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Die Welt · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Q-1 Bei» actton 3 Erscheint jeden Freitag. k I-m Preise der Anreigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Tücken¬ Die viermal gespaltene Petit¬ Wie» zeile 10 kr. IX.. Tückenstraße 9. straße 9, zu richten. Telephon Nr. 8805. m-r Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und 1 Manuskripte nicht zurückgesendet. , Einzelne Nummern 15 kr. i-m sßpiltflttillf Piff* 4 Oesterreich-Ungarn; halbjährig 3 fl. 6 Kr., ganzjährig 6 fl.----12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland * ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 28. Wien, 15. Juli 1898. 2. Jahrgang. Berliner Brief. Von Rcdivivus. 10. Juli. Fürchten Sie nicht, verehrter Freund, dass ich Sie mit unserem seit Wochen bis zur Polizeiwidrigkeit breitgetretenen Wahlthema behelligen werde. Dasselbe ist bis auf den Grund erschöpft, wenn man constatiert, dass seit dem Jahre 1893 die socialdemocratischen Stimmen um eine halbe Million und die antisemitischen um mehr als 40.000 zugenommen haben. Alles Uebrige ist schlechterdings nebensächlich, denn die großen socialen Unterscheidungsmerkmale der Zeit liegen eben nicht auf einer anderen Seite, und ob die Hrationalliberalen, die Conservativen, die Freisinnigen ihren Besitzstand noch gerade zur Noth behauptet haben, ist gleichgiltig, weil sie allesammt doch auch nur von der Alternative: socialdemocratisch oder antisemitisch, ihr Dasein fristen. Die Nationalliberalen müssen, um nicht zerrieben zu werden, agrarisch und mit den Agrariern antisemitisch sein; den Freisinnigen wird die Wahl nicht erspart bleiben, ob sie socialdemocratisch oder antisemilisch sein wollen, wenngleich sie jetzt noch als Schutzwache des liberalen Bürgerthums — das beiläufig kaum mehr existiert — ein parlamentarisches Schartenleben führen. Doch ich wollte mich dem Wahlthema sernhalten und bin mitten darin. Sündige trotz des guten Wörtleins: „Getretener Quark wird breit, nicht stark". Und hatte doch im Sinne, Sie von etwas ganz Anderem zu unterhalten, nämlich von dem Berliner Zionismus und seinen Widersachern. Da werde ich mich nun aber wohl aä eausam legitimieren müssen, denn so mir nichts dir nichts kann doch Einer, der noch dazu früher sehr assimilatorisch war, nicht zu Ihnen kommen und sagen: ancli’ io sono pittore! Also ein ganzer Zionist von der stricten Baseler Observanz bin ich noch nicht, was man mir auch kaum verargen kann, da ich meine Jugend in der Zucht des stärksten Germanisators, nämlich der preußischen Schule, verbracht habe, und der erste Theil meiner Mannesjahre von dem schillernden liberal-kosmopolitischen Irrlicht beschienen war. Es hat sich nur so ganz allmählich seit annv Stöcker ein Umwandlungsprocess in mir vollzogen, anfangs unmerklich, dann unter den Symptomen einer hartnäckigen moralischen Indigestion, und jetzt weiß ich, wovon ich schließlich genesen bin. Von dem Widerspruche des Assimilierungsglaubens mit den Thatsachen meines Bewusstseins. Dieser Widerspruch lässt sich nicht ausgleichen, nur durch den Verzicht aus die Persönlichkeit überbrücken, und weil ich mit Goethe sage: „Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit", so bewahre ich mir diese und verzichte lieber auf die Assimilierung, d.ie übrigens — vide Stöcker, Lueger, Drurnont — längst ausgehört hat, eine Bequemlichkeit zu sein. Sie haben es demnach, verehrter Freund, indem Sie diese Zeilen lesen, vorerst nur mit einem halben Bekenner zu thun. Sagen wir, um studentisch zu reden, mit einem Kneipschwanz des Zionismus. Aber davon gibt es, glaube ich, gerade in Berlin eine schwere Menge, weil hier die Loslösung von der national-deutschen Bildung einen harten, inneren und äußeren Kamps zur Voraussetzung hat, den nicht jeder durchzumachen die moralische Stärke besitzt. In Berlin existieren ungeheuer viel heimliche Socialdemocraten, von deren Dasein nur alle fünf Jahre der Stimmzettel ungefähre Kunde verbreitet. So beherbergt Berlin auch zahlreiche geheime Zionisten, die nur den Muth nicht aufbringen, sich öffentlich zu bekennen, weil sie fürchten, von den Nichtjuden als Fremde und von den Pseudo- Juden als Feinde behandelt zu werden. Berlin ist sozusagen die künstliche Wiege der Juden-Assimilierung. Lange, bevor es die sogenannte verfassungsmäßige Gleichberechtigung gab, vollzog sich eine Art literarischer Assimilierung vermittelst persönlicher Einwirkungen, wobei freilich die Taufe das äußere Zeichen der vermeintlichen Anpassung war. Es waren die Orgien einer romantisch-philosophischen Hallucination. Moses Mendelssohns Nachkommen fielen ihr zum Opfer, was nicht hinderte, dass viel, viel später Treitschke, der Urheber des Wortes von den „hosenverkaufenden Juden", sich's im Mendelssohn'schen Salon recht wohl sein ließ, und die Brüder Michael und Meyer Beer streiften den Glauben der Väter ab, jener, um gleichwohl in dem Drama „Der Paria", über das an den Juden geübte Unrecht zu klagen, der andere, um sich in die internationale Atmosphäre der kosmopolitischen Musik zu flüchten. So oft ich an der kleinen, schmucklosen Dreisaltigkeitskirche neben dem Kaiserhof-Hotel vorübergehe, wird vor meinen Augen das Bild der Tage lebendig, da Schleiermacher die Henriette Herz und die Rahel nach philosophischer VorbereitungzumChristenthumhinüberführte.

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