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Die Welt · 1898-07-08 · 27 (8.7.1898) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
27 (8.7.1898)
Article
[Ohne Titel] / R.
Date
1898-07-08
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 jpta?war Nr. 27 plump und wohlgenährt irgend ein fremder Mensch herzu und wirft durch ein paar Handgriffe, die überdies auch den Untersuchungsrichter interessieren, die ganze Theorie über den Haufen. Es gibt zahlreiche Menschen, die der Ansicht sind, das Mittelalter habe um die Zeit der Entdeckung Amerikas ein Ende gefunden. Man muss den Leuten die Leichtgläubigkeit nicht übel nehmen. Nicht jeder hat Zeit, nach Galizien zu fahren und auf dem Schauplatz von Judenexcesien die Selbstüberhebung Amerikas, das sich jenen ehrenvollen Platz im Culturleben anmaßt, kennen zu lernen. Wenn die Entdeckung Amerikas tatsächlich das Ende des Mittelalters bedeuten soll, dann ist Amerika vorläufig um vier Jahrhunderte zu früh entdeckt worden und Columbus hat sich einen unverzeihlichen Anachronismus zu schulden kommen laßen. Das Mittelalter ist vielleicht an die Existenz der Juden geknüpft. So lange es Juden gibt, so lange wird das Mittelalter nicht zu Ende sein, denn die unausbleiblichen Judenexcesie werden immer jener guten alten Zeit zu neuer Fortdauer verhelfen. Darum hat der Jude in der Mitte der anderen etwas Posthumes an sich. Die anderen leben wirklich im Jahre 1898, sie brauchen sich nicht zu fürchten, dass man ihnen heute oder morgen das Haus über dem Kopf anzündet. Der Jude aber, der da herumgeht, ist derselbe, der bereits vor mehreren hundert Jahren herumgegangen ist. Man demoliert ihm noch immer die Wohnung, man misshandelt chn, raubt ihn aus. Die Zeit eilt weiter, die Menschen verändern sich, der Jude ist ein Spuk, den man nach der Moral von anno 1200 behandelt. Die Nemesis beginnt in Galizien bereits ihren Lauf zu nehmen. Bereits 'am 5. Juli begann in Rzeszow der erste Strafprocess anlässlich der galizischen Unruhen. Die Berufsnörgler haben zur Zeit der Excesie über eine angebliche grenzenlose Lästigkeit und Saumseligkeit der Behörden derartige Schauermärchen verbreitet, dass auch derjenige, der die galizischen Behörden nicht näher kennt, das ganze Gefasel als „unglaublich" bezeichnete. Die aufgeregte Reporterphantasie wusste von nichts anderem zu berichten, als von lauter zugedrückten Augen des Gesetzes. Ja, das Gezeter der Tintenhelden gieng so weit, dass man es den Wächtern der Sicherheit verübelte, wenn sie nicht während der ärgsten Exceste gleichfalls die Hände in fremde Hosentaschen steckten, sondern mitten im größten Rummel, wo alles stahl und plünderte, die Hände in den eigenen Hosentaschen ließen. Wir sind keine Freunde von Lobhudeleien, wir haben niemals den Wächtern, denen die Obhut der vielbedrohten Zelte Israels anvertraut ist, unser Vertrauen marktschreierisch ausgesprochen, und auch das grellste Reportergeschrei vermochte nicht unsere alte Meinung über die Hüter der Staatsgrundgesetze zu erschüttern. Was immer auch gemeldet wurde — wir waren nicht verblüfft. Umsomehr freut es uns, dass die Behörden das Vertrauen, welches wir in ihre Raschheit und Regsamkeit setzten, durch die behende Eröffnung des Strafprocessreigens bestätigten. Allerdings ist in dem ersten Proceste der Angeklagte ein Jude. Das wird wieder ein gefundener Bisten für die Prefsmeute sein. Den Aerger darüber, dass die Behörden jene böswilligen Lästigkeitsvorwürfe durch ein energisches Strafverfahren glänzend widerlegen, wird der Nörglerschwarm hinter allerhand Missdeutungen und schiefen Auslegungen verbergen. Der eine wird es „geradezu" unbegreiflich finden, dass der Jude in Anklagezustand versetzt wird, weil er ausgeraubt wurde. Ein anderer wird sich in geistreichen meteorologischen Betrachtungen ergehen: Die Athmungslust des Juden ist entweder