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Die Welt · 1898-07-01 · 26 (1.7.1898) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
26 (1.7.1898)
Article
Neu-Sandec
Date
1898-07-01
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite li Srr. Ls Es werden die tollsten Sachen erfunden und den armen hilflosen Juden in die Schuhe geschoben, um einen Entschuldigungsgrund für all' diese Ruchlosigkeiten zu schaffen. Der Richter Majewski schrie, als er von den Plünderungen auf der Przetakowka hörte, vom Fenster herunter: „Niecli morduja Zydow, po co draznia nassych chiopöw.“ Andere wieder sagen, man könne die Juden morden, da sie schon genug Rcichthümer gesammelt hätten. Die Polizei meint, dass es ihr gar nicht einfalle, die Juden vor den Christen zu schützen. Der Bezirkshauptmann haftet nicht für Raub, aber fürs Leben kann er haften. Ist das nicht ein hübscher Trost? Es wäre dringend nöthig, dass sich eine Deputatton nach Wien begebe, genau dem Ministerpräsidenten über die hiesigen Zustände berichte, damit er diesem Treiben Einhalt thue. Vom Bezirkshaupttuann ist nichts zu erwarten, alles wird totgeschwiegen. Alt-Sandec ist vollständig ausgeplündert, und heute drohen die Excedenten hier dasselbe zu thun. Wir sind sehr bedroht, die Behörde thut nichts. Zum Schutze sind etliche Reservisten da, lauter hiesige Leute, oder Leute von der Umgebung, die stehen und schauen zu, wie man raubt und die Juden misshandelt. Es ist ein Gräuel; alle Juden außerhalb der Stadt sind beraubt und geplündert und wehe, wenn sich jemand wehrt, heute hat man über 30 jüdische Bürger arretiert, man ist zwischen Thür und Angel. Gott weiß, was unser noch wartet. Gott möge sich unser erbarmen. Neu-Sandee. (27. Juni; aus einem Privatbriefe.) Alles geht hier in Angst und Schrecken umher: Man hört nichts als Weinen und Jammern. Alle Geschäfte sind geschloffen. Die Bevölkerung stirbt fast Hungers, denn man kann nichts bekommen. Das Militär ist von den fortwährenden Strapazen erschöpft. Alle Handlungen und Wirtshäuser sind ausgeplündert. Alt-Sandec ist vom Grunde aus zerstört und vernichtet, so dass die wohlhabendsten Juden Bettler geworden sind. Wir sind in fortwährender Aufregung, da wir einen Ueberfall befürchten. Wir bestteben uns militärischen Schutz zu erhalten, aber vergebens. Der Statthalter ist heute eingetroffen, und die Vertreter der Cultusgemeiude haben sich soeben zu ihm begeben. Das Ergebnis weiß ich noch nicht. Auch Frauen begeben sich zum Statthalter, um ihn um Hilfe anzuflehen. In den Dörfern sind die jüdischen Wirtshäuser ausgeplündert. Wir haben bereits seit einer Woche nicht geschlafen. Gestern waren hier gegen 500 Bauern, die aber vom Militär an Exceffen verhindert wurden. Die Angst und der Schreck spotten jeder Beschreibung. Jede Stunde kommt eine neue Hiobspost. In Krynica herrscht große Aufregung. Es wurde ein allgemeines Fasten angcordnet, und in allen Bethäusern wird „Thilim" gesagt. Der Friedhof ist von einer großen Menschenmenge umlagert. Der Rabbiner ließ ausrufen, dass die Geschäfte gesperrt bleiben müssten, und dass sich kein. Jude auf der Straße zeigen solle. Heute sollen die Geistlichen auf dem Ringplatz beschwichttgende Reden halten; niemand wagt unterdeffen sein Zimmer zu verlassen. Soeben hören wir, dass in Krynica Feuer gelegt wurde. Frankreich. Paris. Der Z o l a - P r o c e s s soll desinitiv am 18. Juli stattsinden. Heute ist die Liste der Geschworncn publiciert worden. Dieselben sind meist Grundbesitzer aus Versailles, Meudon, Saint-Germain, Sevres und anderen kleinen Orten. Auch einige Industrielle, ein Ingenieur und ein Maler sind auf der Liste. Der Zufall wollte es, dass als Ersatzgeschwvrner Gabriel Monod ausgelost wurde, welcher in Versailles eine Billa besitzt und einer der ersten für die Unschuld Dreyfus' thättg gewesen ist. Paris. Das Disciplinargericht hat Josef Rein ach seiner Charge als Hauptmann der Landwehr für verlustig erklärt. Drumvnt und Rochefort haben also ihren Willen durchgesetzt. Auch bei