Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Article
- Jaurés über die Juden
- Date
- 1898-07-01
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10. Nr. 26. Beispiel waren das jüdische Proletariat und Kleinbürgerthum auf der einen, das Großjudenthum auf der anderen Seite. Rothschild braucht die Generale, um sein wie das christliche Capital zu vertheidigen. Rothschild war deshalb gegen die Störer und für das Kriegsgericht, die Pellieux, Boisdeffre, Esterhaszy, Drumont und Rochefort. Ein wunderbarer Kritiker und einer der größten Schriftsteller unserer Zeit sagte mir, seit ich in der Zola-Sache als Zeuge aufgetreten bin, werde ich in den Salons einzig von den jüdischen großen Damen getadelt. Um ihre Borrechte zu retten, sind sie nöthigenfalls bereit, vor dem großen Gekreuzigten Buße zu thun und ihre Raffe auszuliefern, um ihre Claffe zu retten". Die Jude» im amerikanischen Freiwilligenheer. Aus Amerika kommen immer mehr Nachrichten von der Opferwilligkeit und deor Muth der Juden. In Cincinnati hat sich eine Liga russischer Juden behufs Ankauf eines Kriegsschiffes gebildet. Im 'ersten freiwilligen Regiment von Californien dienen über 100 Juden unter dem jüdischen Major Harry Weinstock. Das erste Regiment von New-Iork zählt 300 Juden, von denen mehr als fünfzig bereits in Europa ihre militärische Ausbildung erüalten haben. Die Familie Peixoto allein stellte ihre drei Mitglieder. Der New-Iorker Großconfectionär Lyman Bloomingdale hat ganz selbstlos die. Uniformierung eines ganzen Regiments übernommen. Mr. Pepperberg von Nebraska sandte einen Brief an Mac Kinley, dem er unter Hinweis auf sein Alter, das ihm die Kriegsstrapazen nicht ertragen laste, einen Cheque ans 200 Dollar anschloß. Ter erste Verwundete im Kriege war der 21jährige Matrose Samuel F e l d st e i n. Auch auf der siegreichen Flotte des Admiral Dewey befinden sich Jude«. Bekannt ist namentlich ein junger Mann, Namens Henry Gottlieb, der sich vor 3 Jahren als löjähriger Junge anwerben ließ. Neues von Esterhazy. Clemenceau theilt in der „Aurore" mit, dass Esterhazy einer neuen Fälschung überwiesen sei. Als er im Jahre 1881 in Tunis als Hauptmann diente, wurden drei Offiziere seines Regiments im Armeebefehl lobend erwähnt. Esterhazy befand sich nachweislich nicht unter ihnen, aber nachdem er das Regiment verlaffen, schrieb er selbst in sein Dienstbuch eine lobende Erwähnung ein, die nie stattgefunden hatte. Mehrere Jahre vergingen, ehe der Betrug entdeckt wurde. Erst General Guerrier, unter dem Esterhazy in Rouen diente, durchschaute den Sachverhalt, und auf seinen Antrag strich der Kriegsminister jene als Fälschung erkannte Erwähnung. Im Process Zola hatte zwar der Staatsanwalt die Sache so zu erklären versucht, dass im Dienstbuche Esterhazy's aus einem Regimentsbefehl aus Versehen ein Armeebefehl gemacht worden sei. Aber diese Ausrede sei vom Kriegsminister absichtlich erfunden und in die Personalacten Esterhazy's eingefügt worden, als dieser vor das Kriegsgericht gestellt wurde. Aus diesem Grunde habe auch der Präsident im Zolaproceste die Zeugenaussage des Generals Guerrier verhindert, indem er die Verspätung der Vorladung vorschützte. Man darf gespannt darauf sein, ob es Clemenceau gelingen wird, diese „Berichtigung" der Personalacten im Kriegsministerium unwiderleglich zu beweisen. Die Abstammung des Fürst-Erzbischofs Doetor Kohn. Bon Seiten der österreichischen Antisemiten hat der Erzbischof von Olmütz, Dr. Theodor Kohn, jüngst heftige Angriffe erfahren, und man warf ihm unter anderem auch vor, er begünstige die Juden ganz besonders auf seinen Gütern. Es ist darum interessant, so lesen wir in der „Frkf. Ztg.", auf authentische Mittheilungen über Dr. Kohns Abstammung Hinweisen zu können, die in dem soeben erschienenen Buche: „Geschichte der Juden in Kremsier", Band II, von Doctor Frankl-Grün enthalten sind. Vorausschicken müssen wir, dass bis zum Jahre 1848 in Mähren nur eine bestimmte Anzahl jüdischer 'Familien (5400) bestehen durfte. Ein Jude in Mähren durfte erst dann heirathen, wenn durch den Tod eines Familienvaters eine „Familie" vacant