der Rauch der Brandstätten oder die Kerkerlust. — Wenn dem Juden in seinem^brennenden Haus zu heiß wird, so steckt man ihn fürsorglich in ein kühles Verlies. — Ein dritter feinsinniger Beobachter wird die Bemerkung machen, dass man die Juden hinter einigen dicken Mauern und Gitterftäben nur vor eventuellen neuen Excesten zu schützen beabsichtige. Ein anderer wird finden, dass die Bauern überall den Juden die Todesstrafe erlasten haben und dass man diese im Gnadenwege jetzt in Kerkerhaft umzuwandeln gedenke rc. rc. Man kennt ja all diese Ergüsse und Stilübungen der schönen Seelen, die niemand ernst nimmt. Wir werden wißen, was wir davon zu halten haben und werden uns in unserer Meinung über die Hüter der Ordnung auch weiterhin keineswegs irritieren lasten. Wir sind fest, überzeugt, dass man nicht nur Juden, sondern auch Nichtjuden in den Protesten verurteilen wird. Die Juden haben der Regierung wieder Schwierigkeiten bereitet. Sie thun das öfter und sind immer passiv dabei. Durch ihre bloße Existenz bringen sie den gemächlich rollenden Karren zu einem unruhigen Schwanken und veranlaßen die diversen Staatsmänner im Hochsommer zu anstrengeuden Jnspectionsreisen, die oft mit schlaflosen Nächten verbunden sind. Kurz die Juden wißen sich dadurch, dass sie von plündernden Horden an den Bettelstab gebracht werden, so lästig als möglich zu machen. Und wenn daun die vorräthigen Maßregeln zum Schutze der Juden getroffen werden, und der steien Beweglichkeit des Staatsbürgers gewiffe Zügel angelegt werden, die ihm nicht ganz behagen, so sind wieder die Juden die Ursache, die unschuldige Ursache. So stehen die armen Juden in einem Kreuzfeuer. Die Hüter der Ordnung sind missgestimmt, weil die Juden durch ihre bloße Existenz den sonst ruhigen Staatsbürger zu Gesetzesübertretungen verleiten, und die Staatsbürger sind unzustieden, dass der Jude durch sein angebliches Recht auf Existenz die Behörden zu peinlichen Ausnahmsverfügungen herausfordert. So kann es der arme Jude keinem Recht machen. Der eine will chn nicht leben lasten, der andere will ihn nicht ermorden lasten und alle drei machen dabei recht trübselige Erfahrungen. R. & Die jüdische ColmialbM. (Mittheilungen des Bankcomitäs.) Alle Zuschriften und Anmeldungen sind an Herrn D. Wolffsohn, ® 51 it a. Rh., zu richten. Vielfach sind die bisherigen Kundmachungen missverstanden worden. Eine Menge Leute schicken nicht nur die A n m e ldungen, sondern auch die zehnpercentigen Anzahlungen an die Adreste des Herrn Wolffsohn. Dies ist dem genannten Vorsitzenden des Bankcomites höchst unerwünscht und verursach! viel unnütze Arbeit, da der Einlauf ohnehin in stetem Wachsen ist. Auch sind Coursverluste durch die Ueberweisungen dieser Art möglich. Darum wünscht das vorbereitende Bankcomile, dass die Anzahlungen in jedem Lande, wo die Zeichnungen stattfinden, bei den von den Vertrauensmännern bezeichnet»! Depotstellen verbleiben, damit keine Coursverluste stattsinden und die Arbeit erleichtert werde. Diejenigen aber, welche ihre zehnpercentige Anzahlung nach Deutschland überweisen wollen, mögen das Geld nicht an Herrn Wolffsohn schicken, sondern an die bereits bekanntgemachten Depotstellen, u. zw. Anzahlungen von 5000 Mk. aufwärts an den A. S ch aaff h au s en's ch eu Bankverein in Köln. Anzahlungen von Einhundert Mark aufwärts an die Norddeutsche Creditanstalt in Königsberg i. Pr. oder an das Bankhaus Gebrüder Arous in Berlin, Mauerstraße 34. Endlich Anzahlungen in welchem - Betrage immer. an das Bankhaus S a l. O p p e n h e i m j u u. <fc Comp, in Köln. Das vorbereitende Bankcomite will zwischen dem 12. und 15. August d. I. in K ö l n die Banquiers versammeln, welche das Emissions-Confortium bilden werden. In dieser Conferenz der Banqniers wird der endgiltige Prospect genehmigt werden.

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