der neuen Cabinetsbildung hat der Druck der Nationalisten (lies: Antisemiten) die Uebergabe des Portefeuilles des Kriegsmiuisters an ihren Günstling C a v a ig n a c durchgesetzt. Im Cabinet B r i s s o n ist Cavaignac Kriegsminifter geworden. Das Cabinet soll auch eine Erklärung des Inhaltes beabsichtigen, dass es eine Wiederauftollung der Dreyfus-Frage nicht dulden und der ehose jugee Achtung verschaffen werde. Crrglarrd. Lorrdon.Der letzten Nummerdes „Jewish Express" entnehmen wir Folgendes: Mr. Abrahams ist von seiner Palästinareise zurückgekehrt und gestand gelegentlich eines Diners im Maccabäerclub in London, dass die Colonisation nicht ein solches Verbrechen sei, wie er es früher bei seiner Bekämpfung der Chowewe Zion geglaubt habe. Wie seine Gesinnungsgenoffen, die Protestrabdiner gibt er nur die Wichtigkeit der Colonisation zu, ohne jedoch die Nationalttät der Juden einzugestehen. Dies besorgte für chu Mr.Zangwill, der die Thättgkett des Maccabäerclubs einer Krittk unterzog, weil sich die „Maccabeans" nicht offen der zionistischen Bewegung anschließen. Zionisten seien sie ja alle, sowohl Mr. Abrahams als die Anderen, die sich noch scheuen, 'sich zum Zionismus zu bekennen. Wären sie blos Engländer oder englische Juden, was kümmerte sie dann überhaupt Palästtna oder die ruffischen Juden. Schon dieses Jntereffe allein beweise ihre nationale und Raffen-Zusammengehörigkeit. Jntereffant waren die Ausführungen Zangwills, die sich mit dem Jndifferentismus der englischen Großjuden befassten. Diese seien nicht gegen den Zionismus, weil sie durch Nachdenken Hum Schluffe gelangten, dass er schädlich sei, sondern deshalb nur, weil sie überhaupt nicht nachgedacht haben. Ihr Jndifferenttsmus sei nur eine Folge ihrer Denkträgheit und diese intellectuelle Träghett der englischen Juden könne nur mir der physischen Trägheit der morgenländischen Juden verglichen werden. — b — * Vmiusuachrichtell. Brün«. „Der Verein jüdischer Mädchen „Jehudith" hat bisher folgende Vorträge veranstaller: 1. lieber das Wesen des Zionismus; 2. Sittliche Judennolh; 3. Die Makkabäerzeir; 4. lieber die zionistische Ltteralur; 5. Zwei Reden Mathias AcherS. — Am 15. 8. 1897 veranstaltete dre „Jehudith" ihren ersten öffentlichen Vortrag, der sehr zahlreich besucht war. Es sprach Herr Dr. Max Grunfeld über „Bedeutende Erscheinungen rn der Geschichte der Juden in Spanien." Die vortrefflichen Ausführungen, die von dem reichen Wissen des Redners zeigten, rissen das Publikum zu großem Beifall hin. Heidelberg. Auf Anregung des Dichters L. I a f s e wurde hier ern hebräischer Sprachverein gegründet, dem sich särmnlliche zionistischen Studenten angefchlossen haben. Der Verein trägt den Namen „Ben Dawid" zu Ehren des vor kurzem verstoroenen hebräischen Schriftstellers Dawidowicz in Odessa. Von Zeit zu Zeit werden hebräische Referate gehalten, über die dann in hebräischer Sprache discutiert wird. Zu den größten Förderern und Freunden des Vereines gehörte der selige Profeffor Schapira, der sich an den Discuiflonen mir inniger Freude zu betheiligen pflegte. In diesen Verein, der die Aufgabe der geistigen Wrederveleoung des JudenthumS auf seine Fahne geschrieben, setzte Pros. Schapira die besten Hoffnungen. Rach Verlauf der 30tägigen Trauerfrist veranstaltete der Verein eine Trauerfeier, bei welcher Herr Josef Klausner eine glänzende hebräische Rede über Prof. Schapira hielt. Isaak Wiernikowski. Bern. Der akademische Zionistenverein in Bern ersucht zu constatieren, dass die seinerzeit gebrachte Notiz über die Verbindung des Herrn M. B a r u ch mrt dem Vereine unrichtig sei. Auch der Bericht über die Thätigkett des obgenannlen Herren, sowie über die Versammlungen, die er einberusen haben soll, entsprach nicht den Tyalsachen. Äc ZckschnfikuruudschM. In einem Artikel in der „Neuen Zeit" vom 21. Mai d. I., über die „Probleme des Socialismus" polemisiert der bekannle socialistische Schriftsteller und Jude Eduard Bernstein gegen

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