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Die Welt · 1898-07-08 · 27 (8.7.1898) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
27 (8.7.1898)
Article
Lemberg / B.
Date
1898-07-08
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 jAtOWdr Nr 27 anttsemftismus zu sprechen — Raub ist Raub und verdient unter allen Umständen die schärfste Bestrafung. In Alt-Sandec plünderten nämlich nicht nur Bauern sondern auch Bürger, wohlhabende, angesehene Bürger und sogar Gemeind eräthe. Diese heute gerichtlich constatierte Thatsache verleiht den Alt- Sandecer Excessen ein besonderes Gepräge. Gemeinsam den verschiedenen Excessen wabekanntlich der Spruch: „Schlägst du meinen Juden, so schlage ich deinen'", und so wurden die Juden nirgends von den Einheimischen, sondern von Bauern anderer Ortschaften geplündert. Es ereigneten sich Fälle, wo die heimischen Bauern das jüdische Vermögen vor den fremden Excedenten in Schutz nahmen. Aber diese Fälle hatten eine eigenthümliche Wendung. In Kleczany z. B. haben die Bauern ein jüdisches Wirtshaus vor dem Raube der Nachbarn thatsächlich geschützt und gerettet, als aber die fremden Usurpatoren davongejagt waren, wunderten sie sich darüber, dass der Wojt das Wirtshaus als gerettet bettachtete, da sie in vollster Naivetät entschlossen waren, die freigewordene jüdische Habe sich selbst anzueignen. Aehnlich ttug es sich in Biegunice bei Alt-Sandec zu. Hier schützten die Bauern manches Haus und desien Einrichtung vor Zerstörung durch die Eindringlinge, aber von den geretteten Gütern blieb meistens nichts übrig — alles verschwand nachher. Ueber die obenerwähnte gute Organisation der Sandecer Excesse ließe sich viel schreiben. Ich will jedoch nur zwei Beispiele anführen: Die Plünderung in Alt-Sandec brach los wie ans ein gegebenes Commando: sie begann gleichzeitig an verschiedenen Punkten im Innern der Häuser und außerhalb derselben. In demselben Augenblicke wurden die Fenster der christlichen Einwohner durch bereit st ehende Lampen und Kerzen beleuchtet. Unweit der Stadt waren Fuhrwerke bereit, aus welche die Beute geladen wurde. Beweist das nicht, dass alles vorher auf die Minute berechnet war? Es muss hinzugefügt werden, dass dem zweistündigen Plündern nicht einmal die 40 Mann Militär mit ihren Osficieren Einhalt thun konnten. Als zweites Beispiel diene der sonntägige Ueberfall in Neu-Sandec. Wer die Excedierenden in geordneten Reihen hat marschieren gesehen, war darüber nicht im Zweifel, dass alles planmäßig geschehe. Ein von einem Uhlanen verwundeter Bauer erzählte auch, dass alles vorher berechnet und genau bestimmt, dass Häuser. Gewölbe und Sttaßen vertheilt waren, ja dass es sogar im Plan bestimmt war. wohin man sich zu flüchten habe, wenn Militär einschreiten sollte. . ."' P>. Rzcszorv. Als in Sttzyzow wegen der antisemitischen Excesse zwei Abtheilungen Husaren einrückten, wollte der commandierende Officier die Pferde auf dem jüdischen Friedhofe unterbringen. Hierüber erbittert, soll der Jude Jacob Hagel dem Officier zugerufen haben: „Nehmt die Pferde auf eueren Friedhof oder in euere Kirche! Die Staatsanwaltschaft erhob deshalb die Anklage gegen Hagel, weil er „provokatorische Reden hielt" und durch diese „aus Bosheit vorgenommene Handlung"" leicht eine von den in K 85 lit t> St.-G. vorgesehenen Handln n g e n h e r d e i f ü h r e n konnte. Der Angeklagte leugnete, diese Aeußerung gethan zu haben. Er wurde nach durchgesührter Verhandlung zu einem Jahre schweren .Kerker verurtheilt. Jacob Hagel ist Vater von neun unmündigen Kindern. Frankreich. Paris. Der Deputterte Berry will den Kriegsminister Cavaignac interpellieren und die Mittheilung des Documents verlangen, das die Schuld Dreyfus' beweisen soll und von dem Caveignac am 18. Jänner erklärt hatte, dass es im Besitze des Kriegsministers sei. Paris, 5. Juli. Frau Alfred Dreyfus, die Gattin des verurtheilten Ex-Capitäns, hat heute