Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Article
- Der zweite Baseler Congreß
- Date
- 1898-07-01
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 26 J*$war Seite 7 Vom Congressburecm und einzelnen Landescomitös kommen Klagen darüber, dass manche Schekeljuxten und Gelder einlaufen, ohne dass die Namen der Schekelzahler angegeben werden. Es werden daher alle Schekelblock - Inhaber, welche die Namen der Schekelzahler nicht angegeben haben, dringend aufgefordert, umgehend die Namensliste an das Congressbureau in Basel zu senden, damit in der Zustellung der Wahllisten keine unliebsame Verzögerung eintrete, und Reclamationen vermieden werden. K Die Woche. Wien, 22. Juni 1898. Die Judenexcesse in Galizien setzen auch weiterhin die verschiedenen Telegraphenämter in Bewegung. Die Thätigkeit der Telegraphenbeamten ist wohl der Haupteffect, den die Judenexcesse außerhalb Galiziens anslösen. Freilich muss man, wenn man nicht ungerecht sein will, auch der Journalisten gedenken, die sich durch die Unruhen zur weitgehendsten Kraftänßernng anregen ließen und in dieser Hinsicht vor keinem Telegraphenbeamten zu erröchen brauchen. Dann haben es noch mehrere Clubs, Vereine rc. versucht, durch Herstellung von Petitionen, Protesten, oder gar durch Audienzen mit der Regsamkeit der Telegraphenbeamten zu concurrieren, es waren aber nur dilettantische Energieversuche, die in den Reihen der Telegraphen-, beamten höchstens ein mitleidiges Lächeln hervorzurufen vermochten. Die Frackträger, die sich jetzt von den Strapazen der Minister- Borzimmer erholen, werden für ein solches Lächeln nur Verachtung haben. Ihre Beruhigungsversuche sind ja geglückt. Zwar erstreckt sich die Beruhigung nicht so sehr aus das Gemüth der galizischen Bauern als aus das Gewiffen der vornehmen Fürbitter — aber schließlich ist da kein großer Unterschied. Zur Beruhigung der Herren, welche die Judennoth durch periodisch wiederkehrendes Antichambrieren heilen wollen, wird auch das Blinken der Bajonnette in Galizien viel beitragen. Du mein Gott, was kann denn der galizische Jude mehr verlangen. Kaum ist ein Judenhaus niedergebrannt, so ist auch schon militärischer Schutz zur Hand, und in den „bedrohten" Gegenden hat jeder Jude für seinen persönlichen Schutz zwei bis drei Soldaten zur Verfügung. Mancher Herrscher opfert Unsummen für eine Leibgarde, der galizische Jude braucht nur seine geringen laufenden Steuern zu entrichten nnd ein wenig „bedroht" zu sein, und er hat Garde in Hülle und Fülle. Oder wenn dem anspruchsvollen galizischen Juden die Parallele mit dem Herrscher nicht genügt, so kann er sich ja in mehr exotischen Vergleichen ergehen. Er kann sich in die Situation irgend eines berühmten Forschungsreisenden hineinleben, der zwischen wilden Thieren und Bölkerstämmen seine Zelte aufgeschlagen hat. Es ist Nachtzeit, es brennen die Wachtfeuer, rings ist das Lager von wohlbewaffneten Posten beschützt, und der Feind ist gezwungen, den Ueberfall auf eine passendere Gelegenheit zu verschieben. Die galizischen Juden können den Reiz dieser Situation, den andere Leute erst in der tropischen Hitze genießen können, unter einem ziemlich gemäßigten Breitegrad in vollen Zügen einschlürfen, wobei sie nur zu sorgen brauchen, dass sie aus ihrer Habe immer das nöthrge Brennmaterial für Wachtfeuer aufbringen. Der galizische Jude wird seinen hochgestellten Glaubensgenoffen, die ihm in seinem sonst öden Dasein zu solch' romantischen Phantasieen Gelegenheit gaben, nicht genug Dank wissen können. Zwischen dem armen galizischen Juden und den jüdischen Deputationen, denen er es zu verdanken hat, dass er nicht heute sondern übermorgen ausgeraubt wird, besteht ein eigenthümliches Verhältnis. Es erinnert in seiner Zartheit an die schönen vergangenen Tage des Minnedienstes. Der Rittermusste sich, wenn er die Liebe seiner Maid erringen wollte, in Lebensgefahr begeben, gegen