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Die Welt · 1898-07-01 · 26 (1.7.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
26 (1.7.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-07-01
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 r Nr. 26 Diejenigen, die der Dienst tagsüber in der Redaction festhielt, hatten ihr Pensum bereits vollendet, während jene, deren Ressort angestrengte Nachtarbeit erforderte, noch nicht eingetroffen waren. In dem großen, tiefen Zimmer, das an das Privatzimmer des Chef-Redacteurs stieß, brannte nur auf einem der drei mächtigen, mit Papier und Schreibgeräth reich versehenen Tische die kleine, grünbeschirmte Lampe. Ein schmächtiger junger Mann saß dort emsig über seine Arbeit gebeugt, hie und da in einem großen Folianten mit nervöser Hast nachblätternd. Er musste sehr kurzsichtig sein. Denn er hatte - den Kopf so nahe auf das Papier gebeugt, dass man nur einen schmalen Streifen der weißen Stirne und das reiche, schwarze Haar gewahrte. Endlich war das letzte Wort geschrieben. Er legte die Feder weg und lehnte sich tief aufathmend in seinen Stuhl zurück. An David Goldschild — denn er war der schmächtige junge Mann — waren die letzten fünf Jahre nicht spurlos vorüber gegangen. Es war nicht allein der dünne schwarze Schnurrbart, der jetzt die scharf gezeichneten Mundwinkel beschattete, der ihn älter erscheinen ließ. Die geistige Arbeit hatte nicht versäumt, dem schwächlichen Körper ihr Kainzeichen aufzudrücken. Die klugen Augen blickten noch kurzsichtiger, die Schultern waren noch vorgebeugter, der enge Brustkasten noch eingedrückter als vordem. Eine Weile ruhte er, den müden Rücken an die harte Lehne des Stuhles gestützt. Aber plötzlich horchte er auf. Das dumpfe Rollen eines Wagens, der in rasender Eile die Straße heraufkam, ward vernehmbar und verstunimte jäh. Das Gefährte musste vor dem Hause gehalten haben. Gleich darauf fragte eine tiefe Männerstimme im Corridore, wer von den Herren anwesend sei? Noch ehe der Diener Zeit zur Erwiderung gefunden, öffnete sich die Thüre, und der Sprecher trat ein. „Grüß Gott! David!" rief er jovial, die große, beringte Hand dem Redacteur reichend. „Große Neuigkeit! Die Franzosen haben den Malakowthurm erstürmt!" Goldschild sprang auf. „Dann werden die Verbündeten Sebastopol besetzen!" jubelte er. „Sehr wahrscheinlich!" bestätigte der andere phlegmatisch. „Kuno!" rief David mit blitzenden Augen, „jetzt ist der Augenblick gekommen, wo Oesterreich ein Wort mitzusprechen hat!" „Mag sein!A nickte der Chef-Redacteur. „Du musst einen Artikel schreiben! Einen ordentlichen — schneidigen!" fuhr Golschild fort. „Könnte mir einfallen!" murrte Kuno Müller missmuthig. „Abwarten, mein Lieber! Abwarten! Ich werde mir jetzt gerade die Finger verbrennen! — Gibt es etwas Neues?" Da der andere lakonisch verneinte, schickte er sich an, sein Zimmer aufzusuchen. Aber die Klinke in der Hand, wandte er sich noch einmal um. „Ja richtig! Die Arbeit Deines katholischen Vetters — die kann ich selbst Dir zuliebe nicht in mein Blatt aufnehmen!" „Wie Du meinst!" entgegnete David. „Aber mir — dem Arzte — erscheint der Aufsatz in seiner Art sehr beachtenswert!" „Mag sein!" zuckte Kuno die Achseln. „Er passt nun einmal nicht in den Rahmen unseres Blattes. Ich bitte Dich! Ein Feuilleton mit der Auffchrist „Die Seele". Wer von unseren Lesern glaubt noch an die Seele? Wir machen uns nur lächerlich und bringen Deinen Namen in Misscredit. David oder Carl Raphael Goldschild — wer hält das auseinander? Schreibe lieber Du etwas, was den aufgeklärten Leuten gefällt. Zum Beispiel: Der Einfluss des Schnapses auf