Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 28 (15.7.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / E. R.
- Date
- 1898-07-15
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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vtr. 28 sich mitschuldig, indem man die Solidarität nicht ausgibt. — Und die gefürchteten Antisemiten? Es ist selbstverständlich, dass sie in den Anwälten nur Verbündete sehen. Die naive „Abwehr" erreicht durch ihr furchtsames Beschönigen gerade das, was ste vermeiden wollte, nämlich dass man die übrigen Inden mit dem anrüchigen „ Glaubensgenossen" in einen Topf wirft. Nein, es ist nie und nimmer wahr, dass man für jeden angefaulten Ehrenmann, weil man mit ihm durch gewiffe ethnologische Fäden verbunden ist, eintreten muss. Die Juden, die der Gaunerei fröhnen wollen, müssen Gauner auf eigene Faust sein. Das Gaunerthum beschönigen, heißt: Hehler sein; das Gaunerthnm offen zugeben, heißt: sich lossagen. Mit einem intereffanten Thema hat sich in der vergangenen Woche der Leitartikel eines hervorragenden Wiener teutschen Blattes befasst. Ein Germane betheuert dort, dass den Juden die Fähigkeit abgehe, in echter teutscher Art die deutsche Sprache zu meistern, welches Gebrechen sich „insonderheit" dann fühlbar mache, wenn ein Jude die Rednerbühnc betrete. Der Teutoburger Hinterwäldler, der in vier langen Spalten einen verzweifelten Ringkampf mit der deutschen Sprache durchmacht, erklärt im Verlaufe dieser aufreibenden Thätigkeit, dass „wir (die Teutschen) die gedankenschweren Worte lieben nnd schätzen". Der Leser, der somit der gedankenschweren Worte in prickelnder Erwartung harrt, wird auch keineswegs enttäuscht, denn er vernimmt plötzlich die tiefsinnige Mittheilung, dass die Sprache „der durch Worte vermittelte Gedankenausdruck" ist, und während der Leser noch über diese frappierende Neuigkeit nachdenkt, erfährt er auch schon eine zweite erstaunliche Nachricht, dass nämlich bei den Menschen „die individuellen Anlagen erfahrungsgemäß der Art und dem Grade nach sehr verschieoen sind", worauf der gedankenschwere Leitarrikler sich noch zu der verblüffenden Enthüllung Hinreißen lässt, dass „Denken und Sprechen die Generalmittel aller geistigen Bildung darstellen"; aber da der deutsche Schriftsteller sich bereits so tief in die gedankenschweren Worte hineingearbeitet hat, so ist er nicht mehr zu bändigen, er kündigt an, dass nunmehr „die deutsche Jugend erfahren soll, welche Kraft und Schönheit dem deutschen Worte innewohnt," und er macht sein Versprechen auch thatsächlich wahr, indem er sich ausrafft und den inhaltsreichen Spruch schmiedet, dass „der Mensch eher sprechen als schreiben lernt". Der Leser, der auf diese Weise von einer Ueberraschung in die andere fällt, ist schon fast vollständig überzeugt von dein überlegenen Talente eines nichtjüdischen Schriftstellers, um aber auch den letzten Zweifel hinsichtlich der gedankenschweren Begabung zu zerstreuen, nimmt der Leitartikler eine geheimnisvolle Miene an und verräth, dass, wenn Moltke schwieg und der Jude Gambetta sprach, sich „Contraste" zwischen beiden ergaben. Jetzt weiß der Leser des teutschen Leitartikels genug. Die wenigen leckeren Kostproben haben ihm die ehrfurchtsvollste Mcinnng von der Fürtrefflichkeit deutscher Gedankenarbeit beigebracht. Der Teutone erlaubt sich uur noch die Schlussbemerkung, dass auf dem Seciertisch Gambetta's Gehirn sehr geringe Furchen aufgewiesen hat, und dann scheidet der jüdische Leser von dem germanischen Stildickicht mit dem beklemmenden Gefühl: Eher wird der teutsche Leitartikler in ein Nadelöhr hineingerathen können, als ein schwachsinniger Semite in ein solches Eden des Dichtens und Denkens. Die große Nation würgt noch immer an ihrem Dreyfus herum. Diese Schlingbeschwerden benützte Herr Cavaignac, auf deffen Schultern jetzt die französische Armee ruht, um sich mit Applaus überschütten zu laffen. Ter Kriegsminister erklärte nämlich, dass er in der glücklichen Lage sei, an die Schuld des Excapitäns