Feuer und Wasser kämpfen. Der jüdische Proletarier muss ein gewisses Quantum Blut vergossen haben, er muss mit knapper Mühe dem Tode entronnen sein, wenn er bewirken will, dass ihm der einflussreiche „Glaubensgenosse" sein Herz zuwende. Für gewöhnlich lässt so ein „Vertreter des Judenthums" den jüdischen Proletarier, der angelegentlich mit dem Hungertuche beschäftigt ist, vollkommen unbehelligt. Erst wenn der Proletarier Gefahr läuft, in seinem Hunger unversehens durch einen Mörder gestört zn werden, dann erwacht die Theilnahme des satten „Glaubensgenossen", er wird zum Gönner und ist eifrig bemüht, dem bedrohten Protectionskinde ein möglichst unblutiges Weiterhungern zu erwirken. Gewiss! Die Herren, welche heutzutage ihre Fittiche über das Judenthum ausbreiten, haben bei den galizischen Judenexcessen ihr Möglichstes gethan. Sie haben innuer innerhalb der engen Grenzen ihrer Erkenntnis das Möglichste gethan, und dieses Möglichste war der Ruf nach Polizei. Solange cs noch Bajonnette und andere militärische Gebrauchsartikel gibt, kann nur noch der Hypochonder von einer ernsten Judennoth sprechen. Eine Judennoth wird sich auch nicht so bald einstellen. Denn die einzelnen Staaten, verstärken, wie männiglich bekannt, ihre stehenden Heere auf alle mögliche Weise, jeder Tag bringt die Kunde von der Erfindung neuer Kriegsmaschinen, und während der gewöhnliche- Bürger über Steuerdruck lamentiert, und der humane Friedensfreund auf die verschiedenen Mordnstrumente mit einem gewissen Grauen hinblickt, sehen die jetzigen Betreuer des Judenthums in jeder Verbesserung des Repctiergewehres nur eine Verbesserung des Judenloses, das lautlose Pulver ist ein lauter Protest gegen die Phrase der Judennoth, die antisemitischeste Kasernenhofblüte ist im Grunde genommen etwas Philosemitisches, und jeder neuausgehobene Rekrut ist fast ebenso kostbar wie ein judenfreundlicher Abgeordneter. Gemach, ihr Pessimisten! Noch steht Israel nicht verlassen da! Sowie erst mit dem letzten Menschen der letzte Dichter ausstirbt, so stirbt erst mit dem letzten Gendarmen der letzte Judenfreund aus. Der galizische Bauer hat unangenehme Eigenschaften. Besonders sein Hang zur Geheimniskrämerei ist unausstehlich. Nie ist die große Oeffentlichkeit über Ort und Zeit eines Judenexcesses im Vorhinein unterrichtet, und an dieser kleinlichen Bauernschrulle muss das ganze vortreffliche System scheitern, das sich jene Herren Wortführer des Judenthums zur Beseitigung der Judennoth zurecht gelegt haben. Aber das ist ein unvorhergesehener, unberechenbarer psychologischer Factor, der gegen das Bajonnettsystem nicht das mindeste besagt. Eine zweite unangenehme Eigenschaft des Bauers ist seine Starrköpfigkeit. Sein Kopf kann sich, was den Härtegrad anbelangt, jedem Gewehrkolben an die Seite stellen, und da ist es kein Wunder, dass an einem solchen Kopf das Rettungssystem unserer jüdischen Beschützer kläglich zerschellt. Gestern hat man den Bauern durch einige runde Kleinigkeiten von dem Umgang mit Juden abgelenkt, heute folgt er wieder mit geröthetem Antlitz ihren Spuren. — Wenn man den galizischen Bauer einmal soweit gebracht haben wird, dass er einige Rauhheiten des Charakters ablegt, dann werden unsere jüdischen Beschützer mit ihrem System unbedingt reüssieren. Nie hat die österreichische Judenheit einen kläglicheren Anblick geboten, als in den letzten Wochen, wo sie Kraft entfalten, wo sie energisch sein wollte. Das Kleine ist nie kleiner, als wenn es sich in seiner ganzen Länge auftichtet. Die Repräsentanten des Judenthums thaten ein Uebriges, sie stellten sich, soweites ihnen möglich war, auf ihre Hinterbeine, — der galizische Bauer ist an diesem, ihm nicht ungewohnten Schauspiel einfach achselzuckend vorbeigegangen. Und die Hauptmasse der jüdischen Gemeinden, die ja gegen die Fährnisse der Judennoth eine ganze wohleingerichtete Apotheke zur Verfügung