den Glauben. Oder sonst etwas dergleichen!" Er lachte laut über den eigenen Witz und schlug die 'Thüre hinter sich zu. Dr. Goldschild blickte ihm traurig nach; er war ja an den witzelnden, frivolen Ton des Freundes gewöhnt. Ja, es hatte sogar eine Zeit gegeben, wo er ihn angestaunt und bewundert hatte, wie überhaupt alles, was Kuno Müller sagte oder that. Jetzt aber that ihm diese charakterlose Oberflächlichkeit weh. Draußen im Corridor wurde es lebendig. Die College» stellten sich einer nach dem anderen allmählich ein, Reporter kamen und giengen. David legte seine Arbeit zusammen und rüstete zum Aufbruche. Wenn es sich einrichten ließ, vermied er gerne das abendliche geschäftige Treiben in der Redaction. Langsam schlug er den Heimweg ein. Seit fünf Jahren hatte er mit Raphael dieselbe Wohnung in der Alserstraße inne. Wie wir bereits aus der wegwerfenden Bemerkung Kuno Müllers erfahren haben, war der jüngere Goldschild zur katholischen Kirche übergetreten. Natürlich war dieser Entschluss nicht über Nacht gereift. David hatte chn in der Seele des Freundes sich allmählich entwickeln und Wurzel schlagen gesehen. Er hatte in diesem einen Menschen die Geschichte des Glaubens vieler Jahrhunderte miterlebt. Alle Stadien vom strengen, nüchternen jüdischen Bekenntnisse an bis zur Lehre des dogmenreichen Rom waren durchlaufen worden. Dr. David Goldschild stand ersterem kaum näher als letzterer. Ja — wer weiß ob der junge Arzt nicht selbst das Beispiel des Vetters befolgt haben würde, wenn nicht politische Ereignisse ihn fest an das Judenthum gekettet hätten. Und zwar waren es dieselben, die seine Thätigkeit vom Krankenbette an den Redactionstisch verpflanzt hatten. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts bedeutet ein Zeitraum von fünf Jahren nur wenig in der Weltgeschichte. Die äußere Lage der einzelnen Staaten ist ihren Machtverhältniffen angepasst, und im inneren organischen Aufbaue gab es noch immer Platz genug, um alle Kräfte zu bethätigen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass dieser Zustand erst geschaffen werden musste. Bon Frankreich aus war das Signal zur Revolution gegeben worden — von Frankreich aus wurde auch zum Rückzüge geblasen. Am 2. December 1851 hatte Louis Napoleon durch seinen Staatsstreich die ihn beschränkende Verfassung aufgehoben. Was jenseits des Rheines zugunsten des Ehrgeizes eines Abenteurers geschehen war, bildete für das zerfahrene Oesterreich eine politische Nothwendigkeit. Am 31. December 1851 hob auch hier Kaiser Franz Josef die Verfassung auf. Dr. .David war ein viel zu kluger Kopf, um in diesem Acte die Rückkehr zu vormärzlichen Zuständen zu erblicken. Nach wie vor lag er seinen Studien fleißig ob und erreichte den Doctorgrad. Aber kaum waren die ersten Ansätze zu einer Praxis gemacht, da erschien die Verordnung vom 2. October 1853, durch welche die in den verschiedenen Kronländern vor 1848 bestandenen Gesetze bezüglich des Grundl esitzes wieder in Kraft traten. Diesmal war sich der junge Arzt über die drohende Gefahr keinen Augenblick unklar. Das bedeutete den ersten Versuch, seine Glaubensgenossen wieder zu vogelfteien, heimatlosen Zugvögeln zu stempeln. Denn das heiligste und edelste Gut war für die Menschen seit jeher die Erde. Ihr Besitz ist der einzige, der dem Eigenthümer eine höhere Weihe verleiht. Er verwächst in gewissem Sinne mit der Scholle und mit dem Volke, das sie trägt. (Fortsetzung folgt). Herausgeber: D. Dssttzaurr. Berantw. Red.: Dr.Sirgrrr.Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S.Bergmann), VIII., Schlöffelg. 11.

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