „Herren und ihrer Pione" zu mischen. — Was bedeutet „Pione"? — Pione sind „Hörige", „Sclaven"! So erfuhren wir, dass wir osficiöserseits als Sclaven des Baron Hirsch galten. Wegen ungenügender Unterstützung der Colonisten litten diese Hunger und Roth und hatten keine Aussicht, in den Colonien bleiben zu können. Niemand hielt sie auch vom Auswandern ab. Wie es scheint, war die Auswanderung den Administratoren genehm. Fragt man uns, wie sich die Administratoren zu unserer Auswanderung aus den Colonien verhielten, so müssen wir sagen: Sie sehen es gerne! Sahen sie es jaschonlängst ein, dass das Unternehmen nie einen Erfolg haben werde. Die Beamten haben seit Beginn des Jahres auf alles verzichtet. Sie kümmerten sich einfach nicht um uns. Jeden unserer Wünsche schlugen sie ab, sie hörten auf, die Colonien zu besuchen. Es lag ihnen wenig daran, was wir thaten. Die letzten Ereignisse und die Fälle von Raub und Mord haben die Beamten der J. C. A. nicht zu bewegen vermocht, sich zu uns zu begeben und uns auch nur ein Wort des Trostes und der Ermunterung zu schenken. Nicht einmal den Schutz der Polizei riefen sie für uns an; kurz — wir wurden vollständig ignoriert.Sehr oft bekamen wir zu hören: Euer Wohlthäter ist nicht mehr da, und ihr habt von Niemandem mehr etwas zu erhoffen — thut, was euch beliebt. — Nun rettet sich jeder wie er eben kann....." Diesen einfachen, lapidaren Worten braucht man nichts mehr hinzuzufügen. Das ganze große Material, das uns noch vorliegt, es lässt sich in diesen Worten erschöpfen. Uns kommt unwillkürlich der Ausspruch des Vertreters der „ Anglo-Jewisli Association“ in der J. C. A., des mehrfach erwähnten Mr. Claude Montefiore in den Sinn, dass die argentinische Colonisation erst der nächsten Generation frommen werde. Er meinte damit wahrscheinlich die nächste Generation der Administratoren, denn von den Colonisten düffte sich, wenn nicht bald Wandel geschaffen wird, schwerlich eine nächste Generatton in den Colonien befinden. Von diesen Administratoren aber, diesen Vollstreckern des Willens der J. C. A., gilt, wenn von irgend jemandem überhaupt, das Wort eines bekannten Schriftstellers : „Es gibt Wohlthaten, die so nichtswürdig sind, dass sie es verdienen, an die große Glocke gehängt zu werden!" & Unsere Schulkinder. Von S. Baum. Wir haben wohl den Glauben an die mystische Kraft der Zahlen, wie ihn einst die Pythagoräer besessen, eingebüßt, aber an deren Stelle sind Zahlen von anderer Beschaffenheit zetteten, deren zwingender Kraft wir uns nicht entziehen können. Es sind dies die statistischen Zahlen. In periodisch sich wiederholenden Phänomenen oder in Collectiverscheinungen bilden sie die Directive für die Beurtheilung natürlicher und cultureller Verhältnisse. Durch den Umstand, dass dieselben Vorkommnisse sich in bestimmten Zeitabschnitten verschieden gestalten, wird unser Denken dazu angeregt, nach den wahrscheinlichen Ursachen der Bariattonen zu forschen. Und eine solche Reflexion ist von großem Werte. Denn dadurch siud wir in die Lage versetzt, Maßregeln zu treffen, die den Ablauf der Erscheinungen so zu beeinflußen vermögen, dass sie unserem Ideale von denselben näher gerückt werden. Ein solches Mittel versuchen wir zu zeigen. Wir

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