Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 27 (8.7.1898)
- Article
- Der zweite Baseler Congreß
- Date
- 1898-07-08
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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;'ti. 27 j*#¥wr Seite h § 14. Interpellationen. Jedem Delegierten steht das Recht zu. an den Präsidenten des Kongresses, sowie an das Actionscomit,'- Interpellationen zu richten. Interpellationen, welche ein Delegierter an das Actionscomitö richten will, sind dem Präsidenten, schriftlich und mit mindestens 20 Unterschriften versehen, zu übergeben. Interpellationen an den Präsidenten des Kongresses bedürfen keiner Förmlichkeit. Petitionen. Petitionen und andere an den Kongress gerichtete Eingaben muffen von einem Delegierten - überreicht oder vertreten werden. IV. Behandlung des Rechenschaftsberichtes, der Referate, Anträge nnd Petitionen. § 16. Behandlung der Anträge. Das Actionscomitö erstattet den Rechenschaftsbericht. Zur Prüfung der Finanzgebarung wählt der Kongress einen neungliedrigen Ausschuss. Behänd lung der Anträge und speciell eines beantragten Entwurfes. u) Vor Eröffnung der Debatte über einen Antrag erhält der Antragsteller das Wort zur Begründung seines Antrages. Umfasst der gestellte Antrag einen detaillierten Entwurf zur Abänderung oder Schaffung einer Anstalt, Einrichtung oder Vorkehrung, so hat der Kongress zuvörderst zu beschließen, ob der Entwurf in öffentliche Berathung zu ziehen oder ob derselbe einem bereits gewählten oder zu wählenden Ausschüsse zuzuweisen sei. b) Der Kongress kann auch beschließen: 1. dass der beantragte Entwurf en bloc angenommen, 2. dass sofort die Specialdebatte eröffnet. 3. dass die Verhandlung vertagt, 4. dass der Uebergang zur Tagesordnung ausgesprochen werde. c) Im Falle der Zuweisung des beantragten Entwurfes an einen zu wählenden Ausschuss hat die Wahl desselben unverzüglich stattzufinden. Der Präsident bestimmt, wann der Ausschuss den ihm übertragenen Bericht zu erstatten habe. d) Am Schluffe der Generaldebatte ist der Antrag auf Annahme des Entwurfes en bloe oder auf Vertagung der Verhandlung oder auf Zuweisung an einen Ausschuss oder auf Uebergang zur Tagesordnung zulässig; wird ein solcher Antrag nicht gestellt oder abgelehnt, so tritt der Kongress sofort in die Specialdebatte ein. e) Der Präsident bestimmt, welche Theile des Entwurfes bei der Specialdebatte für sich oder vereint zur Berathung oder zur Beschlussfaffung kommen sollen. f) Abänderungs- und Zusatzanträge können von jedem Delegierten zu jedem einzelnen Theile, sobald die Debatte über diesen eröffnet ist, gestellt werden. * g) Der Kongress kann über Antrag auch noch während der Specialdebatte beschließen, die Verhandlung zu vertagen, oder den Gegenstand an einen Ausschuss zu verweisen oder über denselben mtt oder ohne Motivierung zur Tagesordnung überzugehen (Fortsetzung folgt). *L\ Me Woche. Wien, 6. Juli 1898. Das Wirtsvolk der galizischen Juden Hut sich endlich bewegen laffen, die Demolierung jüdischer Häuslichkeiten bloß im Stillen zu ersehnen, ohne die Sehnsucht sofort in Thaten umzusetzen. Nur unter einer Bedingung hat sich der „christliche Mitbürger" bereit erklärt, die Juden zu lieben: Man niusste ihn in den Gemüthszustand der Todesangst versetzen. Die galizischen Judenexceffe, die sich jetzt in ihrer Ausdehnung überblicken laffen, geben uns über das gesellige Zusammenleben der Juden mit ihren nichtjüdischen Nachbarn viele wichtige Aufschlüffe. Es hat sich gezeigt, dass dann, wenn der Nichtjude sich ftei und unbehindert zu bewegen beginnt, für den Inden das Zeitalter der Todesangst anbricht. Und es hat sich weiterhin gezeigt, dass jrnntt, wenn der gefährdete Jude ein halbwegs freies Leben haben will, wieder der Nichtjude in eine Periode der Todesangst gerathcn muss. Es ist ein hübscher Turnus, der das Zusammenleben der beiden Nachbarn nie einförmig werden