voll und ganz zu glaul en, und dass er somit auf. Grund dieser epochalen Thatsachen die feste Ueberzeugung habe, die Republik werde von nun an wachsen, blühen und gedeihen und in den Zwischenpausen alle inneren und äußeren Feinde zerschmettern, und es werde gewiss der Morgen anbrechen, wo — (Frenetischer Beifall, in dem die letzten Worte des Redners untergehen.) — Es wurde beschlossen, die Rede Cavaignacs an allen Straßenecken, an denen die große Nation vorüberzugehen pflegt, anzukleben, und sie bildet jetzt das Tagesgespräch auf dem ganzen Erdball. Es heißt allgemein, dass in der Person Cavaignac's de-- endgiltige Nagel für den Sarg des^ Excapitäns gefunden sei. Der gesammten antisemitischen Prelle hat sich darob große Freude bemächtigt. Es ist kein Wunder. In dieser endlosen Affaire ist Dreyfus, wenn der kühne Vergleich gestattet ist, der tückische Felsblock, welcher „hurtig mit Donnergepolter" den Antisemiten immer wieder entrollt, wenn sie ihn schon fest und sicher auf dem Klippeneiland deponiert zu haben glauben. Ach Gott, kaum meint man eine Weile, dass die Affaire ein Ende hat, und dass Dreyfus bis an sein seliges Ende die Teufelsinsel bevölkern werde, so kommt auch schon irgend ein Judenknecht, versetzt allen Illusionen einen Stoß, und bringt den Dreyfus wieder ins Rollen. Und doch wäre es so schön, wenn man den jüdischen Landesverräther ans seinem allseits sichtbaren Pranger dauernd festhalten könnte. Für den antisemitischen Anschauungsunterricht wäre das ein wunderbarer pädagogischer Behelf. Wie bequem hätte es der Docent: „Also meine Herrschaften, jetzt kommen rvir zu dem jüdischen Vaterlandsverräther. Das ist eine ungemein gefährliche Gattung. Sie nährt sich nur von Festungsnnd Mobilisierungsplänen, und sie ist sehr schwer zu erlegen. In jüngster Zeit haben sich graphologische Fußangeln ziemlich gut bewährt. Sie willen ja — System Bertillon. Ein Prachtexemplar der Spccies haben Sie dort aus der Teufelsinsel. Sehe» Sie? Es ist bereits etwas gealtert, zeigt aber doch noch die charakteristischen Merk- Die Solidarität des internationalen Antisemitismus in der Affaire Dreyfus liefert so recht den Beweis, dass die Juden berufen sind, den Kitt zwischen den Nationen dieser Erde zu bilden. Als der Bau des babylonischen Thurmes an den mangelnden Dolmetschen scheiterte, da giengen die Völker schmollend auseinander und nahmen sich vor, miteinander in Feindschaft zu leben. Da war aber auch ein Völkchen, das grämte sich sehr ob dieses kriegerischen Vorsatzes der andern, und es beschloss zu erwirken, dass die Feinde sich die Hände reichen. So lebte es denn eine Zeit auf seinem Boden und dann gieng es in die Zerstreuung. Und es begab sich bald, dass der Hass der anderen gegen die Verstreuten sich wandte. Die mit einander gehadert hatten seit dem Tage der babylonischen Trennung, reichten sich die Hände, um das Völkchen zu bedrücken. Ein Geist der Einigkeit war über sie gekommen. Ueber die Berge, über die großen Wässer hin verbanden sie sich zum Haffe wider die Verstreuten, die Getrennten wurden zu Brüdern. Das Völkchen aber lächelte froh unter den Streichen, und es sprach davon in seiner Einfalt, dass cs eine Sendung erfülle. E. U. W wieder eine Aufklärung. Wie im vergangenen Jahre, vor dem ersten Congress, tauchen auch jetzt wieder allerlei düstere Gerüchte, krumme Verdächtigungen, Unwahrheiten verschiedensten Calibers in den zionsfeindlichen Blättern auf. Bald wiffen diese Wackeren von schweren politischen Hindernissen, bald von innerem Zerfall der zionistischen Bewegung, bald von unseren Feindseligkeiten gegen die Religion zu berichten. Es ist wohl kaum mehr nöthig, dagegen ernstlich zu polemisieren. Wenn man gesehen hat und sieht, mit welcher Schadenfreude jede „ungünstige Nachricht" von diesen Blättern breitgetreten wird, ist man einfür allemal über die Sinnesart der Verfaffer solcher Meldungen rm Klaren. Eine „ungünstige Nachricht". die sich in den zionsfeindlichen Blättern vorige Woche großer Beliebtheit erfreute, war