geworden. Dieses phara- . onische Gesetz wurde aber von den Juden vielfach umgangen, indem sie sich von irgend einem Glaubensgenvffen rituell trauen ließen, da der Rabbiner als Beamter eine solche Trauung nicht vornehmen durfte. Es war dies ein offenes Geheimnis, und wenn auch diese Ehen staatlich nicht anerkannt wurden, und die Kinder aus ihnen den Vermerk „unehelich" im.Geburtsregister führten, so wurden doch in der Synagoge und im socialen Gemeindeleben derartige Ehen als vollgiltig und die Kinder aus denselben als ehelich angesehen. Anders lag aber die Sache, wenn officielle Anzeige von dem Bestände einer solchen Ehe bei der Regierung erfolgte, dann traten harte Strafen nach dem Gesetze ein. Auch der Großvater des Erzbischofs hatte nun ohne Recht der „Familie" geheirathet, und dies gelangte durch einzelne seiner Stammesgenoffen und Landsleute, mit denen er in Unfrieden lebte, zur Kenntnis der Behörde. Um sich nun einer gerichtlichen Strafe zu entziehen, verließ er seinen Glauben, soll aber später die Lundenburger Juden, die seinen Uebertritt verursacht, so gehasst haben, dass, wie er sagte, er sich im Zorne leicht Hinreißen laffen könnte, einen von ihnen zu tödten. Er erlebte noch die Priesterweihe seines am 22. Marz 1845 zu Breznie geborenen Enkels, deffen Vater Josef im Alter von 3 Jahren getauft worden war. Die Jude»' und das Gerncindcwahlrecht in Russland. Die Beschränkungen des activen und paffiven Wahlrechtes der Juden, welche die von Alexander UI. modificierte Städtewahlordnung des liberalen Alexander II. enthält, zeitigt in den Städten mit überwiegender jüdischer Bevölkerung ganzsvnderbareErscheinungen. So z.B. werden in der StadtBerditschew mit einer Gesammtbevölkerung von über 55.000, die zu fünf Sechstel aus Juden besteht, Heuer im ganzen 140 Wähler zur Wahlurne schreiten. Dieselbe Erscheinung wird in ganz Südwest-Russland constatiert: die Zahl der jüdischen Wähler und der jüdischen Gemeinderäthe gieng auf ein Zehntel der ehemaligen herunter und in kleineren Städtchen fehlt es gänzlich an jüdischen Gemeinderäthen. Schächtvcrbot Aus Bern wird den „M. N. 8t." berichtet: Seit durch die Aufnahme des Art. 25 dis die Bundesverfaffung(durch die Volksabstimmung im August des Jahres 1893) das Schächten von Thieren im Gebiete der Eidgenoffenschaft verboten ist, müffen diejenigen Juden, die Fleisch von ritual geschlachteten Thieren effen wollen, ihren Bedarf aus dem Auslande decken. Die Fleischversorgung strenggläubiger Juden geschieht, was die Nord- und Ostschweiz anlangt, von Deutschland und zwar zumeist von Baden aus. Gegen diesen Import hat nun der Aargau'sche Thierschutzverein beim Bundesrathe Einspruch erhoben, weil durch die Einführung des Fleisches geschachteter Thiere die Verfassung verletzt würde. Der Bundesrath hat darauf einen abschlägigen Bescheid ertheilt mit der Begründung, dass ein Verbot der Einführung von Sch ächtfleisch nicht im Wortlaut der betreffenden Verfaffungsbestimmung enthalten sei. Auch sei das Schächtverbot nicht aus sanitäts-polizeilichen Gründen erlaffen worden. Der Art. 25 dis sei seiner Natur nach eine polizeiliche Vorschrift, deren Anwendungsgebiet nicht über die Schweiz hinausgehe. Mehrere neue jüdische AckerbanColvnien sollen, wie man berichtet, in Südrussland im Herbste dieses Jahres vour Landwirtschaftsministerium begründet werden. Das Schulbank-Ghetto. Ein Wiener antisemitisches Blatt theilt mit, dass im II. Wiener Bezirke binnen Kurzem die confeffionelle Scheidung in den Schulen durchgeführt werden soll. Eine hebräische Bibliothek. Man schreibt der „Frkft.-Ztg.": Eine kostbare Privatsammlung hebräischer Bücher dürfte demnächst wieder ins Ausland, nach England oder Amerika wandern, wenn sich nicht bei uns ein Mäcen findet, der sie der deutschen Wiffenschaft erhält. Der Sammler ge hört zu den kundigsten Männern, die sich je mit jüdischer Wiffenschaft beschäftigt haben, und fand wie kaum einer vor ihm Gelegenheit, in Italien, seiner zweiten Heimat, Bücherschätze zu sammeln, die ihm Material für seine Studien boten. Ein Band mit dem Titel: „Aus meiner Bibliothek. Beiträge