Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Article
- Wien
- Date
- 1898-07-01
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 13 nicht nur Bettler, sondern auch Mörder gezüchtet werden sollen. Die galizischen Bauern werden diesem Wunsche mit Vergnügen Rechnung tragen. Die Regierung aber und die Parteien, welche sie stützen, dürfen darauf rechnen, dass ihr Verhalten während der letzten Exceffe die Juden zu ihren heißesten Anhängern machen wird. Nicht nur die Juden Galiziens, sondern alle österreichischen Juden werden ihr deswegen bei Gelegenheit ihren wärmsten Dank abstatten. Und die Gelegenheit ist vielleicht nicht mehr so ferne. Wien. Die Leitung des Wiener Kaufmännischen Vereines erhielt folgende, von einer Reihe ihr als hervorragend bekannter Firmen Unterzeichnete Depesche: „An den Wiener Kaufmännischen Verein in Wien. Krakau, 26. Juni. Plünderungen und Raub in Westgalizien dauern fort. Freitag, Samstag neuerdings viele Orte, besonders Alt-Sandec, geschlossene Geschäfte erbrochen und ausgeraubt. Ersuchen, sämmtliche Mitglieder zu verständigen, dass bei weiteren Vorkommnissen gesammter Handelsstand Westgaliziens höchst gefährdet. Alle Jntereffenten mögen „auch im eigenen Interesse bei competenten Behörden raschest Möglichstes veranlassen, um schleunige Abhilfe zu erwirken. Gefahr im Verzüge. Jacob Bober, Krakau; Salomon Ritterman, Krakau; Kosches & Birnbaum, Krakau; David Zins, Tarnow; Abraham Thorn, Tarnow; Mendel Herzbaum, Tarnow; Pariser & Dankowitz, Tarnow". Die Bereinsleitung hat sofort eine diesbezügliche Eingabe au das Ministerium des Innern gerichtet und des Weiteren die hervorragendsten kaufmännischen Corporationen eingeladen, ebenfalls die erforderlichen Schritte competentenorts zu unternehmen. Wien. Am Dienstag hat eine Deputation aus Neu- Saudec, welcher Herr Dr. Leo Silbermann und Herr Maus aus Neu-Sandec angehörten, beim Ministerpräsidenten Grafen Thun vorgesprochen. Der Ministerpräsident, welchem die verzweifelte Lage der galizischen Juden von der Deputation auseinandergesetzt wurde, hat derselben die Mittheilung gemacht, dass soeben der Ministerrath beschlossen habe, über Sandec das Standrecht und über 33 galizische Bezirke den Ausnahmszustand zu verhängen. Die Regierung hofft, auf diese Weise in kurzer Zeit der Unruhen Herr zu werden. Rzeszow. Aus Rzeszow wird unter dem 26. d. geschrieben : „Heute hatten wir hier einen heißen Tag. Die ganze Stadt brachte diesen Tag in der größten Aufregung zu. Das Kosciuszko-Denkmal wurde heute hier enthüllt, und ein Ausschlachten aller Juden war auf diesen Tag angekündigt. Einige tausend Bauern unter der Führung des Abg. S z a j e r sollten Zeugen dieses seltenen Festes sein, und Herr Szajer musste von vielen einflussreichen Herren gebeten werden, auf seine Genossen beruhigend einzuwirken. Die ganze Garnison war in den Kasernen consigniert, etliche fünfzig Gendarmen versammelt, und nur diesen außerordentlichen Maßregeln haben wir es zu verdanken, dass es heute ruhig zugieng. Wir betonen heute, weil die Bauern versprochen haben, diesen Festtag nicht stören zu wollen. Was die nächsten Tage bringen werden, weiß kein Mensch. Der geringste Zufall kann Plünderungen, Raub und Mafsacres heraufbeschwören. „N. Fr. Pr." . Lemberg, 27. Juni. In Du biecko (Bezirk Brzüzow) sind ebenfalls Excesse ausgebrochcu. Das von Przcmysl requirierte Militär hat die Ruhe wieder hergestellt. Der Stadt- und Gerichtsarzt in Brzostek, Dr. Casimir Czerwinski, theilt den hiesigen Blättern mit, dass das auch von polnischen Journalen wiederholte Gerücht, der dortige Bicar P. © t a n! a sei von den Juden vergiftet worden, der Begründung vollständig entbehre, da der Tod dieses Geistlichen, den Dr. Czerwinski ärztlich behandelt habe, durch einen Blutsturz verursacht wurde. „N. Fr. Pr." Lemberg, 27. Juni. Das ist ein kummervolles Jahr für die Juden Galiziens. Die Zionisten haben es genug oft betont, wie schrecklich das Elend der galizischen Juden sei. Sie haben sich nicht durch die schönen Worte und die Auszeichnungen blenden lassen, welche den Freunden der galizischen Junker, B