Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jede« Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstraße 9, zu richten. Unftarckierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. — 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 27. Wien, 8. Juli 1898. 2. Jahrgang. m-u Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile IO kr. Einzelne Nummern 18 kr. ^-II B-M Aedsrtion und ^Administration: Wien IX.. Twckenftraße 9. Telephon Nr. 8605. B-U ßkWSpreife: Die heiligen Stätten. f Von Dr. Frieden»«»«. Zu den schwierigsten Fragen, deren Lösung dem Zionismus Vorbehalten bleibt, gehört auch die, ob es gelingen wird, eine Vereinbarung mit den in Palästina interessierten christlichen Kirchen und Schutzmächten zu treffen. Das von der Türkei anerkannte, ja einzelnen Mächten direct verliehene Schutzrecht über die orientalischen Christen, das dem modernen Territorialitätsprincip des europäischen Staatsrechtes so gar nicht entspricht, wurzelt einmal in dem Umstande, dass in früheren Jahrhunderten christliche Europäer nie türkische Nnterthanen wurden' ein ausreichender consularischer Schutz aller Mächte aber nicht bestand, dann aber nimmt es seinen Ursprung in den gewaltigen religiösen Interessen, welche die Christenheit in Palästina verfolgt. Den christlichen Pilgern musste die Möglichkeit der Wallfahrt gewahrt bleiben; der Ruhm, die Straßen zum Heiligen Grabe und der Geburtsstätte Christi zu sichern, schien den Weltmächten nicht weniger erstrebenswert, als der naturgemäß damit verbundene Einfluss, der ständige Einmischungen in die inneren Verhältnisse der Türkei ermöglichte. Unbestritten war bis in dieses Jahrhundert das französische Schutzrecht über die Christen Palästinas, das natürlich vorzugsweise zugunsten der Katholiken geltend gemacht wurde und trotz des französisch-türkischen Krieges auch unter Napoleon I. bestehen blieb. Später beanspruchte Russland den Schutz der griechisch-katholischen Orientalen und die entstehenden Reibungen haben nicht zum wenigsten dazu beigetragen, den Krimkrieg hervorzurufen. Aber auch die protestantischen Mächte sind keine unthätigen Zuschauer geblieben. England und Preußen gründeten gemeinschaftlich das Bisthum Jerusalem, das abwechselnd von beiden Theilen besetzt wird, und man wetteiferte, durch Begründung von Bauerncolonien, von Kirchen, Schulen, Hospitälern, wohlthätigen Anstalten aller Art, sich gegenseitig in den Schatten zu setzen. Die für den October angesetzte Kaiserreise zeigt von neuem, mit welch eiserner Consequenz Wilhelm 11. wie stets, so auch in dieser Angelegenheit seine Ziele zu verfolgen versteht. Sie beweist, welch großen Wert man au die Stärkung des protestantischen Einflusses in Palästina legt, denn der hervorragendste Augenblick wird jedenfalls die Einweihung der neuen protestantischen Kirche in Jerusalem sein, lind nicht grundlos betrachten Franzosen und Engländer die Palästinasahrt mit scheelen Augen, wird doch der Erfolg eine Schwächung ihres Einflusses, eine Stärkung des deutschen bedeuten. Es fragt sich nun. werden die christlichen Mächte, die so bedeutende Interessen im Heiligen Lande erworben, es ruhig geschehen laffen, dass Juden von demselben, sei es auch unter Oberhoheit der Pforte, Besitz ergreifen? Werden sie nicht schon aus rein religiösen Gründen sich dem widersetzen? Die Frage ist so wenig mit der Behauptung abzuthun, dass es den Mächten höchst gleichgiltig sein werde, ob türkische oder jüdische Soldaten am Heiligen Grabe Wache halten, wie mit der Beruhigung, man könne die heiligen Orte exterritorialisieren. Die Türken sind heute die beali possidentes, sie vertreiben, hieße die ganze Orientfrage in Fluss bringen. Muss aber der Türke einmal das Land räumen, wird man es dann wieder in die Hände von Nichtchristen übergehen laffen? Oder wird nicht der christliche Glaubenseifer gebieterisch verlangen, die Herrschaft einer christlichen Macht zu übertragen? Diese religiösen Schwierigkeiten dürften zu heben sein. Die katholische Kirche würde ihre ganze, jahrhundertelange Haltung, die von Clemens VI., Martin V., Pius IV. aus religiösen Gründen zugunsten der Juden gethanen Schritte verleugnen, wollte sie sich einer jüdischen Colonisierung widersetzen. Sind doch die Hoffnungen und Prophezeiungen von der Entstehung des tausendjährigen Reiches, die sich zahlreich im neuen Testamente finden, stets abhängig gemacht von der Erhaltung der Juden und wohl auch, wenngleich die Bedeutung der Stellen unklar ist, von ihrer vorherigen Rückkehr nach Zion. Ueberdies hat sich die katholische Kirche noch mit einer jeden politischen Constellation abgefunden, die auf die Dauer irgendwelche Vortheile versprach. Man hat dafür die Formel des „tolera'i polest". Man findet sich heute mit der Republik in Frankreich ab, wie einst mit dem Kaiserthum, und man hatte doch beide Staatsformen anfangs als kirchenschänderisch verdammt! Wird dem Katholizismus in Palästina die völlige Freiheit seiner Handlung gewähr-