mittags dem Justizminister ein Gesuch überreicht, in welchem sie bittet, der Minister möge dem Caffationshof ihr Ansuchen unterbreiten, das Urtheil gegen ihren Gatten im Sinne des Artikels 441 der Strafprocess-Ordnung zu annullieren. Dieses Verlangen stützt sich auf die widerrechtliche Mittheilung der geheimen Beweisstiicke an Mitglieder des Kriegsgerichtes hinter dem Rücken des Bertheidigers und des Angeklagten, wodurch der Artikel 101 des Militär-Strafgesetzes verletzt sei. Dieser Artikel 101 bestimmt: Der Berichterstatter am Kriegsgerichte verhört den Angeklagten in der Untersuchung über die Generalien, über die Umstände des Verbrechens; er führt ihm alle Beweisstücke vor und fragt ihn, ob er darüber etwas zu äußern habe und ob er sie anerkenne. Ist die Vernehmung beendet, dann muss dem Angeklagten das Protocoll verlesen und ihm eine Aeußerung abverlangt werden, ob seine Antworten correct wiedergegeben sind. Der oberwähnte Artikel 441 handelt von der Verantwortung der Amtspersonen (Richter, Policisten, welche rechtswidrige Acte begangen haben). Der Justizminister gibt in diesem Falle den Auftrag an den General-Procurator. die Criminalkammer des Cassationshofes mit der Feststellung zu bettauen, ob rechtswidrige Acte begangen wurden, welche die Annullierung des Urtheiles begründen. England. London. Die jährliche Generalversammlung der A n g lo- Jewish-Association wurde Sonntag den 3. Juli abgchalten. Mr. Claude G. Montefiore führte den Vorsitz. Er bemerkte unter Anderem, dass die argentinische Cvlonisation gute Resultate für die nächste Generation verspreche. Die Angriffe gegen die Berwaltnng der Colonien hätten einen gemeinsamen Ursprung in den Klagen unzufriedener Colonisien. Dann besprach Mr. Montefiore von seinem schon bekannten Standpunkte aus die verschiedenen Vorschläge zur Lösung der Judensrage. Er hat Geduld, und erwartet die Lösung von der allgemeinen Menschenliebe. — Mr. F. D. Mocatta besprach die galizischen Unruhen, bei deren Kunde man sich ins Mittelalter zurückversetzt fühlte — Der Chief-Rabbi Dr. Adler sprach diesmal gnädiger als in vergangenen Jahren vom Zionismus. Er sei nur gegen den politischen Zionismus.^Jm Uebrigen sei er ein glühender Zionist! Der Optimismus Moniefiores und der Zionismus Adlers dürsten ungefähr gleich viel zur Lösung der Judensrage beittagcn. J. de H. # Dkreillsmchrjlhttil. Wien. Anlässlich des nationalen Trauertages des „Schiwoh osor b'tammus", fanden in den bestehenden Ortsgruppen des ..Zion" am Donnerstag, den 7. Juli, 8 Uhr abends Versammlungen statt, in welchen über die Bedeutung des Trauertagcs referiert wurde. K Zckschnstknmudschm. Im Zusammenhänge mit mehreren katholischen Blättern in England, die seit Monaten dem Antisemitismus und der Judenfrage ihre Aufmerksamkeit zuwenden, schreibt Rev. Herbert T h u r st o n im Juniheft des katholischen „Month über „Antisemitismus und Ritualmord". Der Verfasser bekämpft den ersteren und protestiert gegen den letzteren". ..Wir beabsichtigen" - er klärt er — „in diesem Protest unsere Mitbürger darauf ausmerk sam zu machen, dass der Wahnsinn, der einen Theil des französischen Volkes beherrscht, nicht als die Meinung der- Katholiken betrachtet werden darf". Trotzdem hetzt Mr. Arnold White neuestens gegen die Juden im „Chambers Journal". Wir wüssten schon bald kein Blatt, das von ihm verschont geblieben wäre. Allein der Mann muss sa Gelegenheit haben, seine „ori ginellen" Ideen auszukramen. Und so "geht seine neueste dahin, dass die Juden nach — Armenien auswandern mögen. BüchrrweU. S. Lublinski, dessen glänzende Essays in unserem Blatte allgemeine Anerkennung gefunden haben, lässt eine Sammlung dieser Arbeiten demnächst bei Eronbach in Berlin erscheinen. Ta» Buch führt den Titel: „JüdischeCharaktere bei Hebbel, Grillparzer und Otto Ludwig". Wir werden auf diese Essavs noch zurückkommen.

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