Y k, „v o n" Horowitz, Rappaport e tutti quanti so oft zutheil wurden. Sie wussten,was dem jüdischen Volke bevorstehe, das noch immer der Leitung und der Gewaltherrschaft dieser Leute nicht zu widerstehen vermag. Dass aber so rasch das geflügelte Wort „es gibt keinen Antisemitismus in Galizien" vor aller Welt zu Schanden würde, haben sie selbst kaum geglaubt. Es ist ein grenzenloser Jammer, der jetzt über die Juden Galiziens hereingebrochen ist. Nach verlässlichen Berichten ist es in Alt- und N e u-S a n d e c geradezu schrecklich zugegangen. Die ganze Revolte war offenbar von langer Hand vorbereitet. Wie nach einem feststehenden Plane giengen die Excedenten vor, und ihre Organisatoren scheinen in Kriegstaktik und in der Belagerungskunde den Beamten weit über zu sein. Die Bauern haben ihre Wohnungen verlassen, wollen von keiner Arbeit etwas wissen. In Banden organisiert streifen sie durch die Gegend, bald da, bald dort auftauchend, und überall bedeutet ihr Erscheinen den Ruin der Juden des betreffenden Ortes. Die Juden flüchten aus den kleineren Orten und lassen ihr armseliges Hab und Gut im Stiche. Die wenigen Wohlhabenderen unter ihnen vergraben ihre Kostbarkeiten. Alle jüdischen Geschäfte und Gasthäuser in Sandec und Umgebung sind gesperrt. Auch diese Vorsichtsmaßregel, deren längere Dauer übrigens für die Kaufleute und Wirte vernichtend ist, weil sie auf den kärglichen Verdienst des Tages angewiesen sind, auch diese Vorsichtsmaßregel ist leider nutzlos. Die Excedenten erbrechen die versperrten Läden. Die Anwesenheit der Soldaten geniert sie nicht. Sie rauben unter ihren Augen. Wenn aber die Soldaten einmal energischer Vorgehen, so zerstieben die Plünderer nach allen Richtungen und verbergen sich in ihren Schlupfwinkeln. ' Fast regelmäßig kommt das Militär erst, wenn die Plünderung bereits vorüber ist. Gegen die Civilbehörden werden schwere Anklagen laut. Es ist auch nicht zu leugnen, dass die Behörden bis jetzt vor jeder energischen Action zurückschrecken, und dass gerade dies Zaudern die Excedeuten ermuthigt. Speciell im Sandccer Rayon soll die Behörde den Plünderungen mit einer gewissen Ruhe lange Zeit zugesehen haben, ehe sie sich entschloss, die aus der Sandecer Gegend eben eingerückten Reservisten zur Wiederherstellung der Ordnung zu verwenden. Der Effect war dieser Verfügung entsprechend. Alt-Sandec sieht aus, als ob es eben vom Feinde verwüstet worden wäre, und in Neu-Sandec war es nicht viel besser. Die jüdische Bevölkerung ist in solcher Aufregung, dass die meisten Familien alles bereit halten, um im Nothfalle sofort flüchten zu können. Aus Neu-Sandec begaben sich ein Arzt und ein Kaufmann nach Wien, um beim Ministerpräsidenten eine Audienz zu erwirken. Wir glauben nicht, dass ohne energische Intervention der Centralregierung den galizischen Excessen ein Ende gemacht werden kann. Von der Thätigkeit unserer jüdischen Abgeordneten hört und sieht man nichts, wenn man nicht ein paar Notizen ihnen befreundeter Journalisten dafür nehmen will. Gott helfe uns — von ihnen! Nen-Saudec, den 20. Juni 1898. Einem Schreiben ans Neu-Sandec entnehmen wir folgende Details: „Es ist fürchterlich, die ganze christliche Bevölkerung bctheiligt sich an den Hetzereien, schürt den Hass der Plünderer und spornt sie zu neuen Greueln an. Ein Sandecer Buchhändler fährt öffentlich in allen Dörfern der Umgebung herum und hetzt die Bauern auf die Juden. Auf seinen und Doctor Kijas' Befehl wurden viele ehrenhafte jüdische Bürger arretiert, trotzdem sie vollständig unschuldig waren. Darunter waren Misshandelte und Geplünderte. Man darf sich nicht einmal wehren, sonst wird man noch obendrein verhaftet, man muss schweigend das ganze Hab und Gut dieser Räuberbande überlassen, wenn man fein Leben retten will. Die Christen verbergen nicht einmal ihre Freude darüber, sie lachen den Inden höhnisch ins Gesicht und stoßen Drohungen aus. Die ganze Umgegend ist total ausgeplündert, trotzdem Militär dort ist, es ist ja gar nicht zu verwundern, denn den Banden wird sowohl von den besseren Ständen, als auch von den Beamten Vorschub geleistet.