lässt. Einer von beiden muss immer mit einem Fuße im Grabe stehen. Bald hat der eine den rothcn Hahn, bald hat der andere den Scharfrichter zu Gaste. Ein Rother geht, der andere Rothe kommt. Der fatale Dritte ist immer am Horizonte, wo Jude nnd Nichtjnde zusammenwohnen. Nur wird der Jude viel öfter von seinem Gaste besucht als der Nichtjude. Der Jude in Todesangst ist die gewöhnlichere Erscheinung, und der Ausnahmsznstand ist eben „Ansnahmszustand". Durch antisemitische Exceffe werden die Männer der Feder immer stark zum Nachdenken angeregt. Besonders „unsere" Männer. Sie denken darüber nach, wie man die Exceffe auf die glaubhafteste Weise maskieren könnte. Man darf sich nicht Vörstetten, dass das ein gar so leichtes Problem ist. Es stellt umso höhere Anforderungen an den Scharfsinn und die Erfindungsgabe unserer Männer, als. die Natur der Exceffe zumeist sonnenklar zutage tritt. Die Aufgabe ist folgende: Der christliche Mitbürger hat, wie dies schon unter Menschen vorkommt, gegen seinen jüdischen Nebenmenschen eine gewiffe Antipathie, und diese Antipathie macht sich von Zeit zu Zeit Lust. — Der jüdische Chronist muss nun in seiner Zeitung constaticren, dass sich die Antipathie Luft macht, er soll aber andererseits dementieren, dass eine Antipathie überhaupt da ist. Jedes Lebewesen, das in die Geheimnisse der Logik eingeweiht ist, wird mit einer gewiffen Schadenfteude erkennen, dass der jüdische Chronist da in eine ungemein verzwickte Geschichte hiueingerathen ist. Aber er weiß sich zu helfen. Mit einer finsteren Rücksichtslosigkeit sagt er sich, dass die Antipathie aus dem Wege geräumt werden muss, aber er sagt sich auch, dass er in die Lücke, die durch das Attentat entsteht, etwas einschicbcn muss und dass die Ausschreitungen nicht ganz verwaist ohne jegliche Ursache dastehen dürfen. Und während der jüdische Chronist auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens nach einem paffenden logischen Borwand für die Exceffe Umschau hält, fällt sein Blick auf den etwas leeren Magen des galizischen Bauern. Und der Mann der Feder erkennt, dass das der paffendste Borwand ist. Der Ersatz für die unbequeme Antipathie ist gefunden. Der Hunger hat sich Luft gemacht. Wenn man es liebt, sich weitschweifiger auszudrücken, so kann man auch statt Hunger „die wirtschaftlichen Verhältnisse" sagen. Der neugierige Leser erhält nun, wenn er sich nach der Ursache der Exceffe erkundigt, eine vollständig befriedigende Aufklärung: Infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse ist der christliche Mitbürger über die Juden hergefallen. Ein besonders Neugieriger könnte sich nun die zweite Frage erlauben: Warum gerade über die Juden? — Aber der Mann der Feder würde dann wieder mit der lästigen Antipathie, die er eben erst glücklich aus dem Wege geräumt, in Constict kommen und die Misöre fienge öot Neuem an. — Wozu den Mann der Feder in Verlegen, heit bringen. Er soll sich gemächlich auf seinem bitter erworbener Vorwand auscuhen. Rücksichtslose Menschen müssen die wohlhabenden Bürger und Gemeinderäthe von Neu-Sandec sein. Alle Pressstimmen lauten dahin, dass nur solche Menschen, welche leider in erbärmlichen wirtschaftlichen Verhältnissen leben, die Juden ausrauben müffen; was thnn aber die Ncu-Sandecer Bürger? Obwohl sie in die Theorien der Blätter ganz gut eingeweiht sind, und obwohl sie sich in jenen gesegneten wirtschaftlichen Verhältnissen befinden, denen der Ausdruck „Mastbürger" sein Dasein verdankt, brechen sie dennoch in jüdische Wohnungen ein und desavouieren die Pressstimmen durch umfangreiche Dieb itähle in der schnödesten Art. Es ist nicht leicht, Journalist zu sein. Man ist hiflos jedem galizischen Gemeinderath, deffen ganze Bedeutung in einem prallen Geldsack liegt, ausgeliefert. Man erbaut sich mit Mühe und Sorgfalt eine gefällige Theorie zur Erklärung verschiedener Geschehniffe, und auf einmal tappt