Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 27 (8.7.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-07-08
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315770-3361086--06936-3361139- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 David Goldschild und Kuno Müller waren von der Aula her befreundet. Am Tage, nachdem jene Verordnung, die den Juden den Besitz von Grund und Boden erschwerte, erschienen war, stellte der Mediciner dem Freunde einen geharnischten Artikel zur Verfügung. Dies bedeutete den Wendepunkt iu der Existenz des „Freien Blattes." Die glänzend geschriebene und die schärfsten Waffen führende Arbeit erregte ungeheueres Aufsehen. Der Name Goldfchild wurde mit einem Schlage in die Liste der geistreichsten Publicisten ausgenommen. Natürlich ließ, sich der Ur-Germane einen solchen Mitarbeiter nicht entgehen, und da David vor Kampfeslust glühte, bedurfte es gerade keiner allzugroßen Ueberredungskunst, um den Mediciner zu bewegen, seinen Schreibtisch aus dem Ordinationszimmer in der Alserstraße gegen ein Pult in der Redaction des „Freien Blattes" zu vertauschen. Von diesem Augenblicke an stieg der Stern der Müller'schen Zeitung fortwährend. Bald galt sie als eines der vornehmsten Organe der liberalen Partei und die erbitterte Gegnerin des wie ein drohendes Gewölke aufsteigenden Concordates. Der Kampf gegen Rom ward David Goldschilds ausschließliches Gebiet. Mit misstrauischen Augen verfolgte er die Vorgänge in der ewigen Stadt, wo der geistreiche Erzbischof von Wien, Rauscher, seit dem 21. October 1854 weilte und mit dem Cardinal Santucci die Verhandlungen führte. David war viel zu bescheiden, um sich alles Verdienst am Gedeihen der Zeitung allein zuzuschreiben. Trotzdem musste es ihn kränken, wenn Kuno Müller ihn allzu eifersüchtig von der Leitung des Blattes fernhielt, dessen Seele er nun doch einmal war. Und dieses Bestreben trat in letzter Zeit immer deutlicher zutage. Sich mit solchen bitteren Gedanken tragend, erreichte Tr. David an jenem Septemberabend das Haus in der Alserstraße. Es war ein niederes aber weitläufiges Gebäude. Der Redacteur stieg langsam.die reinliche Treppe bis in das oberste Stockwerk hinauf. Hier blieb er stehen und zog die Glocke der Wohnungsthüre. Auf dieser waren drei Kästchen mit gelben Nägeln befestigt — alle drei im Laufe der Jahre vergilbt und verstaubt. Das oberste trug die Aufschrift: „Dr. David Goldschild", das mittlere: „Rapoael Goldschild, Buchhalter", auf dem untersten aber konnte man in zierlicher Schrift: „Karoline Sanftmuth, Magistrats-Beamtens-Witwe" lesen. Diese Dame war die Besitzerin der Wohnung. Sie versicherte einst bessere Tage gesehen und damals alle Zimmer selbst bewohnt zu haben. Wann dieses goldene Zeitalter geherrscht, das entzog sich jeder menschlichen Berechnung. Seit fünf Jahren wohnten die Goldschilds bei Frau Sanftmuth zur Miethe und hatten allen Grund, mit ihr zufrieden zu sein. Eine aufmerksamere Wirtin wäre nicht leicht in der ganzen Vorstadt aufzutreiben gewesen. Umsomehr erstaunte David, diesmal ungebürlich lange auf das Oeffnen der Thüre warten zu müssen. Schon wollte er die Glocke ein zweitesmal ziehen, als er die schlürfenden Schritte der Witwe nahen hörte. Gleich darauf legte sich ein spähendes Auge auf das vergitterte Guckloch und der Schlüfiel kreischte im Schlofie. „Jesus, Maria und Josef!" emfieng Frau Karoline ihren Miether. „Es ist nur gut, dass sie gekommen sind, Herr Doctor! Es hat Herrn Karl — Raphael!" Die fünf Jahre hatten genügt, um David in die Geheim» nisie der Sanftmuth'schen Grammatik einzuweihen. „Es hat Herrn Karl-Raphael!" bedeutete in die landläufige Schriftsprache übersetzt so viel als: „Herr Karl- Raphael ist erkrantt." Ohne weiter auf den Jammer der redseligen Frau zu achten, eilte der Redacteur daher durch das. geräumige Vorzimmer auf den Glasgang, der in die nach dem Hofe zu gelegeneü Zimmer führte. Dort lagen die drei Stuben, die an die „Zimmerherrn" vermiethet wurden. Der mittlere und größte Raum diente den beiden Vettern als gemeinsames Wohnzimmer, die beiden anstoßenden Kammern als Schlafstellen. David fand Karl-Raphael — denn diesen Doppelnamen führte der jüngere Goldschild, seitdem er die Taufe genommen — zu Bette liegend und aus einem großen, irdenen Topfe einen heißen Kräuterthee, das Universalmittel der Hausfrau, trinkend. Der Kranke empfieng den Vetter mit mattem Lächeln. Er möge sich nur ja nicht ängstigen. Das Unwohlsein habe sicherlich keine Folgen. .Da er über böse Kopfschmerzen geklagt und ein leichter Schüttelftost sich eingestellt hatte, habe es sich Frau Karoline nicht nehmen lassen, ihn wie ein kleines Kind zu Bette zu bringen und abzuwarten. Das sei aber auch Alles. Schon ein flüchtiger Blick in das fieberglühende Gesicht belehrte den Arzt, dass ein schwereres Leiden als eine leichte Erkältung im Anzuge sei. Schweigend legte er Hut und Mantel ab und schickt: sich an, den Patienten zu untersuchen. Dann athmete er tief auf, öffnete das Fenster und befahl Frau Sanftmuth ihren Thee hinauszutragen. . „Wie", protestierte die Witwe, „er soll keinen Thee trinken?" „Nein!" erklärte David bestimmt. „Der Herr Doctor werden es ja verstehen!" höhnte die gekränkte Wirtin. „Aber wenn Herr Karl - Raphael jetzt wirklich krank wird, so ist es Ihre Schuld!" Damit rauschte sie zur Thüre hinaus. Aber noch gab sie den Kampf nicht verloren. Denn als David eine Weile später in die Küche trat, um sie mit einem Recepte in die nahe Apotheke zu senden, frng sie noch einmal versöhnlich: „Wollen Sie ihm wirklich nicht den Thee geben! Schaden kanns ja nicht!" Der junge Arzt schüttelte traurig den Kopf. „Es geht nicht — Frau Sanftmuth! Was meinem Vetter fehlt ist keine Verkühlung!" „Was ist es denn?" ftug Karoline neugierig. „Der Typhus!" „Jesius! Der Typhus!" schrie die Frau auf und sank auf einen Stuhl. „Was Sie nicht sagen! Der Typhus! Ja — das ist freilich gefehlt!" Und nun begann sie alle Fälle dieser tückischen Krankheit in ihrem ausgedehnten Bekanntenkreise durchzugehen. Aber David hörte nicht auf sie. Er ermahnte sie, den Gang in die Apotheke nicht zu vergessen und kehrte zu seinem Kranken zurück. Dort setzte er sich still an das Bett und bewachte den leisen Schlummer des Fiebernden. _ In seiner kurzen ärztlichen Praxis und während der Studienjahre im Spitale hatte er die Ohnmacht der Wissenschaft kennen gelernt. Würde es seiner Kunst gelingen, dem Tode dieses theuere Opfer abzuringen? Der Gedanke an die Möglichkett einer ewigen Trennung vom Gefährten machte ihn erbeben. Das Zusammenleben der letzten Jahre hatte die Vettern eng aneinander gekettet. Die stillen, fteundlichen Bilder dieser Zeit stiegen vor den Augen des Redacteurs in dieser bangen Stunde auf. Die Geschichte ihrer Wohnung war gleichbedeutend mit den Wandlungen ihres Schicksales. (Fortsetzung folgt). Herausgeber: p. Nafttzaurr. Berantw. Red.: Dr. Siranr. Vernrr. Vuchdruckerei »Industrie" (S. Bergmann». VIII. Schlösset«. 1L