Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Article
- Alexandrien
- Date
- 1898-07-01
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr 26 „geheimen" Plan hat. Diese geheimen Pläne hat man uns öfter entgegengehalten; wenn wir die Leute fragten, wieso sie zu einer solchen Meinung gekommen, antworteten sie gewöhnlich, sie hätten mit einem gewissen Dr. R o t h st e i n gesprochen, der sich hier, als unsere Agitation anfieng. als Emissär „geheimer russischer Zionsvereine" ausgab. Natürlich haben wir diesen Mann als das erklärt, was er ist: als einen Schwindler, der im Trüben fischt und lediglich schmutzige Privatzwecke verfolgt. Wir haben, uns dafür verbürgt, dass es keine einzige geheime zionistische Gesellschaft gebe, weder in Russland noch anderswo. Dadurch ist hoffentlich dieser Herr für die Zukunft kaltgestellt. Die Versammlung selber von langer Hand vorbereitet, verlief in durchaus würdiger und großartiger Weise. Die beträchtliche Zahl der Erschienenen lieferte den Beweis für die begeisterten Sympathien, die der Zionismus in der kurzen Zeit seiner hiesigen Propa-' ganda sich in allen Kreisen der egyptischen Judenschaft erworben hat. Herr Charles Bagdad!i, der Präsident des provisorischen zionistischen Comit^s hielt eine großangelegte Rede, in welcher er die Hauptargumente der Antizionisten lichtvoll gruppierte und widerlegte. Wir heben einige Sätze in deutscher Uebersetzung (die Rede wurde französisch gehalten) hervor: Wenn der moderne Jude Zionist ist, so ist er es, weil er es sein muss, wenn er nicht zugrunde gehen will.- Wir wollen uns wieder an einen Tisch der Freude setzen, nachdem wir genug Bitterniffe getrunken im Thränenthal. Und das Ende der Tage, für welches die Erlösung angekündigt worden, nach unserer Ueberzeugung kann es nicht mehr fern sein. Mehr als es bisher gelitten, vermag das jüdische Volk nicht mehr zu leiden. Daher wird es sich aufmachen, um sich selbst zu. befteien unter dem Beistand des allmächtigen Gottes. In einem unendlich langen Zuge wird es heimkehren ins Land seiner Väter. Hinter ihm die Noth als Treiber und Dränger, vor ihm die Hoffnung, als Leuchte und Führerin, am Ende des Weges aber, als festes Ziel, das gelobte Land, eine Heimstätte des Wohlstandes und der Zuftiedenheit. Von packendstem Interesse für die Anwesenden war der Schlusspaffus: „Ich will als Aegypter zu Aegyptern reden. Wir Aegypter haben zunächst die Pflicht, uns zu fragen: wird nicht durch den Zionismus unsere Pflicht als Unterthanen des türkischen Reiches verletzt"? Auf diese Frage habe ich zur Antwort zu geben eine feierliche Erklärung, zu welcher ich mich habe eigens autorisieren lassen: Der Zionismus tritt nicht gegen den Sultan auf, den wir als gnädigen Herrscher kennen und verehren, der Zionismus ist keine Verschwörung gegen die türkische. Staatsidee. Es kann der patriotischeste türkische, speciell ägyptische Jude an unseren Bestrebungen theilnehmen. Nochkein einziges türkisches Regierungsblatt ist gegen uns aufgetreten. Im Gegentheil, in einem officiösenBlatte, der „Correspondance d e l'Est", waren Worte hoher Ermuthigung für unsere Idee zu lesen. Keine Frage: der ägyptische Jude darf nach bestem politischen Gewissen Zionist sein. Aber ist es, wird man ftagen, unbedingt norhwcndig Zionist zu. werden? Uns ägyptischen Juden geht es ja ganz gut! Darauf antworte ich: Ganz recht, wir müssten eigentlich keine Zionisten sein. Nothwendig ist es nicht. Also wäre die Situation ganz klar? Jawohl.' Bis auf eine .Kleinigkeit die man nicht übersehen darf. Es wäre nämlich eine Herzlosigkeit und Beschränktheit, ein Berrath an unserer Geschichte sondergleichen, sich auf den Standpunkt des reichen Bruders zu stellen, der den armen nicht kennen will. Eine Kleinigkeit! Was macht es in unserer harten Zeit des Egoismus und des Oportunismus aus, eine solche Kleinigkeit zu übesehen? Aber nein, lassen wir diesen Scherz, der mich unserer Herzen nicht würdig dünkt. Dass wir Zionisten werden dürfen, ist klar, dass wir es werden müssen, gebietet Herz und Ehre.- Die Rede, insbesondere der zuletzt citierte Passus machte auf die Anwesenden einen mächtigen Eindruck. Es wurde beschlossen, die Rede in Druck zu legen und an alle Juden Aegyptens zu versenden. Nachdem noch Herr A b o u a f einen warmen Appell an die Versammlung gerichtet, treu zur Sache des Zionismus zu stehen, und Herr M o r d o ch einen Ueberblick über den gegenwärtigen Stand der zionistischen Bewegung gegeben hatte, schloss die Versammlung, von der wir noch gute Früchte in der Zukunft erwarten. Wir haben bis jetzt gegen 300 Schekelzahler. In den nächsten Tagen wollen wir uns mit den Delegiertenwahlen befassen. Aufruf! Für die Geplünderte» in Galizien. Die Schreckensnachrichten aus Galizien .sind Jedem bekannt. Wir brauchen sie nicht zu wiederholen. Unsere armen Brüder haben schwer gelitten. Existenzen sind zerstört, die Erwerbsverhältniffe jener Unglücklichen noch ttostloser geworden. Mit Befremden haben wir bisher eine Hilfsaction zugunsten der «Schwergetroffenen vermisst. In den Kreisen der Judenschaft, die sich gegen den Zionismus ablehnend verhalten, weil sie eine Befferung der Zustände „an Ort und Stelle" als das Richtigere ausgeben, in diesen menschenfreundlichen Kreisen rührt sich nichts. Darum wollen wir, obwohl wir die gründliche und endgilttge Heilung der Judennoth mit aller Kraft anstreben, doch auch am Uebel des Tages nicht vorübergehen und wollen eine sofortige Hilfsaction beginnen. Wir eröffnen hiermit eine Sammlung für die Opfer der galizischen Unruhen. Die Spenden sind mit der Bezeichnung: „Für den galizischen Hilssfoud" an Herrn Dr. Alexander Mintz, Hof- und Gerichtsadvocaten in Wien, 5., Schulerstraße 20, einzusenden. Die „Welt" wird jede Woche einen Ausweis bringen. Zur gerechten Bertheilung der gesammelten Gelder wird in Galizien selbst ein Berwaltungscomitv eingesetzt werden. Die Rechnungs legung wird selbstverständlich eine öffentliche sein. Wien, Ende Juni 1898. Das Comitö der Zionisten: Dr. Theodor Herzl, Obmann. Dr. M. T. Schnirer Dr. O. Koke sch. Dr. A. Mintz. Gespendet haben bisher: Dr. Herzl .... . . fl. 100 Dr. Kokesch . . . 50 Dr. Mintz .... 100 I. Kremenezky. . . 50 Dr. L. Kahn . . . 25 Paul Naschauer . . > - „ 100 & CorrespoudcilM Oesterreich-Ungar». Wie«. Bon den galizischen Behörden war am Ende der vorigen Woche versichert worden, dass der Aufruhr in den verschiedenen galizischen Bezirken aufgehört habe, und die Ordnung wiederhergestellt sei. Alle officiellen Nachrichten versicherten dasselbe. Als Beleg für die Wahrheit dieser amtlichen Kundgebungen dürfen die Berichte über die neuerlichen Unruhen in Neu-Saudec und Umgebung gelten. Nach den Berichten der Augenzeugen sollen die revolüerenden Masten vor den Augen des Militärs und der Gendarmerie in geradezu barbarischer Weise gehaust haben. Hunderte jüdische Familien sind an den Bettelstab gebracht, hunderten steht offenbar noch das gleiche Schicksal bevor. Nichts blieb den Armen als das nackre Leben. Und selbst das ist stündlich bedroht. Denn die Vorkehrungen der localen und der Landesbehörden sind vollständig unzureichend. Ob dies durch ihre Unfähigkeit, Kopflosigkeit oder durch eine gewiffe schadenfrohe Indolenz verursacht ist, kann man vorläusig noch nicht genau entscheiden. Wenn man die Aeußcrungen mancher galizischer Beamten hört, die berufen wären, die Ordnung aufrecht zu erhalten und die jüdischen Bürger wenigstens in ihren primittvsten Rechten zu schützen, so muss man annehmen, dass sie in geradezu unveranttvortlicher Weise die Pflichten ihrer Stellung missachten. Ein Bezirkshauptmann, an den sich die bedrohten Juden in den letzten Tagen mit der flehentlichen Bitte wendeten, anlässlich der eben vorgefallenen Plünderungen und Mordbrennereien doch energisch einzuschreiten, erklärte mit stoischer Ruhe: „Was wollt Ihr? Habt Ihr denn schon Menschenleben zu beklagen?" Es scheint, dass